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Merken   Drucken   30.09.2010, 11:01 Schriftgröße: AAA

Geldpolitik: Die Opfer des Währungskriegs

Die USA und China fechten eine geldpolitische Schlacht aus - und der Rest der Welt leidet. Besonders betroffen sind Schwellenländer mit vergleichsweise offenen Märkten.
© Bild: 2009 Getty Images
Kommentar Die USA und China fechten eine geldpolitische Schlacht aus - und der Rest der Welt leidet. Besonders betroffen sind Schwellenländer mit vergleichsweise offenen Märkten. von Martin Wolf
"Wir befinden uns in einem internationalen Währungskrieg, einer generellen Schwächung der Währung. Das stellt eine Gefahr für uns dar, weil damit unsere Wettbewerbsfähigkeit schwindet." Diese Klage des brasilianischen Finanzministers Guido Mantega ist absolut verständlich.
In einer Zeit unzureichender Nachfrage betreiben die Emittenten von Reservewährungen eine expansive Geldpolitik, und die Nichtemittenten reagieren mit Währungsintervention. Wer wie Brasilien nicht zu Ersteren zählt und es Letzteren nicht gleichtun will, der muss mit ansehen, wie seine Währung in die Höhe schnellt, und fürchtet die Folgen.
Wie zwei kämpfende Kolosse
Derlei Währungskonflikte gab es früher schon. Im September 1985 kamen Vertreter der Regierungen Frankreichs, der Bundesrepublik Deutschland, Japans, der USA und Großbritanniens in New York zusammen und beschlossen, auf die Abwertung des US-Dollar hinzuarbeiten.
Bereits im August 1971 sorgte der damalige US-Präsident Richard Nixon für den "Nixon-Schock", indem er eine Importsteuer in Höhe von zehn Prozent einführte und die Goldkonvertibilität des Dollar aufhob. Beide Ereignisse zeugten vom Wunsch der USA, den Dollar abzuwerten. Heute hat das Land denselben Wunsch. Doch diesmal ist das Augenmerk nicht auf einen gefälligen Verbündeten gerichtet, sondern auf China, die nächste Supermacht. Wenn zwei solche Kolosse kämpfen, ist es wahrscheinlich, dass die Zuschauer in Mitleidenschaft gezogen werden.
Für die Währungskriege von heute sind drei Tatsachen relevant. Erstens leiden die Industrienationen infolge der Krise unter chronisch unzureichender Nachfrage. In keinem der sechs größten Hochlohnländer - USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien - hatte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal 2010 wieder den Stand vom ersten Quartal 2008 erreicht.
Diese Volkswirtschaften liegen derzeit um bis zu zehn Prozent darunter. Beleg für den Angebotsüberschuss ist der Rückgang der Kerninflation auf rund ein Prozent in den USA und in der Euro-Zone. Diese Länder hoffen auf exportgestütztes Wachstum. Das gilt sowohl für diejenigen mit Außenhandelsdefizit (USA) als auch für diejenigen mit Überschuss (wie Deutschland und Japan). Dies kann aber nur geschehen, wenn die Schwellenmärkte ein Leistungsbilanzdefizit ausweisen.
Zweitens: Der Privatsektor entwickelt sich in diese Richtung. Laut einer Prognose des Institute of International Finance dürften dieses Jahr 746 Mrd. Dollar netto an privatem Kapital in die Schwellenländer fließen. Ausgeglichen werden könnte dies über eine Wechselkursanhebung - letzten Endes würden die Schwellenländer ein Leistungsbilanzdefizit aufweisen.
Drittens wird diese natürliche Anpassung jedoch torpediert durch das Anhäufen von Devisenreserven. Zwischen Januar 1999 und Juli 2008 schwollen weltweit die offiziellen Reserven von 1615 Mrd. Dollar auf 7534 Mrd. Dollar an. Man könnte argumentieren, dass dieser Zuwachs eine Eigenabsicherung als Reaktion auf frühere Krisen war.
Tatsächlich wurden die Reserven während der aktuellen Krise genutzt. Zwar half dies, die Auswirkungen abzufedern, doch diese Nutzung der Reserven belief sich auf gerade mal sechs Prozent des Vorkrisenniveaus. Gerade China hat 2450 Mrd. Dollar an Devisenreserven angehäuft. Das entspricht 30 Prozent der weltweiten Reserven. Diese Anhäufung ist eine enorme Exportsubvention.

Teil 2: Unser Geld, euer Problem

  • FTD.de, 30.09.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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Kommentare
  • 30.09.2010 20:41:44 Uhr   Hans Prömm: Die USA ist am Zug

    Sehr geehrter Herr Wolf, die lehrbuchartigen Anpassungsmechanismen (ja, mit negativen Auswirkungen auf "Schwellenländer") würden unter "normalen" Umständen greifen, doch die jetzige Transitionsphase ist alles andere als normal. Die Dollarschwemme überlagert nämlich alles: einerseits ist der Dollar immer noch Transaktions- und Reserveleitwährung, andererseits trauen immer weniger Akteure seiner Werthaltigkeit und wollen möglichst wenig davon halten. Ausser China. Scheinbar. Sie schreiben: " Wenn jeder auf Kosten des Nachbarn lebt, kann das nicht gut enden." Nun, bisher hat die USA auf Kosten Chinas gelebt, denn die Chinesen haben gearbeitet und die Amerikaner konsumiert. Die dabei von China angehäuften Dollarreserven sind einerseits ein Problem der Chinesen (wie ohne massiven Wertverlust ausgeben?) aber andererseits eine starke politische Waffe (wenn wir wollen, lassen wir das dollarbasierte globale Finanzsystem über Nacht einstürzen). Die Chinesen können es sich leisten, bei der "Bereinigung" dieser Situation ihren eigenen Masterplan zu verfolgen und eigene Zeitpläne vorzugeben. Wer Waren aus China importiert, wird bestätigen können, daß die Preise in den letzten Jahren kontinuierlich steigen - aber immer nur soviel, daß deren Wettbewerbsfähigkeit erhalten bleibt. Gleichzeitig bemühen sich die Chinesen, immer mehr an Technologie und Wertschöpfung in ihr eigenes Land zu holen, was langfristig einen starken Binnenmarkt schaffen wird. Am Ende dieses "langen Marsches" könnte die USA deindustrialisiert, überschuldet und ohne Leitwärung (Seignorage) dastehen. Den ersten Schritt zur Heilung der Lage muss also nicht China tun, sondern die Amerikaner. Sie müssen aufhören, mehr zu konsumieren, als sie erarbeiten (Handelsbilanzdefizit) und Kriege zu führen, die sie nicht bezahlen können (Haushaltsdefizit). Um diese bittere Medizin kommen sie nicht herum und je länger sie es mit fragwürdigen Manövern hinauszögern, um so schlimmer wird es werden. (Auch) China sei Dank!

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