FTD.de » Politik » Konjunktur » Joseph Stiglitz - Das Maß des Glücks

Merken   Drucken   17.09.2009, 19:34 Schriftgröße: AAA

Gastkommentar: Joseph Stiglitz - Das Maß des Glücks  

Kommentar Gängige Kennzahlen wie das BIP messen zwar die Wirtschaftsleistung, sagen aber wenig über das Wohlergehen der Menschen aus. Ein neuer Indikator soll dies ändern. von Joseph Stiglitz
Joseph Stiglitz ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Columbia University in New York. 2001 erhielt er den Nobelpreis für Wirtschaft.
Politiker, die das Wohlergehen ihrer Mitbürger fördern wollen, sitzen zwischen mehreren Stühlen: Sie werden nach der Wirtschaftsentwicklung bewertet, müssen aber auch viele andere Aspekte der Lebensqualität im Auge behalten, unter anderem die Umwelt. Zwar gibt es keinen Indikator, der ein so komplexes Gefüge wie unsere Gesellschaft zusammenfasst, gängige Kennzahlen wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP) deuten aber an, dass es einen Zielkonflikt gibt: Der Zustand der Umwelt lässt sich nur verbessern, wenn man Wachstum opfert.
Gäbe es eine umfassende Maßeinheit für das Wohlergehen, würden wir dies vielleicht als die falsche Wahl erachten. Eine solche Kennzahl könnte zeigen, dass mit einer saubereren Umwelt auch das Wohlergehen steigt, auch wenn die herkömmlich gemessene Produktion gesunken ist.
Dies war einer der Beweggründe von Frankreichs Präsidenten Nicolas Sarkozy, als er eine internationale Kommission einsetzte, die sich mit der Messung von Wirtschaftsleistung und sozialem Fortschritt befassen sollte. Ich selbst war Vorsitzender des Gremiums, Amartya Sen fungierte als Berater und Jean-Paul Fitoussi vom Institut d'Études Politiques als Koordinator. Diese Woche nun hat die Kommission ihren Bericht vorgelegt.
Volkswirtschaftliche Messgrößen wie das BIP und das Bruttosozialprodukt (BSP) sollten ursprünglich die Tätigkeit der Marktwirtschaft erfassen, auch die des öffentlichen Sektors. Allerdings wurden sie zunehmend zu einem Maßstab für das Wohlergehen der Gesellschaft, obwohl sie das nicht sind.
Natürlich haben gute Statistiker auf diesen Irrtum hingewiesen. Ein großer Teil der Wirtschaftstätigkeit findet zu Hause statt - und das kann genauso zum Wohlergehen des Einzelnen beitragen wie die Marktproduktion, vielleicht sogar noch stärker. Zudem besteht die Sorge, dass es vor allem angesichts des Klimawandels unangebracht ist, den Fokus auf die materiellen Aspekte des BIPs zu richten. Sollten wir ein Land bei unserer Leistungsmessung bestrafen, wenn es einen Teil der Vorteile der erzielten Produktivitätssteigerung in Form von Muße nutzt, anstatt immer mehr Güter zu konsumieren?
  • Aus der FTD vom 18.09.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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Kommentare
  • 21.09.2009 20:30:01 Uhr   Matthias Hauer: Erstaunlich

    Erstaunlich, dass solche Trivialitäten, dass das BIP nichts aussagt, so lange brauchen, bis sie ernsthaft über Bord geworfen werden. Aber ein Glück, dass es langsam passiert. Da braucht man ja nicht einmal bis 3 zählen zu können, um die Nutzlosigkeit des Indikators BIP (abgesehen auch noch davon, wie er ermittelt wird) für den erfahrbaren Wohlstand einer Gesellschaft zu erkennen. Lernen von Buthan, kann ich da nur sagen.

  • 18.09.2009 11:20:57 Uhr   F. Edlinger: Die richtige Diskussion
  • 18.09.2009 07:44:53 Uhr   Timm Esser : Nobelpreis für den Wattetest ??
  • 17.09.2009 23:27:09 Uhr   Rüdiger Kalupner: Ablenkungsmanöver a la Honecker
  • 17.09.2009 23:03:52 Uhr   Thomas S.: Dem Deutschen Wohlstand
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