Wer zu Oliver Brüstle will, der muss an einer großen Baustelle vorbeilaufen. Denn auf dem Gelände des Bonner Uniklinikums entsteht derzeit ein Lieblingsprojekt des Neurobiologen: Life & Brain, ein Zentrum für Gehirnforschung. Privatwirtschaftlich organisiert, gehört es dennoch zur Universität, die Mitgesellschafter ist. Das Konstrukt ist nach Brüstles Geschmack: Wissenschaftliche Entwicklungen sollen schnell in Produkte umgesetzt werden.
Damit das gelingt, können Hirnforscher und Genetiker im "Inkubatorbereich" das Ausgründen schon mal üben. Bereits die Bauarbeiten verlaufen gut: Der Rohbau steht, die Handwerker sind sogar schneller als geplant. "Im Dezember wollen wir die ersten Räume beziehen", sagt Brüstle, der außer seinen Uni-Ämtern auch Geschäftsführer von Life & Brain ist.
Abgesehen vom Baulärm ist es um den Direktor des Instituts für Rekonstruktive Neurobiologie in letzter Zeit etwas ruhiger geworden. Das liegt vor allem an Oliver Brüstle selbst. Der eloquente Forscher hält sich bewusst mit Interviews zurück, nach einer turbulenten Zeit will er nun möglichst ungestört forschen. Seit Beginn des vergangenen Jahres arbeitet das Team des Wissenschaftlers mit menschlichen embryonalen Stammzellen, nachdem Brüstle zuvor in der Öffentlichkeit vehement dafür eingetreten war, dass solch eine Forschung in Deutschland überhaupt möglich ist.
"Der Fortschritt geht in langsamen Schritten voran, es ist noch sehr viel Kleinarbeit zu leisten." Brüstle spricht schnell, ein wenig Ungeduld und etwas Schwäbisch schwingen in der Stimme des in Ulm aufgewachsenen Neurobiologen deutlich vernehmbar mit. "Wir haben es mit einer langfristigen Entwicklung zu tun", warnt der Mann, der seit einiger Zeit gern vor überzogenen Erwartungen an die Stammzellforschung warnt. "Es wird noch zehn Jahre dauern, bis wir über klinische Studien nachdenken."
Mit ersten Ergebnissen ist der Bonner Wissenschaftler dennoch zufrieden. Neue Therapien im Kampf gegen Alzheimer, Parkinson und schwere Herzleiden bleiben das Ziel der Wissenschaftler, wenngleich die Grundlagenforschung weiter ihre Hausaufgaben machen müsse. "Unsere Experimente, wie auch solche von anderen Gruppen im Ausland, weisen darauf hin, dass humane embryonale Stammzellen ähnlich wie Mäusezellen in therapeutisch wichtige Zellpopulationen ausgereift werden können."
Einige Vorläuferzellen des Gehirns und des Rückenmarks haben Brüstles Mitarbeiter schon aus den Stammzellen entwickelt. Nun prüfen sie, ob sich diese Zellen ähnlich verhalten wie Zellen, wie sie im Nervensystem anzutreffen sind. Damit sich eines Tages Gewebe für Therapien entwickeln lässt, müssen die Forscher das Ausreifen präzise beherrschen. Haben sie diesen Prozess nicht voll unter Kontrolle, besteht das Risiko, dass sich Tumore bilden.
Fünf Forscherteams arbeiten in Deutschland derzeit mit menschlichen embryonalen Stammzellen. Sie alle mussten beim Robert-Koch-Institut den Import dieser Zellen beantragen, über den das deutsche Stammzellgesetz wacht. Erlaubt ist nur die Einfuhr solcher Zellen, die vor dem 1. Januar 2002 entstanden sind. Jürgen Hescheler von der Universität Köln, nach Oliver Brüstle der zweite deutsche Wissenschaftler, der diese Zellen im vergangenen Jahr importierte, sieht sich von dem Gesetz zurückgeworfen. "Die ethische Diskussion war heftig, und sie hat uns viel Zeit gekostet."
Hescheler, der Herzmuskelzellen herstellen möchte, sieht Deutschland zwei bis drei Jahre hinter manchen Ländern zurückliegen. Vor allem die USA, Israel und die Niederlande würden davonziehen. Mit seinen Ergebnissen ist er bislang dennoch zufrieden: "Mit den Zellen kann man ganz gut arbeiten."
"Langfristig müssen wir von der Stichtagsregelung wegkommen", fordert Brüstle. "Wir kooperieren international, jetzt haben wir ein EU-Projekt mit Großbritannien, Schweden und mehreren anderen europäischen Staaten begonnen." Neue Zelllinien seien häufig qualitativ besser. "Zudem setzen diese Kooperationen voraus, dass Daten verschiedener Labors verglichen werden. Ohne Zugang zu den von unseren Partnern verwendeten neueren Zelllinien ist dies nicht möglich." Als Kompromiss im Streit um das Stammzellgesetz könnte sich der Bonner Forscher vorstellen, dass Wissenschaftler nur mit bereits existierenden Zelllinien arbeiten dürfen, die zum Zeitpunkt der Forschungsantrags mindestens sechs Monate alt sind. Dies könne verhindern, dass für deutsche Projekte Zelllinien hergestellt werden.
Wenn er so etwas sagt, ist dem vierfachen Vater die Lust anzumerken, wieder stärker in der Diskussion präsent zu sein - wenn er denn mehr Zeit hätte. Vor allem in den Jahren 2001 und 2002 stellte er sich der Debatte. Nur wenige Wissenschaftler haben in Deutschland bisher so sehr im Rampenlicht gestanden wie Brüstle. Dabei polarisiert der Mann: Die einen loben ihn als Wegbereiter für Therapien im Kampf gegen bisher unheilbare Krankheiten. Andere feinden ihn an, sehen in ihm einen gewissenlosen und ehrgeizigen Forscher. "Er ist die Speerspitze der Stammzelldiskussion, die Personifizierung dieses Themas", hat Eva-Maria Streier, Sprecherin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), einmal gesagt. "Und er ist ein leidenschaftlicher Wissenschaftler."
Der Hennessy X.O Award Donnerstagabend wird Oliver Brüstle in der Berliner Bertelsmann-Repräsentanz mit dem "X.O Award" ausgezeichnet - in Anwesenheit von Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement. Das Cognac-Haus Hennessy und die FTD vergeben diesen Preis für außergewöhnliche Leistungen von Menschen, die aus der Masse der Akteure in Deutschland herausragen.
Die Preisträger Nach dem Segelsport-Mäzen Michael Illbruck und Peter Körfer-Schün, Chef des Sanitärtechnikherstellers Friedrich Grohe, ist Oliver Brüstle der dritte Preisträger, den die Jury zu den Menschen zählt, die ihren Visionen Gestalt verleihen, Innovationen begründen oder in vorbildlicher Weise Verantwortung übernehmen.
Die Jury Den Preisträger ermitteln Jürgen Heraeus, Aufsichtsratsvorsitzender der Heraeus-Holding, "Tagesthemen"-Moderator Ulrich Wickert, Anton Meyer, Lehrstuhlinhaber Marketing an der Uni München, Kommunikationsberater Peter Hoenisch und FTD-Chefredakteur Christoph Keese.