FTD.de » Politik » Konjunktur » Die Ansteckungsgefahr kehrt zurück
Merken   Drucken   10.04.2012, 11:40 Schriftgröße: AAA

Eurokrise: Die Ansteckungsgefahr kehrt zurück

Nach Wochen der Ruhe greift die Nervosität von Spanien auf andere Euro-Länder über. Auch die Renditen für Anleihen aus Italien und Portugal steigen wieder. Schon warnen Experten vor Panik.
© Bild: 2012 FTD-Illustration/Sophia Klipstein
Nach Wochen der Ruhe greift die Nervosität von Spanien auf andere Euro-Länder über. Auch die Renditen für Anleihen aus Italien und Portugal steigen wieder. Schon warnen Experten vor Panik.
von und Sebastian Förstl, Berlin

Nach dem Renditeanstieg spanischer Anleihen auf den höchsten Stand seit November haben Fachleute vor einer neuen Eskalation der Euro-Krise gewarnt. "Erstmals ist die Gefahr von Ansteckungseffekten wieder ernst", sagt Christian Schulz, Ökonom bei der Berenberg Bank. Monatelang hätten Negativnachrichten einzelner Krisenstaaten nicht zu steigenden Renditen andernorts geführt. Nun aber sei die Gefahr groß, dass Irrationalität und Panik zurückkehrten, so Schulz. "Die Märkte bleiben nervös", sagt Ulrich Kater, Chefökonom der Dekabank.

Ist der Euro gerettet?

 

Zum Ergebnis Alle Umfragen

Zwei große Tests hatte die Euro-Zone in den vergangenen Wochen erfolgreich bestanden. Nach dem Schuldenschnitt Griechenlands vor einem Monat waren die Renditen von Italien, Spanien und Portugal weiter gesunken. Ansteckung: Fehlanzeige. Auch als Portugal im Januar von der letzten der drei großen Ratingagenturen auf Ramsch gestuft wurde, hatte das keine negativen Effekte auf die Renditen anderer Krisenländer.

Ein anderes Bild in der vergangenen Woche: Nach dem Anstieg der Renditen in Spanien kletterten erstmals auch wieder die Risikoaufschläge für Italien und Portugal. Die Entwicklung setzte sich am heutigen Dienstag fort. "Dabei hat sich die Lage dort fundamental nicht verschlechtert", so Schulz. Bedrohlich sei, dass mit Spanien nun erstmals wieder ein großes Euro-Land in den Fokus der Märkte gerate.

Madrid erreichte 2011 nicht das Haushaltsziel: Anstatt eines Etatdefizits von 6,0 Prozent der Wirtschaftsleistung wurden kürzlich 8,5 Prozent ausgewiesen. Seit die Regierung das meldete, haben sich die Anleger wieder auf das Land eingeschossen. So sehen viele Fachleute Spanien als den derzeit größten Krisenherd in Europa an. "Das Konsolidierungsprogramm ist ambitioniert - und muss in der zweiten Jahreshälfte wohl aufgeweicht werden", erwartet Stefan Bielmeier, Chefökonom bei der DZ Bank. Er befürchtet, dass das Land im weiteren Jahresverlauf noch Rettungshilfen von der EU beantragen könnte. Das könnte die Akteure auf den Finanzmärkten wieder aufschrecken lassen. "Die Gefahr ist real, dass dann auch die Euro-Krise wieder auflebt", so Bielmeier.

Dabei gehört er noch zu den Optimisten. "Dank der großen Liquiditätsspritzen der EZB sind die Insolvenzrisiken im Finanzsektor stark zurückgegangen", sagt der Experte. Die deutsche Wirtschaft könnte seiner Prognose zufolge in diesem Jahr um 1,4 Prozent wachsen. Seine Kollegen rechnen im Schnitt nur mit der Hälfte.

