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12.01.2011, 12:31
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Euro-Krise:
Volkswirte halten Märkte für verrückt
Die Reaktionen der Anleihemärkte auf die europäische Schuldenkrise sind total überzogen: Diese These findet unter Ökonomen viele Anhänger. Ihr Argument: Die USA sind höher verschuldet als Portugal oder Spanien.
von Mathias Ohanian,
Martin Kaelble, Berlin
und Mark Schrörs, Frankfurt
Internationale Ökonomen haben den europäischen Finanzmärkten die rationale Urteilskraft abgesprochen. "Die fiskalpolitische Lage in den USA und Großbritannien ist ungleich schlechter als in den Problemländern der Euro-Zone - und dennoch haben sich die Finanzmärkte auf Europa eingeschossen", sagte Klaus Baader, Chefökonom für Europa bei der Société Générale in London. Andere Fachleute betonten, dass die jüngste Zuspitzung der Euro-Krise mit der fundamentalen Entwicklung in den betroffenen Ländern kaum erklärt werden könne.
Infografik Euroentwicklung
Nachdem Griechenland und Irland bereits mit Milliardenkrediten von EU und Internationalem Währunfsfonds (IWF) gestützt werden mussten, wird jetzt über eine Rettungsaktion für Portugal spekuliert. Am Mittwoch bestand das Land aber eine wichtige Bewährungsprobe: Die staatliche Schuldenagentur fand problemlos Abnehmer für Staatsanleihen im Umfang von insgesamt 1,25 Mrd. Euro. Dabei musste sie weniger Zinsen bieten als zunächst befürchtet, nachdem die Europäische Zentralbank (EZB) vor der Auktion mit Anleihekäufen den Kurs der Papiere gestützt hatte.
Allerdings muss Lissabon in diesem Jahr über Anleihe-Emissionen insgesamt rund 20 Mrd. Euro an den Märkten einsammeln. Viele Analysten glauben, dass dies wegen der steigenden Zinskosten nicht gelingen wird und Portugal deshalb doch noch unter den Rettungsschirm von EU und IWF schlüpfen muss. Damit nicht genug: Experten befürchten heute stärker denn je, dass sich die Anleihekrise auf andere Länder wie Spanien, Italien und sogar das von einer Übergangsregierung geführte Belgien ausweiten könnte.
"Die Finanzmärkte funktionieren heute ebenso wenig wie im vergangenen Jahr bei Griechenland", sagte Charles Wyplosz, Ökonom am Genfer Graduate Institute. Man befinde sich wieder in einem Teufelskreis aus Misstrauen und sich selbst erfüllender Prophezeiung. "Die Finanzmärkte testen die Verantwortlichen in Europa." Auch andere Experten kritisierten den neu zu beobachtenden Herdentrieb.
"Es gab zuletzt keine neuen Daten oder Nachrichten, die eine schlechtere Bewertung von Portugal oder Belgien rechtfertigen würden", sagte Dirk Schumacher, Deutschland-Chefvolkswirt von Goldman Sachs. "Im Gegenteil: Die Makrodaten für die Euro-Zone waren zuletzt sehr robust." Tatsächlich stieg der Einkaufsmanagerindex für die Industriefirmen im Dezember um fast zwei Punkte auf 57,1 Zähler. Damit liegt das verarbeitende Gewerbe weit im Expansionsbereich. Darüber hinaus legten auch die Frühindikatoren für Spanien und Italien zu.
Für diese beiden Länder kommt hinzu, dass sie ihre Sparziele 2010 erreicht haben dürften. "Angesichts der tatsächlichen Lage in Spanien sind die Besorgnisse der Finanzmärkte völlig überzogen", so Baader von der Société Générale. Seiner Berechnung zufolge dürfte die spanische Verschuldung in der Spitze nicht auf mehr als 70 Prozent der Wirtschaftsleistung ansteigen. "Damit bleibt die Verschuldung geringer als in Deutschland und Frankreich", sagte er. Auch die Lage anderer Staaten ist deutlich schlechter, ohne dass sie ins Visier der Märkte geraten: Die Verschuldung in Japan bewegt sich auf 200 Prozent vom BIP zu. Das Defizit in den USA und Großbritannien liegt bei zehn Prozent - der Schnitt der Euro-Zone nur bei sechs Prozent.
Teil 2: Zentralbank kauft mehr Anleihen auf
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FTD.de, 12.01.2011
© 2011 Financial Times Deutschland,
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