Sie sind eine Minderheit - aber eine lautstarke: Fast jede große Zentralbank hat mindestens einen Dissidenten in ihren Reihen. Dabei entbrennt der Richtungsstreit in den Notenbanken derzeit ungewohnt offen. FTD.de stellt die Querulanten vor.
von Frank Bremser
und Barbara Schäder
Am Ende war es für ihn wohl eine Gewissensfrage: Jürgen Stark tritt als Chefvolkswirt der EZB zurück, offiziell aus "persönlichen Gründen". Er machte jedoch keinen Hehl daraus, dass er mit wichtigen inhaltlichen Entscheidungen seiner Kollegen im EZB-Rat nicht übereinstimmte. Auch Bundesbankchef Jens Weidmann geht es inhaltlich ähnlich.
Doch Dissenz gibt es nicht nur in der Europäischen Zentralbank. Stützungskäufe und extreme Niedrigzinspolitik führte auch in der Fed und der Bank of England dazu, dass bei den traditionell sehr homogen nach außen auftretenden Notenbanken interne Zerwürfnisse öffentlich wurden. Das sind die wichtigsten Protagonisten:
Jürgen Stark gilt als Bewahrer der Bundesbank, also als vehementer Verfechter einer stabilitätsorientierten Geldpolitk und ist als solcher einer der wenigen Bündnispartner von Bundesbankpräsident Jens Weidmann im EZB-Rat. Der gebürtige Rheinhesse ist bekannt dafür, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. 2009 kritisierte der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank hart die Banker, die seiner Meinung nach nichts aus der Krise gelernt hatten. Beobachter schätzen, dass die Einhaltung strenger Stabilitätskriterien, der Verzicht auf das Aufkaufen von Staatsanleihen und der Kampf gegen Eurobonds für ihn Gewissenfragen sind.
Dass Stark offizielle mit "persönlichen" und nicht aus inhaltlichen Gründen abtritt, spricht jedoch dafür, dass er kein Interesse daran hat, die Marktturbulenzen, zu denen sein Abgang ohnehin führt, noch mit argumentativem Nachtreten zu verschärfen.
Lange Zeit lehnte er die nahezu uneingeschränkte Solidarität mit Griechenland ab, ebenso wie Weidmann ist er ein Gegner des Anleihenkaufprogramms und von Eurobonds. In einem Interview mit dem "Handelsblatt" sagte er jüngst: "Es ist der Versuch, leicht aus der Krise herauszukommen. Es geht aber nicht ohne Schmerzen. Eurobonds würden die Probleme nur zukleistern." Und er ergänzte: "Tatsächlich ist es ein Kurieren an den Symptomen und nicht an den Ursachen." Vielmehr seien strukturelle Reformen nötig. "Wir brauche sowohl institutionelle Reformen als auch Anpassungsmaßnahmen in den einzelnen Ländern."
Viel Vertrauen hat er nicht in die Politik, vielleicht gerade weil er zwanzig Jahre lang für mehrere Bundesministerien arbeitete, zuletzt als Staatssekretär im Finanzministerium. Von 1998 bis 2006 war er bei der Deutschen Bundesbank, zuletzt als Vizepräsident.
Auch Bundesbankchef war er zeitweise, und zwar einige Tage im April 2004, als Ernst Welteke zurückgetreten und Axel Weber noch nicht im Amt war. Dass ihm Weber vorgezogen wurde, begründen viele Beobachter damit, dass Stark mit seinen häufigen unbequemen Äußerungen die Regierung Schröder zu oft verärgert hatte. 2006 folgte er Otmar Issing als Chefvolkswirt der EZB.
Bundesbankchef Jens Weidmann will deutsche Steuerzahler vor Griechen schützen
Weidmann opponiert seit Langem gegen viele Aktionen der EZB zur Krisenbekämpfung. Offiziell teilt die EZB nicht mit, ob es bei Entscheidungen Gegenstimmen gegeben hat. Aber es gilt als sicher, dass Weidmann mehrere Male anderer Meinung war als der Großteil seiner Kollegen. Ein Problem ist für ihn vor allem das Anleihekaufprogramm der EZB.
