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Merken   Drucken   10.12.2010, 10:37 Schriftgröße: AAA

Wikileaks-Splitter: Was Shell und Pfizer in Nigeria trieben

Trotz aller Drohungen und Behinderungen macht Wikileaks weiter. In neu veröffentlichten Dokumenten geht es um schmutzige Diamantengeschäfte in Zimbabwe und das Gebaren zweier Konzerne in Nigeria.

Täglich sorgen die von der Enthüllungsplattform Wikileaks veröffentlichten Depeschen von US-Diplomaten für neue Schlagzeilen. Bislang wurden erst etwa 1200 der insgesamt mehr als 250.000 Dokumente ins Internet gestellt. FTD.de berichtet über die letzten Neuigkeiten:

Der US-Pharmakonzern Pfizer  soll Privatdetektive auf den nigerianischen Justizminister Michael Aondoakaa angesetzt haben, um ein Verfahren wegen umstrittener Medikamentenversuche abzuwenden. Das berichtet der britische "Guardian" unter Berufung auf von Wikileaks veröffentlichte US-Depeschen. Aondoakaa wurde im Februar vom nigerianischen Präsidenten Goodluck Johnson seines Amtes enthoben.

Bei den Versuchen mit dem Meningitis-Medikament Trovan sollen elf Kinder getötet worden sein. Dutzende weitere trugen nach Angaben der nigerianischen Behörden Behinderungen davon. Der nigerianische Bundesstaat Kano verklagte Pfizer im Mai 2008 auf Schadenersatz in Höhe von 2 Mrd. $. Ende Juli einigten sich Pfizer und die Regierung von Kano dann auf eine Summe von 75 Mio. $.

Laut dem Guardian-Bericht nimmt eine der Depeschen Bezug auf ein Treffen zwischen Pfizers Nigeria-Manager Enrico Liggeri und US-Vertetern. Dabei soll Liggeri erzählt haben, Pfizer wolle keine Entschädigungen zahlen.

"Laut Liggeri hatte Pfizer Privatdetektive angeheuert, um Justizminister Michael Aondoakaa Verbindungen zu Korruption nachzuweisen, ihn bloßzustellen und ihn dazu zu bewegen, die Gerichtverfahren fallen zu lassen", heißt es in der Depesche eines Wirtschaftsberaters der US-Botschaft in Abuja aus dem April 2009. Liggeri soll zudem gesagt haben, Pfizer's Detektive würden die Informationen an lokale Medien weiterreichen. Sie hätten "noch viel mehr schädliche Informationen".

(Reuters)

Eine von vielen illegalen Ölraffinieren im Nigerdelta   Eine von vielen illegalen Ölraffinieren im Nigerdelta

Der Ölkonzern Shell  soll alle für seine Geschäfte relevanten Ministerien in Nigeria unterwandert haben. Die US-Diplomaten berichten von einem Treffen mit der Shell-Topmanagerin Ann Pickard. Sie habe ihnen einen Brief gezeigt habe, aus dem hervorgehe, dass Nigeria China aufgefordert habe, sich um Ölkonzessionen zu bewerben. "Sie sagte, die Regierung habe vergessen, dass Shell Abgesandte in allen wichtigen Ministerien habe und dass Shell folglich Zugang zu allem habe, was in diesen Ministerien passiere."

Nigeria ist Afrikas größtes Erdölexportland. Jahrzehntelang beherrschten Ölkonzerne wie Exxon Mobil , Total  und Shell den wichtigsten Wirtschaftszweig des Landes. Von Mitte 2006 bis zu einer Amnestie im vergangenen Jahr waren die Ölanlagen Ziel zahlreicher Anschläge.

Laut einer Depesche vom September 2008 wollte Pickard ihre Geheiminformationen mit den US-Vertretern teilen. Doch ganz geheuer war ihr das offenbar nicht: "Pickard hat uns wiederholt gesagt, sie spreche nicht gerne mit Vertretern der US-Regierung, weil es dort undichte Stellen gebe", heißt es in dem Dokument.

