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Merken   Drucken   24.12.2010, 16:13 Schriftgröße: AAA

Bombastischer Aufschwung: Ein Jahr im Zeichen des perfekten Konjunktur-V

2010, das Jahr nach der großen Krise, war geprägt von einer historischen Aufholjagd - die zwischenzeitlich nah am Abgrund verlief. FTD.de gibt einen Überblick über die Entwicklung der Weltwirtschaft. von Martin Kaelble, Berlin
Das Jahr eins nach der historischen Krise lässt sich mit einem einzigen Buchstaben beschreiben: einem V. Egal ob es sich um Stimmungsindikatoren, Exporte oder Industriedaten handelte, die Diagramme kannten vielerorts nur eine Richtung - nach oben. Und so steht am Jahresende fest: Das Schlimmste ist ausgeblieben, ein Déjà-vu der 30er-Jahre vorerst vom Tisch. Statt einer zähen Dauerkrise - die so mancher Ökonom prophezeite - folgte dem tiefen Einbruch eine beispiellose Aufholjagd in weiten Teilen der Welt. So wurde 2010 zum Jahr der Entwarnung - ein zwölf Monate währender Beweis, dass die Lehman-Pleite in erster Linie ein Vertrauensschock war, von dem sich die Weltwirtschaft schneller erholte als so mancher dachte.
Rund um den Globus legte die Wirtschaftsleistung in den meisten ...   Rund um den Globus legte die Wirtschaftsleistung in den meisten Ländern nach dem schweren Einbruch 2009 wieder zu
Ein Schock mit bleibenden Folgen allerdings - in Form von Staatsfinanzen, die durch enorme Krisenkosten aus dem Ruder gelaufen sind. Sie sorgten auch 2010 für dramatische Momente am Rand des Abgrunds. Im Gegensatz zum Jahr 2008 konnte der große Kollaps allerdings gerade noch abgewendet werden. Die Fälle Griechenland und Irland zeigen aber, dass die Wunden noch nicht ganz verheilt sind. Trotz der großen Fortschritte bleibt der Patient Weltwirtschaft weiter unter Beobachtung. Rückschläge scheinen jederzeit möglich.
Von Vorsicht geprägt waren auch die meisten Prognosen der Experten noch vor einem Jahr. Doch mit jedem Monat nahm das Vertrauen zu - bis sich Mitte des Jahres so mancher Ökonom verwundert die Augen rieb über die Stärke der Erholung, die besonders in Deutschland gewaltig an Fahrt aufnahm. Mit einem voraussichtlichen Wirtschaftswachstum von über 3,5 Prozent überflügelte die deutsche Wirtschaft die meisten anderen in Europa. Damit hatte kaum ein Prognostiker vor einem Jahr auch nur im Entferntesten gerechnet. So wurde es ein Jahr der fortwährenden Aufwärtsrevisionen.
Das gilt auch für die meisten anderen Exportnationen. Ob die Niederlande, Schweden, Südkorea oder Singapur - für sie alle galt: je stärker der Einbruch 2009, umso stärker der Rückpralleffekt 2010. Am Ende sah der Verlauf ihrer wichtigsten Konjunkturkennzahlen seit Krisenbeginn gleich aus - nämlich wie ein V.
Nur die drittgrößte Volkswirtschaft fiel aus diesem Muster heraus. Japan litt unter einem starken Yen, zum Ende des Jahres warnten einige Volkswirte gar vor einem Rückfall in die Rezession. Auch die Versuche der Regierung und Notenbank, die Aufwertung des Yen zu stoppen, blieben weitgehend ergebnislos. In anderen Ländern machten die Währungen Exporteuren und Regierungen ebenfalls zu schaffen, im Herbst nahm der Streit um Wechselkurse mächtig Fahrt auf. US-Finanzminister Timothy Geithner scheiterte beim G20-Treffen in Korea mit seinem Vorschlag, Unter- und Obergrenzen für Leistungsbilanzdefizite und -überschüsse festzulegen. Doch das Thema globale Ungleichgewichte dürfte als eines der großen ungelösten Probleme das Jahr 2010 überdauern.