Die Bundesbank hatte sich bereits unter ihrem alten Chef Axel Weber im Mai 2010 gegen den Kauf ausgesprochen und damit Streit unter den Notenbankern geschürt. Auch nach der jüngsten zweiten Griechenland-Rettung erklärte Weidmann, sie könnte unter Umständen die Anreize für Regierungen schwächen, eine solide Finanzpolitik zu verfolgen.
"Künftig wird es noch schwieriger, die Anreize für solide Finanzpolitiken aufrechtzuerhalten", sagte Weidmann. Der erst 43-Jährige kehrte erst im Mai diesen Jahres an seine alte Wirkungsstätte, die Bundesbank, zurück. Dort war er früher Abteilungsleiter für Geldpolitik und monetäre Analyse, bevor er als Leiter der Abteilung Wirtschafts- und Finanzpolitik ins Kanzleramt gewechselt war.
Er galt als einer der wichtigster Berater Merkels. Es könnte jedoch sein, dass er mit seiner harten Haltung - für die er sich schon mehrfach von seiner ehemaligen Chefin Merkel und seinem aktuellen Übergeordneten Jean-Claude Trichet brüskiert wurde - irgendwann Recht bekommt. Immer mehr Ökonomen schwenken auf seine Linie ein.
Richard Fisher, Präsident der Federal Reserve Bank von Dallas
Der Präsident der Fed-Zweigstelle in Dallas Richard Fisher kritisiert, die US-Notenbank versuche die Fehler der Politik auszubügeln. Das sei aber nicht ihre Aufgabe - und werde auch nichts bringen: "Ich glaube, dass nicht unsere Geldpolitik das Wirtschaftswachstum lähmt, sondern die haushaltspolitische Nachlässigkeit in Washington", sagte Fisher Anfang August auf einer Konferenz im texanischen Midland.
Die Unternehmen könnten nicht planen, solange Unklarheit über die Einzelheiten der angekündigten Ausgabenkürzungen des Staates und seiner regulatorischen Vorschriften bestehe. Der Ball liege eindeutig bei den Abgeordneten im Kongress. "Geldpolitik kann nicht ersetzen, was Sie tun müssen", sagte Fisher in einem Appell an Washington. "Macht Euren Job."
Fischer ist seit 2005 President der Federal Reserve Bank of Dallas. Der 1949 geborene Vater von vier Kindern hat Erfahrung sowohl im Wall-Street-Banking, wo er zeitweise für das Investmenthaus Brown Brothers, Harriman and Company arbeitete, als auch in der Politik und im Zentralbankwesen. Unter anderem verantwortete er die Umsetzung der nordamerikanischen Freihandelszone Nafta. Zweimal kandidierte er erfolglos für den US-Senat.
Charles Plosser, Federal Reserve Bank of Philadelphia
Der 62-Jährige Charles Plosser ist seit August 2006 Chef der Fed von Philadelphia. Davor war er Professor an der University Rochester. Jüngst warf er seinen Kollegen vor, sie hätten mit der Mehrheitsentscheidung für einen dauerhaften Niedrigzins selbst die Hände gebunden.
Indem sie Leitzinserhöhungen ausschlössen, beraubten sie sich ihrer wichtigsten Waffe im Kampf gegen die Inflation, sagte Plosser der Nachrichtenagentur Bloomberg. "Ich persönlich glaube, dass wir den Leitzins deutlich vor Mitte 2013 anheben müssen", sagte er. Die Verbraucherpreise in den USA sind in den vergangenen zwölf Monaten um 3,6 Prozent gestiegen. Der von der Fed bevorzugte Preisindex für private Konsumausgaben ohne Energie- und Lebensmittelkosten legte allerdings nur 1,3 Prozent zu. Die Schmerzgrenze der Fed liegt eigentlich bei zwei Prozent.
Der Präsident der Fed-Zweigstelle in Minneapolis hält nicht nur den Anstieg der Inflationsrate für bedenklich, sondern findet auch, dass die Sorge um das Wirtschaftswachstum übertrieben ist - auch wenn er seine zwischenzeitlich scharfen Äußerungen zwischenzeitlich zumindest verbal relativierte.
