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Merken   Drucken   06.08.2003, 17:58 Schriftgröße: AAA

Wissen: Willkommen im Klub der Kopien

In Italien ist das weltweit erste Klonpferd zur Welt gekommen. Die Forscher entwickelten dazu eine neue Technik. von Sascha Karberg
Bald würde es einen ganzen Zoo von Klontieren geben, mutmaßten manche Forscher, als 1996 die erste Kopie eines Säugetieres zur Welt kam. Doch sechs Jahre später und nach dem verfrühten Tod von Klonschaf Dolly ist der Klub der geklonten Säugetiere noch immer sehr exklusiv. Ein Klon-Bauernhof hätte außer Schafen nur Ziegen, Mäuse, Kaninchen, Katzen, Schweine und Maultiere im Stall.
Am Mittwoch meldete die Fachzeitschrift "Nature" das neueste Klubmitglied an: das Pferd. Wie erst jetzt bekannt wird, kam am 28. Mai im italienischen Cremona das geklonte Fohlen Prometea zur Welt. Die Mutter ist eine Haflinger-Stute, deren genetische Kopie das Junge ist.
Aber Prometea scheint nicht einfach nur ein weiterer Klon zu sein. Das Fohlen könnte ein Meilenstein in der Perfektionierung der Klontechnik sein. So sieht es jedenfalls Cesare Galli, der Wissenschaftler von der Universität Cremona, der das wissenschaftliche Kopf-an-Kopf-Rennen um das erste Klonpferd für sich entscheiden konnte.
Drei Tiere sind nötig
Denn bisher waren am Klonvorgang im Prinzip drei Tiere beteiligt: Vom ersten Tier, das genetisch kopiert werden soll, werden Körperzellen gewonnen. Ein zweites spendete die Eizelle, aus der das Erbmaterial entfernt und durch die DNA einer der Körperzellen ersetzt wird. Daraus erwächst der geklonte Embryo, der dann dem dritten Tier, einer Leihmutter, eingesetzt wird.
Bei Gallis Experiment waren zum ersten Mal Leihmutter und Körperzellen-Spenderin ein und dasselbe Tier: eine Haflinger-Stute. Dadurch trug sie einen Fötus aus, der mit ihr genetisch absolut identisch war. Galli meint, dies könnte die Chancen des Klons auf eine ungestörte Entwicklung erhöht haben.
Gerade in den ersten Tagen eines jeden Säugetierembryos besteht die Gefahr, dass das Immunsystem der Mutter den Keim als Fremdkörper einstuft und abstößt. Ist der Fötus mit der Mutter jedoch genetisch identisch, wie bei Prometea der Fall, bedarf es gar keiner komplizierten Wechselwirkung zwischen Embryo und Mutter, um eine Immuntoleranz aufzubauen.
Schlechte Ausbeute
Trotzdem ist Klonen nach wie vor ein mühsames Unterfangen. 328 Klonversuche brauchten die Forscher, um zunächst 14 lebensfähige Embryonen zu bekommen. "Das ist eine mindestens zehnfach schlechtere Rate als beim Klonen von Rindern", sagt Eckhard Wolf, der an der Ludwig-Maximilians-Universität in München das erste deutsche Klonrind konstruierte. Das könne an der unterschiedlichen Fähigkeit der jeweiligen Eizellen liegen, das Erbgut, das ja aus ausgewachsenen Körperzellen stammt, auf den Startpunkt der Entwicklung umzuprogrammieren.
Gene, die im ausgewachsenen Organismus eingeschaltet sein müssen, um zum Beispiel für Haarwuchs zu sorgen, müssen in den ersten Zellteilungen eines Embryos abgeschaltet sein. "Beim Rind bleibt für diese Reprogrammierung relativ viel Zeit: bis zum 8- oder 16-Zellstadium des Embryos", sagt Wolf. Bei anderen Säugetieren wie dem Pferd ist da weniger Spielraum, mehr falsch programmierte Embryonen gehen zu Grunde. Beim Pferd haben Klonembryonen, die diese Bewährungsphase überstehen, jedoch bessere Aussichten als beim Rind, auch eine normale Schwangerschaft durchzustehen und gesund zur Welt zu kommen.