Geithner dürfte das Jahr 2010 nicht nur wegen des Währungsstreits in schlechter Erinnerung behalten. Zwar blieben Sorgen vor einem Rückfall der US-Wirtschaft in die Rezession unbegründet. Doch die Erholung entfaltete nie die Kraft, um die Misere am Arbeitsmarkt zu beseitigen. Auch am Jahresende liegt die Arbeitslosenquote bei über neun Prozent. Die größte Volkswirtschaft der Welt verharrte 2010 in einem Teufelskreis. Die Krise am Häusermarkt ist immer noch nicht ausgestanden, was nicht nur Konsumenten, sondern auch Regionalbanken belastet. Sie sind für die Finanzierung des Mittelstands zentral, der wiederum entscheidend für die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen ist. Ohne neue Jobs blieb die Stimmung der Verbraucher mäßig und die Erholung damit kraftlos - denn der Konsum steuert zwei Drittel zum US-BIP bei.
So löste ein anderes Land 2010 die USA als Lokomotive für die Weltwirtschaft endgültig ab. Chinas Wirtschaftsleistung legte voraussichtlich um über zehn Prozent zu - und zog mit seiner Nachfrage Exportnationen wie Deutschland mit sich. Doch das rasante Wachstum bleibt nicht ohne Schattenseiten. Die Gefahr von Spekulationsblasen am chinesischen Immobilienmarkt war eines der größten Risiken für die Weltwirtschaft 2010 und dürfte es wohl auch im kommenden Jahr bleiben.
Griechenland war nur der Auftakt: Im Frühjahr erreichte die Schuldenkrise mit der Quasipleite des klammen Euro-Mitglieds ihren ersten Höhepunkt. Erst ein milliardenschweres Hilfspaket aus Brüssel konnte Athen vor dem Bankrott retten. Seither stehen die griechischen Finanzbücher unter Kontrolle von EU und Währungsfonds - und die anderen europäischen Sorgenkinder Irland, Portugal und Spanien unter kritischer Dauerbeobachtung der nervösen Märkte. Wenige Monate später sorgten dann Horrormeldungen aus Irlands Bankensektor für die nächste Eskalationsrunde. Das Vertrauen der panischen Anleger ist erschüttert. Auch Fortschritte bei der Konsolidierung können einen Anstieg der Risikoprämien auf Staatsanleihen der Euro-Peripherieländer nicht mehr verhindern. Die Existenz der gesamten Währungszone steht zur Diskussion. Trotz zahlreicher Gipfel und Regierungserklärungen bleibt die Zukunft des Euro am Ende des Jahres ungewiss.
Martin Kaelble
Die Musik der Weltwirtschaft spielt künftig in Asien - heißt es seit Jahren. 2010 ist diese Zukunft ein großes Stück näher gerückt. China lieferte nicht nur einen wichtigen Beitrag zur globalen Erholung. Die seit diesem Jahr zweitgrößte Wirtschaft der Welt gab vielmehr den Takt vor. Im Gleichlauf expandierten die eng mit China verknüpften Industrien im restlichen Asien. Ob Taiwan, Südkorea, Singapur oder Thailand - sie alle verbuchten kräftige Zuwächse nach dem deutlichen BIP-Einbruch im Jahr zuvor. Davon profitierte insbesondere die deutsche Wirtschaft. Deren Exportprodukte sind mit einem hohen Anteil an Investitionsgütern optimal zugeschnitten für die fernöstliche Nachfrage nach neuen Autos und Maschinen. Asiens Bedeutung für deutsche Exporteure ist dadurch 2010 sprunghaft gestiegen - Tendenz steigend: Schon im kommenden Jahr dürfte China zu Deutschlands zweitwichtigstem Absatzmarkt nach Frankreich aufrücken.
