Kenneth Rogoff ist Professor für Ökonomie an der Universität Harvard und früherer Chefökonom des IWF.
Von der Königin von England bis zum entlassenen Autoarbeiter in Detroit fragen sich alle, warum viele Experten die Finanzkrise nicht kommen sahen. Das ist eine unangenehme Frage. Wie können politische Entscheidungsträger da so sicher sein, dass die Finanzkatastrophe nicht schon bald wiederkommt, wenn sie offenbar keine Ahnung hatten, dass eine derartige Krise überhaupt jemals eintreten würde?
Die Antwort ist nicht sehr beruhigend. Im Grunde besteht nach wie vor die Gefahr, dass die Finanzkrise nur in den Winterschlaf gefallen ist und sich langsam in eine staatliche Schuldenkrise verwandelt.
Der Grund, warum die meisten Investoren momentan viel mehr Vertrauen an den Tag legen als noch vor ein paar Monaten, liegt darin, dass Regierungen auf der ganzen Welt unter großen Teilen des Finanzsystems ein umfangreiches Sicherheitsnetz gespannt haben. Gleichzeitig haben die Staaten durch die Anhäufung massiver Defizite die Wirtschaft angekurbelt, und die Zentralbanken haben die Zinssätze auf fast null gesenkt.
Aber kann allumfassende staatliche Großzügigkeit der Weisheit letzter Schluss sein? Die Schutzmaßnahmen der Politik funktionieren, weil man den Steuerzahlern tief in die Tasche greift. Aber jede Tasche ist irgendwann leer geräumt. Und wenn Staaten - vor allem große - in Schwierigkeiten geraten, dann gibt es keinen Schutz mehr. Nachdem die Staatsschulden auf der ganzen Welt Werte erreichen, die man sonst nur nach Kriegen kennt, ist es offensichtlich, dass diese Strategie nicht nachhaltig ist.
Wenn dem so ist, stellt sich die Frage, wie lange die Regierungen Schulden anhäufen können. Das wissen wir nicht. Wissenschaftlich arbeitende Ökonomen haben brauchbare Instrumente entwickelt, um vorherzusagen, welche Volkswirtschaften für eine Finanzkrise am anfälligsten sind. Aber obwohl wir Risikofaktoren identifizieren können, ist eine zeitliche Festlegung praktisch unmöglich.