Der Ölkonzern bezeichnete die Berichte als unwahr. Shell werde sie nicht weiter kommentieren. (FTD.de)

Korruption ist in Zimbabwe allgegenwärtig. Besonders schlimm sieht es laut einem von Wikileaks veröffentlichten US-Dokument im Diamantenhandel aus. Auch die Familie von Machthaber Robert Mugabe  ist demach in die Machenschaften verstrickt. Die US-Diplomaten zitieren im November 2008 einen britischen Minendirektor, der von enormen Profiten berichtet, die Mugabe und seine Frau mit Diamanten erzielt hätten.

Zimbabwes Präsident Mugabe und seine Ehefrau Grace sollen in den ...   Zimbabwes Präsident Mugabe und seine Ehefrau Grace sollen in den illegalen Diamantenhandel verstrickt sein

Die Edelsteine würden von den Mitgliedern des Regimes mit frisch gedruckten Geldscheinen der Zentralbank des Landes gekauft. Wegen der horrenden Inflation ist die einheimische Währung nichts wert. Die Elite des Landes mache daher ein gutes Geschäft, wenn sie die Diamanten weiterverkaufe. Sie soll sich dadurch Hunderttausende Dollars in die eigene Tasche stopfen.

Nach der Bildung einer Einheitsregierung unter Einschluss der Opposition hatte die neue Regierung versprochen, sich an internationale Gepflogenheiten zu halten. In einer Depesche vom Januar 2009 berichten die US-Diplomaten jedoch, dass das Militär seine Kontrolle über die Diamantenminen verstärkt habe. Vor allem Libanesen seien an dem illegalen Handel beteiligt. (FTD.de)

Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi hat im Streit um die Freilassung eines Lockerbie-Attentäters offenbar großen Druck auf Großbritannien ausgeübt. Laut einem Bericht der britischen Tageszeitung "Guardian" warnte Gaddafi die Briten vor "weitreichenden Folgen", sollte Abdel Basset al-Meghrabi in der Haft sterben. Das gehe aus den von Wikileaks veröffentlichten US-Depeschen hervor, schreibt das Blatt.

Al-Meghrabi verbüßte in Schottland wegen seiner Beteiligung an dem Anschlag auf eine Pan-Am-Maschine über der Ortschaft Lockerbie eine lebenslange Haftstrafe. Bei dem Absturz des Flugzeugs kamen 270 Menschen ums Leben – zum größten Teil US-Bürger. Der Libyer wurde im August 2009 - so die offizielle Begründung - aus humanitären Gründen freigelassen, weil er wegen einer Krebserkrankung nur noch wenige Monate zu leben hatte.

Bilderstrecke Gaddafi - "Unser Schurke"

US-Diplomat Richard LeBaron kabelte nach Washington, dass die Libyer mit einer scharfen, unmittelbaren und nicht einfach abzustellenden Reaktion gedroht hätten, sollte al-Meghrabi nicht rechtzeitig freigelassen werden. In diesem Fall wollten die Libyer den Handel mit Großbritannien einstellen und die politischen Beziehungen einstellen, schrieb der US-Botschafter in Tripolis, Gene Cretz. Auch Demonstrationen gegen britische Einrichtungen seien möglich. Indirekt habe die Staatsführung auch angedeutet, dass das Wohl britischer Diplomaten und Bürger in Lybien bedroht sein könnte.

Al-Meghrabi wurde bei seiner Rückkehr triumphal empfangen. Vor allem die USA fanden das angesichts der vielen amerikanischen Attentatsopfer geschmacklos. Angeblich lebt al-Meghrabi in einer Luxusvilla in Libyen.(FTD.de)

Nach außen hin gibt sich das saudische Königshaus gern als in Moralfragen extrem konservatives Regime. Im Untergrund pulsiere jedoch das Nachtleben der jungen Elite, schrieb Generalkonsul Martin Quinn nach Washington. "Die ganze Palette weltlicher Versuchungen und Sünden sei erhältlich - Alkohol, Drogen und Sex", heißt es in einem Bericht aus dem vergangenen Jahr. Die Religionspolizei halte sich zurück, wenn Mitglieder des Königshauses auf Parties auftauchten.

