Die Petrochemie soll in Basra und Kirkuk erblühen, für die Landwirtschaft eignet sich Kerbela am besten, und für die Glasindustrie gibt es hervorragende Voraussetzungen in der Anbar-Provinz. So weit können die deutschen Wirtschaftsvertreter dem Chef der irakischen Investitionsbehörde, Ahmed Redha Ali, noch folgen. Dann aber ungläubige Gesichter: Außerdem gebe es tolle Voraussetzungen für den Tourismus. In Kurdistan etwa oder an einem der fünf großen Seen. "Das ist vergleichbar mit dem Genfer See", ruft Redha Ali.
Man muss schon ein wirklich großer Visionär sein, um sich eine Tourismusindustrie im Irak vorstellen zu können - wo allein im Juni knapp 1000 Anschläge das Land erschütterten. Aber die Regierung aus Bagdad fährt bei ihrem Besuch in Berlin alles auf, um den deutschen Investoren ihre zerrüttete Heimat schmackhaft zu machen.
"Wir konnten die Stabilität im Irak wiederherstellen", sagt Ministerpräsident Nuri al-Maliki vor Unternehmern, die der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) nach Berlin geladen hatte. Die Macht des Terrorismus sei gebrochen. Das Gleiche hatte er bereits am Vorabend bei einem Galadiner der deutsch-arabischen Handelskammer Ghorfa gesagt - und davor beim Pressetermin mit Kanzlerin Angela Merkel. Bei so viel Euphorie scheint keine Frage offenzubleiben. Als al-Maliki nach seiner Rede beim BDI suchend ins Publikum blickt, hebt sich keine einzige Hand.
Umso mehr sind es, als er das Feld seinen Fachleuten überlässt. Wann endlich das Öl- und Gasgesetz umgesetzt werde, fragt Ties Tiessen, Vorstand bei Wintershall, das als einziges deutsches Unternehmen in der engeren Auswahl für die Ölförderung im Irak ist. Und ob das Gesetz dann auch für alle Provinzen gelten werde. Der irakische Elektrizitätsminister Karim Wahid weicht aus. Es gebe da noch technische Fragen zu klären - und politische. Das Gesetz sei jetzt im Kabinett und danach im Parlament. Auf diesem Stand ist man seit anderthalb Jahren. Und ja, es betreffe alle Provinzen - aber für einige gebe es Sonderparagrafen.
Es ist offensichtlich: Nachdem al-Maliki zwei Tage Zeit hatte, seine frohe Botschaft zu verkünden, trifft er auf die harte Wirklichkeit. "Ein bisschen euphorisch", nennt ihn ein Unternehmer hinter vorgehaltener Hand. Das Interesse am Irak sei "eher langfristig", sagt Norbert Petersen vom Turbinenhersteller MAN Turbo. Ein anderer Manager beschwert sich, dass er kein Geld für Investitionen freimachen könne, solange Bagdad die Entscheidung über die Privatisierung von Unternehmen vertage.
Und Commerzbank-Vorstand Klaus Kubbetat macht Industrieminister Fausi al-Hariri den Vorschlag, irakische Banker doch einfach noch einmal zu ihm in die Lehre zu schicken. "Wie sehen internationale Finanzierungskonstruktionen aus?", soll sein Seminar heißen. Privatbanken im Irak verfügten nämlich nicht nur über zu wenig Fremdwährungsliquidität. Es sei auch irritierend für westliche Partner, dass viele keine Jahresabschlüsse vorlegten und sich somit keine Kreditlinie ablesen lasse.
Ein paar Erfolge haben al-Maliki und sein Team aber doch zu verbuchen. Neben der Paraphierung des irakisch-deutschen Investitionsschutzvertrags haben einige Unternehmen Absichtserklärungen unterzeichnet. MAN Nutzfahrzeuge und Terramar wollen ab 2009 eine Lkw- und Busmontagelinie im Irak aufbauen. Der Autokonzern Daimler verhandelt über den Bau von Bussen und Lastwagen. Der Schweizer Elektrotechnikkonzern ABB will nach Angaben Wahids 46 Kraftwerke modernisieren. Und auch Siemens beteilige sich an einem 3500-Megawatt-Kraftwerk. Bei 3,5 Mrd. bis 4,5 Mrd. $ liege das Volumen der bisher abgeschlossenen Verträge. "Wir sprechen sicherlich noch nicht von einem normalen Land", sagt Terramar-Geschäftsführer Peter Mayr. Aber: "Es ist jetzt der Zeitpunkt, anzutreten."