Exklusiv
Heimische Exportüberschüsse sorgen in der EU für Streit - einige sehen sie als Hauptursache der Krise. Berechnungen des Ifo-Instituts für die FTD zeigen nun: 2011 haben sich die Ungleichgewichte noch verschärft.
von Martin KaelbleBerlin und Benedikt Grotjahn, Hamburg
Es braucht immer zwei zum Tangotanzen, hat die Währungsfonds-Chefin Christine Lagarde einmal mit kritischem Blick auf die großen Exportüberschüsse Deutschlands gesagt. Seither sind die europäischen Handelsungleichgewichte ein Dauerstreitthema in Brüssel. Das Ifo-Institut hat exklusiv für die FTD berechnet, wie sich Deutschlands Handelsbilanzen mit den anderen EU-Ländern 2011 entwickelt haben. Das Ergebnis: Vom geforderten Abbau der Ungleichgewichte fehlt jede Spur - wie schon 2010 verbuchen 20 der 27 EU-Länder ein Defizit mit Deutschland.
Was die einen als Ausdruck der Wirtschaftskraft Deutschlands sehen, ist für die anderen eine zentrale Ursache der Euro-Krise. Denn die großen Überschüsse gehen einher mit hohen Forderungen gegenüber den weniger wettbewerbsfähigen Abnehmerländern. Spiegelbildlich verschlechtern die Defizite der Importeure deren Bonität am Anleihemarkt und erhöhen auf Dauer damit die Gefahr eines Bankrotts. Für Harvard-Ökonom Dani Rodrik sind die Ungleichgewichte sogar die Essenz der Euro-Krise: "Diese Ungleichgewichte sind eine Quelle enormer Instabilität für das europäische Währungssystem."
Künftig will die EU darum die Leistungsbilanzen ihrer Mitgliedsstaaten überwachen. In den Leistungsbilanzen sind zusätzlich zu den Warenströmen aus der Handelsbilanz auch die Zahlungsströme enthalten. Nach erfolgreicher deutscher Lobbyarbeit sollen Überschüsse vorerst jedoch nicht sanktioniert werden. EU-Wirtschaftskommissar Olli Rehn hält das Problem nicht für gravierend. Anfang November betonte er, dass auch "große und anhaltende Leistungsbilanzüberschüsse" weder die Nachhaltigkeit von Staatsschulden gefährden noch das reibungslose Funktionieren der Euro-Zone beeinträchtigen.
Trotzdem will Brüssel die Entwicklung der Leistungsbilanzen in der Währungsunion genau beobachten: Nur die wenigsten Länder hatten 2011 einen Handelsüberschuss gegenüber Deutschland. Dazu zählen dank hoher Energieexporte die Niederlande oder Tschechien und die Slowakei, wo viele Zulieferer deutscher Autobauer sitzen.
Selbst Länder, die insgesamt einen Handelsbilanzüberschuss haben, verbuchen mit Deutschland ein Defizit - zum Beispiel Schweden, das trotz Exportbooms mehr Waren aus Deutschland importiert, als es dahin ausgeführt hat. Das Defizit mit Deutschland ist im zu Ende gehenden Jahr in zehn Ländern sogar noch deutlich gestiegen, so etwa beim größten Abnehmerland Frankreich. Das sind weiterhin keine guten Voraussetzungen fürs harmonische Tangotanzen.
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