Martin Kaelble
Als im Herbst 2008 Containerschiffe zu Hunderten vor Anker lagen, riefen Pessimisten bereits das Ende der Globalisierung aus - der Einbruch des Welthandels war beispiellos: 2009 lag das globale Handelsvolumen mehr als zwölf Prozent unter dem Vorjahr. Im Mai vergangenen Jahres war der Tiefpunkt erreicht - und eine fulminante Aufholjagd konnte beginnen. Die Welthandelsorganisation WTO rechnet in diesem Jahr mit einem Anstieg um 13,5 Prozent. Insgesamt fehlt nicht mehr viel, und die alten Höchststände im Handelsvolumen sind wieder erreicht. So glich am Ende des Jahres auch die Entwicklung des Welthandels seit Vorkrisenzeiten einem V. Dabei legte der Handel der Industrieländer deutlich langsamer zu, als der der Schwellen- und Entwicklungsländer. Die Strukturen in den weltwirtschaftlichen Handelsströmen haben sich verschoben. Die Schwellenländer, vor allem in Asien, haben an Gewicht gewonnen.
Rolf Becker, Martin Kaelble
Es war der brasilianische Finanzminister Guido Mantega, der Ende September als erster das Wort "Währungskrieg" in den Mund nahm. Nicht nur seine Wirtschaft litt unter der starken Aufwertung der eigenen Währung, auch in anderen Ländern wie Japan und Südkorea jammerten die Exporteure. Im Zentrum des Streits standen die Vereinigten Staaten und China. Washington warf Peking vor, den Renminbi künstlich niedrig zu halten. Die Gegenseite kritisierte die gigantischen Staatsanleihekäufe der US-Notenbank. Brasilien und Südkorea griffen schließlich zu Kapitalverkehrskontrollen, um die Aufwertung von Real und Won zu stoppen. Erinnerungen wurden wach, an die 30er-Jahre: Damals hatte ein Abwertungswettlauf zum Einbruch des Welthandels beigetragen. Diese gefährliche Kettenreaktion blieb 2010 zwar aus. Doch die Themen Wechselkursmanipulation und Ungleichgewichte sind auf die globale Agenda gerückt.
Martin Kaelble
Obwohl die Wirtschaftsleistung der größten Ökonomie der Welt bereits seit Mitte 2009 wieder wächst und das Plus in diesem Jahr bei rund 2,7 Prozent liegen dürfte, ist der Arbeitsmarkt bislang kaum in Schwung gekommen. Zeitweise stieg die Arbeitslosenquote in diesem Jahr sogar auf über zehn Prozent. Zwar erholte sie sich im Frühjahr leicht; die Zahl der geschaffenen Jobs reichte allerdings nicht aus, um die Arbeitslosenquote entscheidend zu senken. Im Gegenteil: Zuletzt stieg sie sogar noch einmal auf 9,8 Prozent an. Zum Vergleich: Vor der Krise lag die Rate Anfang 2007 bei unter fünf Prozent. Kein Wunder, dass viele Ökonomen bereits betonen, dass die natürliche Arbeitslosigkeit in der Finanzkrise deutlich gestiegen sein dürfte. Hoffnung fürs kommende Jahr macht mittlerweile die Einigung bei der Verlängerung von Steuervergünstigungen, welche zusätzliche Anreize von 1000 Mrd. Dollar in den kommenden Jahren schaffen.
Mathias Ohanian
So richtig trauten die Notenbanken dem Aufschwung 2010 in den meisten Industrieländern noch nicht. So bleibt in den USA und der Euro-Zone eine Zinswende - weg von den Rekordtiefs - zurzeit in weiter Ferne. Im Gegenteil wurden die unorthodoxen geldpolitischen Maßnahmen im Jahresverlauf sogar verschärft. Die US-Notenbank Fed kündigte unter dem Schlagwort "Quantitative Easing" Aufkäufe von Staatsanleihen im Volumen von bis zu 600 Mrd. Dollar an, nachdem sie vor allem durch den anhaltend schwachen Arbeitsmarkt aufgeschreckt wurde. Die EZB wiederum musste auf die angeschlagenen Peripherieländer Rücksicht nehmen. Die Zinsen dürften also bis auf Weiteres unten bleiben, obwohl sie für einige Euro-Länder wie Deutschland mittlerweile schon als zu niedrig gelten. Länder mit solidem Aufschwung und autonomer Geldpolitik reagieren unterdessen bereits: Sowohl Australien als auch Kanada erhöhten ihre Leitzinsen 2010.
Rolf Becker
  • Aus der FTD vom 25.12.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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