Die Bundesbank lockert ihre harte Haltung in der Geldpolitik. Angesichts einer guten deutschen Konjunktur und kriselnder Volkswirtschaften in Südeuropa sind die Währungshüter bereit, eine höhere Inflationsrate als im Rest der Euro-Zone hinzunehmen.
Mit ihrer Äußerung beugt sich die Bundesbank einem Konsens unter Ökonomen: Die Euro-Zone kann die Krise nur überwinden, wenn einerseits Länder wie Portugal und Spanien Preis- und Lohnsenkungen akzeptieren - und so wettbewerbsfähiger werden. Andererseits müssen Wachstumsstaaten wie Deutschland vorübergehend höhere Geldentwertung dulden.
Die Reformen in den Krisenstaaten haben zur Folge, dass sich die Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder gegenüber Deutschland verstärke, räumte die Bundesbank gestern in einer Stellungnahme für eine Bundestagsanhörung erstmals ein: "Deutschland dürfte in diesem Szenario künftig in der Währungsunion eher überdurchschnittliche Inflationsraten aufweisen", so die Währungshüter.
Allerdings müsse die Geldpolitik dafür sorgen, dass die Inflation der Euro-Zone insgesamt dem Stabilitätsziel entspreche und die Inflationserwartungen fest verankert blieben. Die Europäische Zentralbank (EZB) definiert Preisstabilität als eine Inflationsrate von mittelfristig knapp zwei Prozent.
Der Internationale Währungsfonds (IWF) empfahl Deutschland am Dienstagabend, "einen Anstieg der Gehälter und einiger Güterpreise" als Teil eines Ausgleichsprozesses in der Euro-Zone hinzunehmen. Aktuell liegt die Inflationsrate in der Bundesrepublik mit zwei Prozent unter dem Euro-Zonen-Wert von 2,6. Allerdings geht die EZB davon aus, dass die Preissteigerungsrate in der Euro-Zone bis Anfang 2013 auf unter 2,0 Prozent fallen wird. In Deutschland hingegen rechnen Volkswirte mit einem Anstieg.
Mit der Aufweichung ihrer harten Haltung riskiert die Bundesbank, dass die wirtschaftspolitische Kurskorrektur der Bundesregierung eine neue Debatte auslöst: Kanzlerin Angela Merkel (CDU) weicht derzeit ihre Forderung nach einer harten Sparpolitik in der Euro-Zone auf und schwenkt auf einen Wachstumspakt für den Währungsraum um - unterstützt durch die Wahl des Sozialisten François Hollande zum neuen französischen Präsidenten.
Für eine weitere Koordinatenverschiebung sorgte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), der am Wochenende deutliche Lohnerhöhungen in Deutschland anmahnte.
Volkswirte messen der Bundesbankstellungnahme große Bedeutung bei. Einen "großen Durchbruch" sieht Carsten Brzeski von der niederländischen Bank ING. Die Bundesbank gebe erstmals zu, dass Deutschland Verantwortung für ein neues Gleichgewicht im Euro-Raum übernehmen müsse. "Außerdem soll die Äußerung verhindern, dass die EZB den Fehler von 2011 und 2008 wiederholt und die Zinsen wegen möglicher Inflationsgefahren in Deutschland voreilig erhöht."
Entscheidend für die Akzeptanz des neuen Trends wird das Ausmaß der Preissteigerung sein. Für Ulrich Kater von der Dekabank könnte die deutsche Rate "bis zu 4,0 Prozent" betragen. IWF-Chefökonom Olivier Blanchard hatte Ende April im FTD-Interview gesagt, einige Euro-Länder könnten Inflationsraten von bis zu 6,0 Prozent verkraften.
Holger Schmieding von der Berenberg Bank hingegen sieht keinen Grund zur Sorge. Der Abstand zwischen den Inflationsraten entstehe nicht durch den Anstieg in Deutschland, sondern durch das Absinken im Rest der Euro-Zone.