Tatsächlich lauern in den kommenden Wochen jedoch noch diverse Risiken, "die in normalen Zeiten eigentlich keine Probleme bereiten sollten", sagt Berenberg-Ökonom Schulz. Das Problem ist bloß: Die Zeiten sind nicht normal. Ein Überblick über die möglichen Stolpersteine:

In zwei Wochen beginnen in Frankreich die Präsidentschaftswahlen. In fast allen Umfragen liegt der Sozialist François Hollande vorne. Er möchte den europäischen Fiskalpakt systematisch um Wachstumsimpulse ergänzen und verfolgt damit eine andere Krisenstrategie als die Bundesregierung. Gewinnt er die Wahl, könnte der absehbare Konflikt innerhalb der EU für neue Panik an den Märkten sorgen.

Auch in Griechenland wird bald gewählt. Im schlimmsten Fall könnte Umfragen zufolge keine stabile Koalition zustande kommen, die den Euro-Kurs der Übergangsregierung fortsetzt. Würde sich die neue Regierung den Forderungen der EU widersetzen, könnte das zu Chaos führen. Weiteres Risiko: Noch ist überhaupt nicht absehbar, wann die wirtschaftliche Rezession endet. Damit steigt die Gefahr, dass neue Hilfen nötig werden.

Die Investoren an den Finanzmärkten nehmen Mario Monti zwar ab, dass er das südeuropäische Land und seinen Arbeitsmarkt reformieren will, und honorieren das mit niedrigeren Renditen. Noch sind Montis Reformpläne jedoch nicht vom Parlament abgesegnet. Gibt es keine Zustimmung, könnten die Märkte wieder nervös werden.

Dass Madrid sein Defizitziel 2011 verfehlte, hat für Unruhe an den Märkten gesorgt. Jetzt muss das Land zusätzliche Einsparungen vorantreiben - die wiederum die Rezession verschärfen könnten. Fraglich ist, ob das neue Defizitziel von 5,3 Prozent in diesem Jahr realistisch ist. Zudem, was passiert, wenn die viertgrößte Euro-Wirtschaft die Marke verfehlen sollte.

So bleibt die Euro-Krise gefährlich. Allerdings, wenden Fachleute ein, verstehe die Politik heute die Probleme im Währungsraum viel besser als noch vor einem Jahr. "Deshalb bin ich grundsätzlich optimistisch", sagt Berenbank-Ökonom Schulz. Ähnlich äußern sich andere Fachleute. "Die kommenden Monaten werden holprig, aber immerhin gibt es jetzt eine Strategie, die man abarbeiten kann", so Dekabank-Chefökonom Kater.

  • FTD.de, 10.04.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
Immobilien-Kompass
Immobilien-Kompass Deutschlands beste Wohnlagen

Preise, Mieten und Prognosen für Deutschlands Metropolen und Regionen mit detaillierten Übersichtskarten

Jetzt eigene Wohnlage prüfen

 
Anstatt FTD.de lese ich künftig ... Zum Ergebnis
Alle Umfragen
In eigener Sache
  • An Kiosks in der ganzen Republik hieß es am letzten Erscheinungstag der FTD: Zeitung vergriffen! Der Hype um die Schlussausgabe trieb merkwürdige Blüten. Der Verlag druckte 30.000 Exemplare nach. Wer keines abbekam - bestellen ist möglich. mehr

  •  
  • blättern
Zwischen Leben und Arbeiten
Work-Life-Balance

Die FTD hat zusammen mit dem GfK Verein die umfassendste bundesweite Studie zum Thema Work-Life-Balance veröffentlicht. Die Ergebnisse und mehr zum Thema finden Sie hier. Die Studie können Sie hier kaufen. mehr

Folgen Sie der FTD auf Twitter
Werden Sie Fan der FTD auf Facebook
  • Sie waren ein Herzstück der Zeitung und pointiert, scharf, teils brillant: Ihre Kolumnen, Leitartikel und Kommentare haben die FTD entscheidend geprägt. Zum letzten Mal: Unsere Kolumnisten sagen, was Sache ist. mehr

  •  
  • blättern
© 1999 - 2013 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Impressum | Datenschutz | Nutzungsbasierte Online Werbung | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

Geldanlage | Altersvorsorge | Versicherung | Steuern | Arbeitsmarkt | Energiewende | Ökostrom | Auto | Quiz | IQ-Test | Allgemeinwissen | Solitär | Markensammler