| Michael Pettis ist Finanzprofessor an der Universität Peking und Senior Associate bei der Stiftung Carnegie Endowment for International Peace. |
Chinas offizielles Wirtschaftswachstum ist deutlich zurückgegangen - die reale Entwicklung dürfte noch deutlich schwächer sein. Das Land steuert auf eine Deflation zu, und sowohl inländische als auch ausländische Experten sagen, Peking müsse die Zinsen drastisch senken und die Kreditvergabe ausweiten, um sich und die Welt vor einer Katastrophe zu bewahren.
Doch das wird nicht einfach. Die Verschuldung ist so schnell gestiegen, dass China rasch auf ernste Probleme, vielleicht sogar auf eine Krise zusteuert - wenn nicht viele Jahre der Überinvestitionen schleunigst rückgängig gemacht werden. Je schneller China mit dem Ausgleich beginnt, desto weniger schmerzlich wird er. Angesichts der Tatsache, dass die Sparquote noch nicht einmal die Hälfte des weltweiten Durchschnitts beträgt, die Investitionsquote aber so hoch ist wie in keinem anderen Land der Welt, dürfte es allerdings ein schweres Stück Arbeit werden.
Der Schlüssel zu mehr konsumgetriebenem Wachstum liegt darin, das Einkommen der Privathaushalte - von dem derzeitigen, gemessen am BIP beispiellos niedrigen Niveau - deutlich anzuheben. Dafür muss China die Löhne erhöhen und den Renminbi neu bewerten. Vor allem muss das Land die künstlich niedrigen Zinsen erhöhen, die in keinem Verhältnis zum Risiko und den Kosten stehen. Die Regierung könnte dann die Steuerlast für die Privathaushalte senken, die ja indirekt für die Kosten der Niedrigzinsen aufkommen müssen.
Die implizite Finanzrepression ist eine der Hauptursachen für die wirtschaftlichen Ungleichgewichte wie auch die Quelle des spektakulären Wachstums. Eine Zinserhöhung zu erzwingen ist die wichtigste Maßnahme, um die Ungleichgewichte im Inland auszugleichen und die Ausgabenverschwendung zu drosseln. Das scheint auch bereits zu geschehen. Peking hat die Zinsen dieses Jahr schon zweimal gesenkt. Doch da die Inflation schneller zurückgeht als die Zinsen, ist die Realrendite für private Sparer in den jüngsten Monaten gestiegen, ebenso wie die realen Fremdkapitalkosten.
Der Investitionszuwachs muss zwangsläufig zurückgehen, ebenso wie das BIP-Wachstum. Die China-Fans unter den Investoren, die lange nicht verstanden, wie ungesund das enorme Wachstum ist, haben endlich erkannt, dass ein Ausgleich dringend notwendig ist. Was leider immer noch nicht in ihre Köpfe will, ist die Tatsache, dass so eine Konsolidierung nicht mit hohen Wachstumsraten vereinbar ist. Chinas Investitionszuwachs muss auf Jahre hinaus sinken, bevor das Einkommen der privaten Haushalte hoch genug ist, damit der Konsum die Investitionen als Wachstumsmotor ablösen kann.
Der Ausgleich müsste zu Wachstumsrückgängen und steigenden Realverzinsungen führen. Und genau das passiert momentan. Statt in Panik zu verfallen und Peking aufzufordern, den Prozess wieder rückgängig zu machen, sollten wir aber froh sein, dass China endlich seine Probleme anpackt. Wird ein geringeres Wachstum nicht zu sozialen Verwerfungen in China und zu wirtschaftlichen Turbulenzen im Rest der Welt führen? Nicht, wenn der Prozess ordentlich gesteuert wird. Wenn das Wirtschaftswachstum auch nur auf drei Prozent sinkt, das Haushaltseinkommen aber weiterhin um fünf bis sechs Prozent zulegt, dann sind dies alles andere als soziale Verwerfungen.
Was der Rest der Welt von China braucht, ist nicht ein stärkeres Wirtschaftswachstum, sondern mehr Nachfrage. Ein Ausgleich wird genau dafür sorgen, wenngleich der Außenhandelsüberschuss zunächst steigen dürfte, bevor er sinkt. Dies wird zu fallenden Preisen für harte Rohstoffe führen und somit Ländern wie Australien und Brasilien schaden, aber für das globale Gesamtwachstum ist es gut.
Ob China tatsächlich mit dem großen Ausgleich begonnen hat, lässt sich noch nicht sagen. Unter anderem würde dies bedeuten, dass der rapide staatliche Wohlstandszuwachs, von dem vor allem die politische Elite profitiert, drastisch zurückgeht. Dagegen dürfte sich die politische Führung des Landes mit Zähnen und Klauen wehren. Aber auch wenn es den Rohstoffexporteuren und Chinas Wirtschaftselite nicht schmeckt: Für fast alle anderen ist ein Ausgleich positiv.