Der mächtigste Mann im US-Wahlkampf verdient weniger als 50.000 $ im Jahr. Er hat einen Hauskredit, ein Auto, zwei Kinder, einen Hund, aber keinen Collegeabschluss. Er arbeitet in einer Fabrik, ist Gewerkschaftsmitglied, steht jedoch gesellschaftspolitisch eher den konservativen Republikanern nahe. In seiner Freizeit hört er Countrymusik. Am Sonntag geht er zur Kirche. Er lebt in Städten wie Fort Wayne, Indiana.
Weiße Arbeiter sind die Stars des Wahlkampfs. Je nach Definition stellen sie bis zu ein Viertel der Wähler. Von ihnen hängt ab, ob die Frau Hillary Clinton oder der Schwarze Barack Obama Präsidentschaftskandidat der Demokraten wird - und ob einer der beiden im November gegen den Republikaner
John McCain gewinnen kann.
"Die weiße Arbeiterklasse neigt traditionell den Republikanern zu", sagt John Russo, Soziologieprofessor an der Universität von Youngstown in Ohio. Doch er glaubt, dass 2008 ein Jahr der Demokraten werden müsste: "Der Wirtschaft geht es so schlecht, dass viele Wähler ihre Zweifel an den Demokraten herunterschlucken könnten", so Russo.
Fort Wayne war einst eine stolze Industriestadt. Die Autozulieferindustrie machte den 250.000-Einwohner-Ort zur "Welthauptstadt des Kupferdrahts". Doch die Unternehmen zogen weg. "Der Gemeinde wurden die Eingeweide herausgerissen", sagt Mark Crouch, Professor an der Universität in Fort Wayne. Allein in diesem Jahr ist die Arbeitslosigkeit von unter fünf auf über sechs Prozent geklettert.
David Quinn verlor seinen Job Anfang April, als sein Arbeitgeber die Produktion von Pizzablechen nach China verlegte. Jetzt hat der 34-Jährige viel Zeit, sich im Wahlkampf zu engagieren - für Obama. Der Kandidat kann die Hilfe gut brauchen, denn in jüngsten Umfragen ist er in Indiana, wo am Dienstag abgestimmt wird, hinter Clinton zurückgefallen.
Ein Sieg in Indiana ist Ehrensache für Obama: Rund 20 Prozent der Einwohner wohnen im TV-Einzugsgebiet seiner Heimat Chicago. Ein Sieg ist aber auch Ehrensache für Clinton: Die Bevölkerungsstruktur in Indiana ist ähnlich wie in Pennsylvania und Ohio, wo sie gewonnen hat - mit den Stimmen der weißen Arbeiter.
Doch auch der Kandidat, der sich bei den Demokraten durchsetzt, hat noch lange nicht für den Herbst ausgesorgt: "Wir haben von vielen weißen Arbeitern gehört, dass sie einfach nicht für eine Frau oder einen Schwarzen stimmen könnten", sagt Russo.
Zudem haben
Obama und
Clinton bei dieser wichtigen Wählergruppe weitere Zweifel gesät. Obama hängt seine als hochnäsig empfundene Äußerung über "verbitterte" Kleinstädter nach. Der Harvard-Absolvent hat die Arbeiter lange vernachlässigt und sich auf die Akademikerjugend konzentriert. Clinton ringt mit dem Problem, dass in der Präsidentschaft ihres Mannes die Nordamerikanische Freihandelszone gegründet wurde, die viele Arbeiter für die Jobverluste verantwortlich machen.
"Ich fühle mich beleidigt von Clinton", sagt Obama-Fan Quinn. "Wenn sie die demokratische Kandidatin wird, überlege ich ernsthaft, für McCain zu stimmen." Umfragen zeigen bei Clinton-Anhängern eine spiegelbildliche Einstellung.
"Die Demokraten haben vergessen, was es heißt, ein Demokrat zu sein", sagt der zum Rechtsanwaltsgehilfen umgeschulte frühere Gießereiarbeiter Rich Schweyer. Trotzdem wird er im Herbst die Zähne zusammenbeißen und für den Kandidaten der Partei stimmen. Den Republikaner George W. Bush hält er für das Schlimmste, was dem amerikanischen Arbeiter je passiert ist. Und McCain, der Freihandel befürwortet, wäre nach Ansicht von Schweyer kaum besser.
Schweyer hat sich ebenfalls für Obama entschieden - aber nur, weil ein anderer Kandidat nicht mehr im Rennen ist: John Edwards, der selbsterklärte Kämpfer für die Arbeiterklasse, stieg nach eine Reihe von Niederlagen gegen die vermeintlichen Superstars Clinton und Obama aus dem Wahlkampf aus.