Zwar dämpfe die Krise auch die Dynamik in Deutschland. Fast zwei Drittel der Chefökonomen und Konjunkturchefs im FTD-Schattenrat erwarten aber, dass dies eine spürbare Beschleunigung in den nächsten Quartalen nicht verhindert. Dabei rechnet fast die Hälfte der Experten aus Banken und Instituten damit, dass es in den nächsten Wochen zu einer Eskalation der Finanzkrise kommt. Im März meinten das nur 27 Prozent.
Die deutsche Wirtschaft war wegen der Folgen der Euro-Krise Ende 2011 erstmals wieder geschrumpft. Seitdem kursiert die Hoffnung auf eine Wiederbelebung, wobei es in den vergangenen Tagen allerdings erneute Warnsignale gegeben hat. Am Montag war bekannt geworden, dass die Einkaufsmanager der deutschen Industrie mit stark nachlassenden Geschäften rechnen. Nach den monatlichen Umfragen des Ifo-Instituts hat der zwischenzeitliche Schwung ebenfalls wieder nachgelassen, wenngleich die Ergebnisse aller Erfahrung nach hier noch auf ein robustes Wachstum schließen lassen.
Was die Euro-Krise an sich angeht, sind die Risiken seit März deutlich gestiegen. Vergangenen Monat glaubte noch die Hälfte der Befragten, dass die Krise vor sich hin schwelen, aber nicht eskalieren werde. Nun geben sich nur noch 40 Prozent so zuversichtlich. Dass die Krise ihren Höhepunkt überschritten hat, glauben nur noch zwei von 15 befragten Ökonomen. Im März waren es noch 22 Prozent. "Die Krise wird in den kommenden Monaten ziemlich sicher noch mal eskalieren", sagte Carsten-Patrick Meier, Chef der Researchfirma Kiel Economics. "Allerdings wird man den Euro wohl nicht scheitern lassen, sondern einen wirklich tragfähigen Mechanismus aufsetzen, der die Probleme an den Anleihemärkten beendet."
Umso eher dürfte Deutschland dann mit einem blauen Auge davonkommen. "Es gibt keinen zwingenden Widerspruch zwischen der Euro-Krise und einer ordentlichen konjunkturellen Beschleunigung der deutschen Wirtschaft", sagte Andreas Rees, Deutschland-Chefvolkswirt von Unicredit: "Sowohl aus den Schwellenländern als auch aus den USA kommen Impulse, der Arbeitsmarkt wird weiterhin gut laufen, die Investitionsbereitschaft der Unternehmen ist da."
Noch optimistischer gibt sich Meier von Kiel Economics: "Zwar belastet die schwächere Auslandsfrage - doch die Binnennachfrage kann das abfedern, dank niedriger Zinsen und gutem Arbeitsmarkt", so Meier.
Immerhin ein knappes Drittel der Befragten rechnet damit, dass die deutsche Konjunktur spürbarer gedämpft wird und dies zu einem nur sehr moderaten Wachstum führt. Weit skeptischer zeigt sich Joachim Scheide, Konjunkturchef des Instituts für Weltwirtschaft Kiel: Wegen der Euro-Krise könne die Konjunktur in den nächsten Monaten kippen, sodass die Wirtschaft wieder stagnieren oder sogar schrumpfen könnte. Scheide beziffert die Wahrscheinlichkeit für ein solches Szenario auf 30 Prozent. "Wenn die Krise noch einmal aufbricht, wird auch die Konjunktur in Deutschland betroffen sein."
Im Schnitt wird die Wahrscheinlichkeit, dass die deutsche Wirtschaft zu Jahresbeginn weiter geschrumpft ist, von den Schattenräten nur noch auf 31,7 Prozent geschätzt. Im Vormonat waren es noch 36 Prozent. Die Gefahr, dass es im ersten Halbjahr zu keinem nennenswerten Wachstum in Deutschland kommt, schätzen die Ökonomen auf lediglich 33 Prozent.
Das Wachstum im Gesamtjahr sehen sie sogar etwas optimistischer als im März. Im Schnitt erwarten die Experten für 2012 nun ein Wirtschaftswachstum von 0,8 Prozent. Im März lag der Prognoseschnitt noch bei 0,7 Prozent. Für 2013 erwarten sie wie im Vormonat ein Plus von 1,6 Prozent.
Damit sind die Schattenräte auch optimistischer als der Internationale Währungsfonds (IWF) bei seiner Prognose von vergangener Woche. Die Washingtoner Experten rechnen mit 0,6 Prozent für 2012 und 1,5 Prozent für 2013. Optimistischer waren die führenden deutschen Forschungsinstitute, die in ihrer Frühjahrsprognose ein Plus von 0,9 Prozent in diesem und zwei Prozent 2013 erwarten.
Entspannt geben sich die Ökonomen hinsichtlich der Gefahr einer Konjunkturüberhitzung. Die Mehrheit sieht weder die Gefahr einer Blase am Immobilienmarkt noch das Risiko einer Lohn-Preis-Spirale. Die Immobilienpreise ziehen zwar an, der Anstieg sei aber weit entfernt von einem Blasenphänomen, glauben über 70 Prozent der Befragten. Ähnlich gelassen sehen die Schattenräte den derzeitigen Lohnanstieg (siehe links). In der Folge fordert keiner der Ökonomen von der Europäischen Zentralbank eine Anhebung des Leitzinses. Die Hälfte fordert vielmehr eine Zinssenkung, sollten die konjunkturellen Warnsignale zunehmen.
| Unerschrockener Optimismus |
|---|
| Wie die Ökonomen aktuelle Risiken für die Konjunktur in Deutschland einschätzen |
| Krisenfest Nach Ansicht der meisten Topexperten wird die deutsche Konjunktur die Euro-Krise trotz gestiegener Risiken gut wegstecken. Mehr als einen Dämpfer wird Deutschland wohl nicht abbekommen. |
| Entspannt Auch kräftig steigende Löhne sehen die Schattenräte derzeit nicht als Gefahr für die deutsche Wirtschaft. Das könnte aber in ferner Zukunft zum Problem werden, sagt die Hälfte der Ökonomen. |
| Zuversichtlich Seit März ist die Schuldenkrise zwar an die Märkte zurückgekehrt, in ihrer Zuversicht für Deutschland lassen sich die Schattenräte davon aber nicht beirren: Ihre Prognose für 2012 haben sie sogar leicht erhöht. |
| Der Schattenrat |
|---|
| Expertenkreis Die FTD hat vom 20. bis 24. April die besten deutschen Konjunkturexperten zur aktuellen Entwicklung befragt. Von den 20 Chefökonomen und Konjunkturchefs aus führenden Instituten und Banken nahmen diesmal teil: |
| Uwe Angenendt, BHF-Bank |
| Stefan Bielmeier, DZ Bank |
| Holger Fahrinkrug,, WestLB |
| Gustav Horn, IMK |
| Carsten Klude, M.M. Warburg |
| Jörg Krämer, Commerzbank |
| C.-P. Meier, Kiel Economics |
| David Milleker, Union Investment |
| Jürgen Müller, Daimler |
| Andreas Rees, Unicredit |
| Bert Rürup, MaschmeyerRürup |
| Joachim Scheide, IfW Kiel |
| Holger Schmieding, Berenberg |
| Stefan Schneider, Deutsche Bank |
| Dirk Schumacher, Goldman Sachs |