Der Wirtschafts-Nobelpreis 2012 geht wieder in die USA. Die Schwedische Wissenschaftsakademie vergab die international umstrittene Auszeichnung am Montag an die US-Ökonomen Alvin E. Roth (60) und Lloyd S. Shapley (89). Beide hätten bahnbrechende Erkenntnisse dafür entwickelt, wie man "verschiedene wirtschaftliche Akteure zueinander bringt", hieß es zur Begründung in Stockholm. Damit wurde ihre Forschung zur Verteilung zwischen Menschen und Märkten ("stabile Allokationen") ausgezeichnet. Beide Wissenschaftler sind Spieltheoritiker und eher unbekannt.
Das Forschungsgebiet der beiden gilt als recht praxisnah, ist jedoch mikroökonomischer Natur und hat keine Anwendung für die aktuell drängenden Fragen der Weltwirtschaft. So sagte auch der aus Kalifornien per Telefon zugeschaltete Roth bei der Pressekonferenz der Reichsbank: "Ich habe keine Ideen zur Euro-Krise. So eine Art Ökonom bin ich nicht." Er sei "überrascht und glücklich" über den Nobelpreis. Auf die Verleihung in Stockholm am 10. Dezember freue er sich, weil "das eine sehr gute Party sein soll". Roth ist derzeit Professor an der Harvard-Universität in Cambridge und wechselt zu Beginn des Jahres 2013 an die Universität Stanford in Kalifornien. Shapley kommt von der University of California in Los Angeles. Er ist der zweitälteste Empfänger der Wirtschaftsauszeichnung zum Zeitpunkt der Vergabe.
Der Forscherkollege Richard Thaler von der University Chicago hält die Auszeichnung für überfällig. Er sagte der FTD: "Roth' Arbeit ist aktuell und relevant. Keine Ahnung, warum sie bei Shapley so lange gewartet haben."
Dani Rodrik, Harvard-Kollege von Roth, sagte der FTD: "Dieses Jahr scheinen sie jemand mit einem praktischen Anwendungsgebiet gefunden zu haben, vielleicht um Kritik zu vermeiden. Er ist ein Ökonom, der an Arbeitsteilung glaubt. Das ist besser als jemand, der Dinge kommentiert, von denen er keine Ahnung hat. Das ist auch ein Zeichen für den Grad der Spezialisierung, den die Wirtschaftswissenschaften erreicht haben."
Nicht erfreut zeigte sich Bert Rürup, Vorstand bei MaschmeyerRürup und ehemals Chef des Sachverständigenrats der Bundesregierung: "Ich hätte mir gewünscht, wenn in dieser Zeit des Zweifelns am etablierten makroökonomischen Paradigma Ökonomen wie Robert Shiller geehrt worden wären. Mit Roth und Shapley wurde ein sehr anerkanntes Forscherteam geehrt, aber ich hätte eine Begründung erwartet, die erkennen lässt, worin genau der wissenschaftliche Fortschritt besteht und für welche konkreten Probleme deren spieltheoretischen Arbeiten relevant sind."
Der "Preis für Wirtschaftswissenschaften der schwedischen Reichsbank im Gedenken an Alfred Nobel" wird erst seit 1969 verliehen und ist mit 8 Mio. Kronen (etwa 920.000 Euro) dotiert. Die Auszeichnung wird von der schwedischen Reichsbank gestiftet, um der wachsenden Bedeutung wirtschaftlicher Fragen Rechnung zu tragen.
Der Wirtschaftsnobelpreis ist wohl der umstrittenste in der Reihe der Nobelpreise. Der Durchschnitts-Preisträger ist männlich, aus den USA und wird für 20 bis 30 Jahre alte Forschungsergebnisse ausgezeichnet. Erst im vergangenen Jahr gab es große Diskussionen.
Die Preisträger 2011 waren für viele Kritiker ein rotes Tuch. Mit Thomas Sargent und Christopher Sims wurden zwar zweifellos einflussreiche Ökonomen ausgezeichnet. Doch zugleich gelten die beiden als Pioniere der Annahme rationaler Erwartungen – der Vorstellung, dass alle Wirtschaftsakteure stets perfekt informiert sind und rational handeln. Die Arbeiten, für die die beiden honoriert wurden, stammen aus den 1970er-Jahren.
Nun gibt es eine ganze Reihe von Leuten, die der Meinung sind, dass die Wirtschaftswissenschaft genau wegen solcher Annahmen bei der Vorhersage und Bewältigung der Finanzkrise 2008/2009 versagt habe. Wie kaum eine andere Nominierung der vergangenen Jahre brachte die letztjährige Auszeichnung damit das Problem des Wirtschaftspreises auf den Punkt. Denn er wirkt des Öfteren aus der Zeit gefallen und verstärkt damit die derzeit gängige Kritik an den Wirtschaftswissenschaften: Zu abgehoben, zu praxisfern, zu theoretisch.
Seit der ersten Vergabe wurden 71 Wirtschaftspreisträger ausgezeichnet, von denen 56 an US-Instituten arbeiteten. 2009 erhielt die US-Ökonomin Elinor Ostrom als bisher einzige Frau einen Wirtschaftsnobelpreis. Einziger deutscher Preisträger war 1994 der Bonner Spieltheoretiker Reinhard Selten.
Selten begrüßte die Auszeichnung von Lloyd Shapley. "Shapley hätte den Preis schon lange bekommen sollen", sagte Selten. "Als er einst an mich verliehen wurde, dachte ich: Eigentlich hätte er ihn bekommen sollen. Ich freue mich sehr für ihn. Er hat es wirklich verdient."