Wie seine Kollegen aus Dallas und Philadelphia gehört Kocherlakota dem mächtigen Offenmarktausschuss, der über den geldpolitischen Kurs der US-Notenbank entscheidet, nur noch bis Ende dieses Jahres an. Permanent in dem zehnköpfigen Gremium vertreten sind nur die fünf Mitglieder des Gouverneursrats der Zentralbank sowie der Präsident der Fed von New York, William Dudley. Die restlichen fünf Sitze rotieren unter den Präsidenten der übrigen elf regionalen Zweigstellen.
Der 47-Jährige Kocherlakota kann auf eine lange akademische Karriere zurückblicken. Mit 24 Jahren erhielt er einen Doktortitel in Wirtschaftswissenschaften der Universität Chicago und arbeitete anschließend als Professor unter anderem an den Universitäten Stanford, Iowa und Minnesota. Schon bevor er 2009 zum Fed-Chef von Minneapolis berufen wurde, arbeitete Kocherlakota als Berater der Notenbank.
Seit Oktober 2010 hat das geldpolitische Komitee der Bank of England zwölfmal getagt, und jedes Mal endet das Protokoll der Veranstaltung mit dem gleichen Satz: "Bezüglich des Anleihen-Ankaufprogramms stimmten acht Mitglieder des Komitees für das Programm. Adam Posen stimmte dagegen und schlägt vor, das Volumen um 50 Mrd. Pfund auf 250 Mrd. Pfund anzuheben."
Das Externe Mitglied des geldpolitischen Ausschusses ist einer der schillerndsten Figuren der internationalen Notenbanklandschaft. Der Amerikaner, stellvertretender Direktor des Peterson Institute for International Economics in Washington, Harvard-Absolvent, Berater diverser Notenbanken, Ex-Fed-Ökonom, bewarb sich auf eine Stellenanzeige im britischen "Economist" für den Job und bekam ihn. Über das ungewöhnliche Vorgehen einer Stellenausschreibung will Großbritannien künftig regelmäßig die vier externen Positionen im geldpolitischen Ausschuss besetzen.
Posen ist ein vehementer Verteidiger der Stützungsprogramme der Notenbanken. Dass er mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält, wurde etwa 2009 deutlich. Damals sagte er in einem Interview mit dem "Spiegel" über Angela Merkel vor dem G-20-Gipfel in London, bei dem es um die Bewältigung der Finanzkrise ging: "Sie scheint Grundlagen der Wirtschaftspolitik nicht zu verstehen. Sie scheint nicht zu verstehen, dass mehr staatliche Konjunkturprogramme kurzfristig bei der Krisenbewältigung helfen. Sie versteht nicht, wie sehr diese Krise Europa und vor allem Deutschland schon bald treffen wird. Sie versteht nicht, wie dringend notwendig ein globales Konjunkturpaket ist."
Im vergangenen Jahr sorgte er für Aufsehen, als er Bank-of-England-Gouverneur Mervyn King vorwarf, "zu politisch" geworden zu sein und den fiskalischen Kurs der neuen Regierungskoalition in Großbritannien zu deutlich unterstützt zu haben.
Ein geradezu klassischer Neinsager ist Andrew Sentance. Der britische Ökonom war von Oktober 2006 bis Mai 2011 externes Mitglied des geldpolitischen Ausschusses der Bank of England. Dabei profilierte er sich absoluter geldpolitischer Falke. Von Juni 2010 an votierte der ehemalige Chefvolksirt von British Airways kontinuierlich für eine Zinserhöhung. In der letzten Sitzung, an der er teilnahm, stimmte das Kommitee mit sechs zu drei Stimmen dafür, den Leitzins bei 0,5 Prozent zu belassen.
Spencer Dale and Martin Weale wollten eine Erhöhung um 25 Basispunkte. Sentance setzte noch einen drauf - und forderte wie seit Februar 50 Basispunkte Zuschlag. Sentance ist in seiner Freizeit vor allem wegen seiner Liebe zur Musik bekannt. Er spielt Klavier, Orgel, Gitarre und Bass und ist laut BBC Mitglied einer Band namens Revelation.
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