Gleich 17 renommierte europäische Wirtschaftswissenschaftler haben der Politik in einem gemeinsamen Arbeitspapier einen möglichen Weg aus der Euro-Krise aufgezeigt. Dabei kommt dem Vorschlag des deutschen Sachverständigenrats für einen temporären Schuldentilgungsfonds eine gewichtige Rolle zu. "Es braucht von deutscher Seite größere Anstrengungen, um die hohen Refinanzierungskosten für Länder wie Spanien und Italien zu senken", sagte Lars Feld, Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung und Mitautor des Berichts, der FTD.
Um den drohenden Euro-Kollaps doch noch abzuwenden, hat die US-Denkfabrik Institute for New Economic Thinking (Inet) einen Rat aus insgesamt 17 renommierten europäischen Volkswirten ins Leben gerufen. Dem Gremium gehören sechs in Deutschland sehr prominente Vertreter der Zunft an. Neben Feld sind der Sachverständige Peter Bofinger und Dennis Snower, Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, vertreten. Ebenfalls mitgewirkt haben an dem Gutachten Daniel Gros, Direktor der Brüsseler Denkfabrik Ceps, und die ehemalige Sachverständige Beatrice Weder di Mauro.
Nach Ansicht der 17 Experten sind die Verwerfungen im Währungsraum zwar bereits sehr weit fortgeschritten. "Europa steht an der Schwelle zu einer Katastrophe", heißt es in dem Gutachten. Als letzter Dominostein sei Spanien nur wenige Tage von einer Liquiditätskrise entfernt. Noch sei es jedoch möglich, die schlimmsten Schäden abzuwenden.
Dabei unterscheiden die Fachleute zwischen kurzfristigen Maßnahmen zur Lösung der akuten Probleme auf der einen Seite und der Errichtung neuer Institutionen in Europa für die langfristige Stabilität auf der anderen Seite. Für die kommenden Wochen sei es wichtig, den reformierenden Randländern im Währungsraum die Refinanzierung an den Finanzmärkten zu erleichtern. Denn klar scheint: Strukturreformen allein reichen nicht aus, damit die Zinsen in der Euro-Peripherie wieder sinken. "Italien und Spanien etwa unternehmen umfangreiche Reformen, und trotzdem sinken die Risikoaufschläge nicht auf langfristig tragfähige Niveaus", so Feld. "Entscheidend ist, dass mehr getan wird, um die Probleme kurzfristig zu lösen", sagte Bofinger der FTD.
Das Problem: Der Rettungsschirm ESM ist zu klein, um den größeren Euro-Ländern zu helfen. Daher einigten sich die Wirtschaftswissenschaftler als akute Krisenmaßnahme auf den vom deutschen Sachverständigenrat vorgeschlagenen Schuldentilgungsfonds. In diesem Topf sollen Altschulden von Krisenstaaten gebündelt werden. Um die Refinanzierung zu erleichtern, soll es vorübergehend gemeinschaftliche Anleihen mehrerer Euro-Staaten geben. Im Gegenzug würden sich die Krisenstaaten verpflichten, ihre Schulden regelmäßig zu tilgen. So könnten die Verbindlichkeiten langfristig wieder auf ein tragfähiges Niveau fallen, sagte Feld. "Damit wäre auch ein Licht am Ende des Tunnels erkennbar."
Langfristig sei es möglich, den Währungsraum so auszugestalten, dass europäische Schulden nicht vergemeinschaftet würden, glauben die 17 Ökonomen. Die Euro-Krise habe mehrere Konstruktionsfehler des Währungsraums offenbart. "Werden die nicht behoben, verschwinden auch die Probleme der Euro-Zone nicht", sagte Feld. Daher plädieren diese Experten dafür, eine gemeinsame Bankenunion mit einer zentralisierten Aufsicht zu installieren. Denn die Volkswirtschaften und Finanzsysteme des Währungsraums sind bereits zu sehr verflochten: "Die Verwerfungen am spanischen Bankensektor bedrohen auch die wirtschaftliche Stabilität in Deutschland", sagte Feld.
Mehr zu: Euro-Krise, Euro-Zone, Sachverständigenrat, Schuldenkrise
Ziel des Schattenrats sei nicht nur gewesen, Experten aus verschiedenen Denkrichtungen gemeinsam einen Vorschlag zur Krisenlösung ausarbeiten zu lassen, sagte Inet-Chef Rob Johnson der FTD. So wurde etwa Lars Feld im Januar 2011 vom damaligen Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) als Kandidat für den Sachverständigenrat vorgeschlagen. Bofinger gilt hingegen als gewerkschaftsnah. "Noch wichtiger ist es, Lösungen zu haben, die nicht nur ökonomisch sinnvoll, sondern auch politisch umsetzbar sind", so Johnson.
Ihr erstes zweitägiges Treffen hielt die Gruppe Ende Juni in Brüssel ab, kurz vor dem letzten Gipfel der europäischen Regierungschefs. In den kommenden Monaten sind weitere Zusammenkünfte geplant, auf denen unter anderem auch die möglichen Konsequenzen eines Euro-Austritts Deutschlands und die Einführung eines Nord-Euro diskutiert werden sollen, sagte Inet-Chef Johnson.