"Ethische Diskussion hat viel Zeit gekostet"Fünf Forscherteams arbeiten in Deutschland derzeit mit menschlichen embryonalen Stammzellen. Sie alle mussten beim Robert-Koch-Institut den Import dieser Zellen beantragen, über den das deutsche Stammzellgesetz wacht. Erlaubt ist nur die Einfuhr solcher Zellen, die vor dem 1. Januar 2002 entstanden sind. Jürgen Hescheler von der Universität Köln, nach Oliver Brüstle der zweite deutsche Wissenschaftler, der diese Zellen im vergangenen Jahr importierte, sieht sich von dem Gesetz zurückgeworfen. "Die ethische Diskussion war heftig, und sie hat uns viel Zeit gekostet."
Hescheler, der Herzmuskelzellen herstellen möchte, sieht Deutschland zwei bis drei Jahre hinter manchen Ländern zurückliegen. Vor allem die USA, Israel und die Niederlande würden davonziehen. Mit seinen Ergebnissen ist er bislang dennoch zufrieden: "Mit den Zellen kann man ganz gut arbeiten."
"Langfristig müssen wir von der Stichtagsregelung wegkommen", fordert Brüstle. "Wir kooperieren international, jetzt haben wir ein EU-Projekt mit Großbritannien, Schweden und mehreren anderen europäischen Staaten begonnen." Neue Zelllinien seien häufig qualitativ besser. "Zudem setzen diese Kooperationen voraus, dass Daten verschiedener Labors verglichen werden. Ohne Zugang zu den von unseren Partnern verwendeten neueren Zelllinien ist dies nicht möglich." Als Kompromiss im Streit um das Stammzellgesetz könnte sich der Bonner Forscher vorstellen, dass Wissenschaftler nur mit bereits existierenden Zelllinien arbeiten dürfen, die zum Zeitpunkt der Forschungsantrags mindestens sechs Monate alt sind. Dies könne verhindern, dass für deutsche Projekte Zelllinien hergestellt werden.
Wenn er so etwas sagt, ist dem vierfachen Vater die Lust anzumerken, wieder stärker in der Diskussion präsent zu sein - wenn er denn mehr Zeit hätte. Vor allem in den Jahren 2001 und 2002 stellte er sich der Debatte. Nur wenige Wissenschaftler haben in Deutschland bisher so sehr im Rampenlicht gestanden wie Brüstle. Dabei polarisiert der Mann: Die einen loben ihn als Wegbereiter für Therapien im Kampf gegen bisher unheilbare Krankheiten. Andere feinden ihn an, sehen in ihm einen gewissenlosen und ehrgeizigen Forscher. "Er ist die Speerspitze der Stammzelldiskussion, die Personifizierung dieses Themas", hat Eva-Maria Streier, Sprecherin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), einmal gesagt. "Und er ist ein leidenschaftlicher Wissenschaftler."