Cesare Galli jedenfalls ist zufrieden: "Bisher können wir sagen: Das Fohlen ist absolut normal. Es war eine natürliche Geburt, und in weniger als einer Stunde stand Prometea und trank." Pferdeklone scheinen zu den gesündesten im Klub zu gehören, während andere an zu groß gewachsenen Organen oder schon früh an fürs Alter typischen Erkrankungen leiden - Dolly hatte beispielsweise Gelenkentzündungen.
"Auch Menschen kann man klonen"
Die Gesundheit des Fohlens zeige, dass jede Säugetierart anders auf Klonexperimente reagiere. Deshalb hält Galli Versuche am Menschen zwar wie seine Kollegen für verfrüht und unverantwortlich, aber nicht für prinzipiell unmöglich: "Auch Menschen sind Säugetiere. Ich sehe keinen Grund, dass es nicht eines Tages getan werden könnte."
Derzeit richtet sich sein Interesse jedoch auf die Möglichkeiten, die die Klontechnik für die Forschung bietet: Durch den Vergleich eines geklonten Pferdes mit dem Ausgangspferd ließe sich herausfinden, welche Leistungen eines Pferdes eine genetische Basis haben und welche anerzogen wurden. "In Zukunft können Klone klären, welchen Anteil Gene an den sportlichen Fähigkeiten der Pferde haben und welchen Training und Dressur ausmachen", sagt Galli.
Auch komplexe Krankheiten könnten mit Hilfe geklonter Pferde auf ihren genetischen Hintergrund überprüft werden, ergänzt Katrin Hinrichs, Veterinärmedizinerin an der Texas A&M University. Erst Ende vergangener Woche hörte die Forscherin, dass sie das Rennen von weltweit fünf Laboren um den ersten Pferdeklon verloren hat. Der Geburtstermin für den "vielleicht noch ersten amerikanischen Pferdeklon" ist im November. Für die Zucht, zum Beispiel von Reit- oder Rennpferden, dürfte Klonen keine wesentliche Rolle spielen. "Der Züchter will keinen Klon eines Pferdes, das er schon hat. Er will zwei gute Pferde kreuzen, um ein besseres zu bekommen", sagt Hinrichs. Einen Champion zu klonen, sei schon aus bürokratischen Gründen wenig attraktiv, sagt Hinrichs: Der amerikanische Jockey Club, bei dem jedes Rennpferd zugelassen werden muss, verbiete Tiere, die durch künstliche Befruchtung gezeugt wurden - "vom Klonen gar nicht zu sprechen".
Pferd ist kein normales Nutztier
Thomas Hartwig von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung ist ebenfalls skeptisch: "100 Klone eines Ausnahmepferdes wie Black Beauty würden wohl auch 100 Leistungsbilder zeigen." Das Pferd sei mit anderen Nutztieren kaum zu vergleichen. Der Einfluss des Menschen auf Dressur und Training sei viel größer.

Schaf Dolly war das weltweit erste geklonte Säugetier - und bis heute auch das berühmteste. Das Tier kam am 5. Juli 1996 zur Welt. Sein früher Tod im Februar dieses Jahres bestätigte die Befürchtungen mancher Genetiker, wonach geklonte Tiere meistens viel kränker sind als ihre Artgenossen.
Schwein Nach erfolgreichen Klonversuchen mit Maus, Rind und Ziege im Jahr 1998 gingen im März 2000 Bilder von fünf geklonten Schweinen um die Welt. Die schottischen Schöpfer der Nutztiere hatten sich schillernde Namen für die Ferkel ausgedacht: Millie, Christa, Alexis, Carrel und Dotcom.
Katze Im Jahr 2002 kamen die ersten Schmusehaustiere im Klub der Kopien an. Französische Forscher schufen ein Kaninchen. In den USA kam Copycat zur Welt, die erste geklonte Katze. Deren Schöpfer sprachen beim Anblick des gefleckten Tierchens vom Anfang der Kommerzialisierung des Klonens.
  • FTD, 06.08.2003
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