Quinn berichtet von einer Halloween-Party, an der mehr als 150 Saudis - Frauen und Männer zwischen 20 und 30 Jahren - teilgenommen hätten. Sie hätten Alkohol getrunken und getanzt. Die Polizei habe sie in Ruhe gelassen. Nach Einschätzung des Generalkonsuls genießt die saudische Jugend relativ große Freiheiten - allerdings beschränkt auf die Reichen und nur hinter verschlossenen Türen. (Kai Beller)

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) hält an seinem umstrittenen Stasi-Vergleich mit der Enthüllungsplattform Wikileaks mit der Stasi fest. Er sei weiterhin "besorgt" über die Anhäufung von solchen Informationen und deren Veröffentlichung, sagte seine Sprecherin. Seine Kritik an der Sammelwut will er aber auf die Internetsite bezogen wissen - obwohl diese die Daten nur veröffentlicht und nicht zusammengetragen hat.

Wirtschaftsminister Brüderle kritisiert Wikileaks   Wirtschaftsminister Brüderle kritisiert Wikileaks

"Manches, was ich bei Wikileaks da entnehme, erinnert mich an die Sammelwut, die früher Institutionen im Osten hatten, die Stasi dabei", hatte der Minister auf dem IT-Gipfel in Dresden gesagt. Viele - auch FTD.de - hatten die Kritik auf die US-Diplomaten bezogen, die diese Informationen sammeln.

Es sei dem Minister darum gegangen klarzustellen, dass hier geheime Informationen gesammelt und mit dem Ziel veröffentlicht würden, anderen zu schaden, sagte die Sprecherin. Diese Besorgnis bestehe weiterhin. (FTD.de)

Die Kontroverse um Wikileaks regt auch den Geschäftssinn an. Inzwischen bieten immer mehr Händler T-Shirts und Jacken mit Schriftzügen der Plattform zum Verkauf an. Manche von ihnen versprechen, einen Teil der Erlöse an die Enthüllungsaktivisten zu spenden. Zumindest ein Angebot hilft sogar dabei, die Botschaften von Wikileaks in die Welt zu tragen: Es trägt die Zahlenfolge "88.80.13.160" - die IP-Adresse, unter der die Plattform dauerhaft im Netz zu finden ist.

Ein findiger Blogger verkauft bereits die veröffentlichten vertraulichen Dokumente des US-Außenministeriums als E-Book - ausgerechnet auf der Kindle-Plattform des weltgrößten Online-Händlers Amazon , der Wikileaks von seinen Servern verbannt hatte. Der Preis: umgerechnet gut 9 Euro.

Journalisten der US-Zeitschrift "The Atlantic" wollen die Lektüre der bisher veröffentlichten gut 1200 Botschaftsdepeschen kostenlos zu einer Art politischen Wundertüte machen. Sie bastelten ein "Cablegate-Roulette", das beim Klick auf eine rote Schaltfläche jedes Mal nach dem Zufallsprinzip ein neues Dokument anzeigt. (dpa)

Der Wikileaks-Aussteiger Daniel Domscheit-Berg geht mit seinem früheren Weggefährten Julian Assange erneut hart ins Gericht. Die Art, wie die Enthüllungsplattform derzeit häppchenweise vertrauliche Dokument des US-Außenministeriums veröffentliche, sei "Verrat an dem ursprünglichen Wikileaks-Prinzip", sagte Domscheit-Berg dem Wochenblatt "Der Freitag".

Der Grundgedanke der Organisation sei ursprünglich gewesen, dass "die Öffentlichkeit und möglichst viele Medien auf die Informationen Zugriff bekommen, ohne das jemand ­ aus welchen Gründen auch immer ­ diskriminiert wird", betonte Domscheit-Berg. Er war im Streit mit Assange bei Wikileaks ausgeschieden und baut derzeit eine eigene Enthüllungsplattform mit dem Namen Openleaks auf.

Die wenigen Medien, denen Wikileaks Zugriff auf die kompletten Daten gewährt hat - etwa "Der Spiegel" oder der britische "Guardian" - hätten dadurch einen Wettbewerbsvorteil bekommen. "Das heißt, Wikileaks ist nicht mehr neutral, sondern entscheidet vollkommen subjektiv, mit wem es nun zusammenarbeitet." (dpa)

  • FTD.de, 10.12.2010
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