Wenn die Kanzlerin nur drei Tage vor der Bundestagswahl zum G20-Gipfel nach Pittsburgh jettet, will sie dort sicher keine Diskussionen über Deutschlands Mitschuld an der Finanzkrise. Das Treffen bringt Angela Merkel nur dann Bonuspunkte im Endspurt, wenn sie es schafft, dort eine hierzulande beliebte Sichtweise zu verfestigen: dass die Europäer ohne Schuld mit in die Krise gerissen wurden und nun die Einzigen sind, die (unter Merkels Führung) die wild gewordenen Finanzmärkte wirklich zähmen wollen.
Diese Lesart der Ereignisse trifft allerdings nicht ganz zu. Anders als Merkel glauben machen will, ist es mehr als ein durchsichtiges Ablenkungsmanöver, wenn Briten und Amerikaner das Thema weltwirtschaftliche Ungleichgewichte kurzfristig auf die Agenda des Gipfels setzen. Hier geht es um ein echtes internationales Problem - und Deutschland ist ein großer Teil dieses Problems.
Sicher war es ein Zusammenspiel vieler Faktoren, das zum Ausbruch der Finanzkrise geführt hat. Die globalen Ungleichgewichte in den Leistungsbilanzen großer Wirtschaftsnationen gehören jedoch ganz eindeutig zu den entscheidenden.
Auch deutsche Kritiker führen gern an, dass eine Weltwirtschaft, die im großen Stil auf Pump basiert, irgendwann kollabieren muss. Sie verschweigen dabei aber meist, dass es exportlastige Länder wie Deutschland oder China waren, die den Konsumrausch amerikanischer Verbraucher überhaupt erst ermöglichten und von ihm profitierten. Die gewaltigen Handelsbilanzüberschüsse und der hohe Verschuldungsgrad der USA sind zwei Seiten der gleichen Medaille.
Weil hohe Überschüsse auch angelegt sein wollen, neigen sie zudem dazu, Blasen zu verstärken. Vor Beginn der Finanzkrise floss Überschusskapital bevorzugt in spekulative Märkte wie den US-Immobiliensektor. Gerade die Landesbanken standen im globalen Kasino ganz vorn am Spieltisch.
Die Europäer suggerieren, Amerikaner und Briten wollten sie mit der Diskussion nur zu größeren Konjunkturpaketen drängen. Das mag noch beim G20-Gipfel im Frühjahr so gewesen sein, als die Weltwirtschaft akut vom Zusammenbruch bedroht war. Um Ungleichgewichte langfristig abzubauen, ist nun aber anderes nötig: Deutschland wie China sollten aufhören, ihre Wirtschaft rein über Wettbewerbsfähigkeit und Exportstärke aus der Krise retten zu wollen.
Die Wirtschaftskrise hat vor Augen geführt, wie verletzlich Deutschland durch seine extreme Abhängigkeit von der Weltkonjunktur ist. Ein Abbau der Ungleichgewichte ist daher letztlich auch im deutschen Interesse.
Um künftige Krisen zu vermeiden, ist es entscheidend, dass sowohl die Finanzmarktregulierung als auch die globalen Ungleichgewichte angegangen werden. Die einzige Gefahr, die durch eine Debatte über die Ungleichgewichte in Pittsburgh wirklich droht, ist, dass das eine Thema gegen das andere ausgespielt wird und am Ende bei keinem viel herauskommt.