FTD.de » Politik » Konjunktur » Bundesbank duldet höhere Inflation
Merken   Drucken   10.05.2012, 10:31 Schriftgröße: AAA

Geldpolitische Kehrtwende: Bundesbank duldet höhere Inflation

Bislang galt die deutsche Notenbank als Hort der Stabilität in einem Ozean aus europäischen Schulden. Doch künftig nehmen auch die Bundesbanker in Kauf, dass die Teuerung in Deutschland etwas höher ausfällt.

Die Bundesbank lockert ihre harte Haltung in der Geldpolitik. Angesichts einer guten deutschen Konjunktur und kriselnder Volkswirtschaften in Südeuropa sind die Währungshüter bereit, eine höhere Inflationsrate als im Rest der Euro-Zone hinzunehmen.

Mit ihrer Äußerung beugt sich die Bundesbank einem Konsens unter Ökonomen: Die Euro-Zone kann die Krise nur überwinden, wenn einerseits Länder wie Portugal und Spanien Preis- und Lohnsenkungen akzeptieren - und so wettbewerbsfähiger werden. Andererseits müssen Wachstumsstaaten wie Deutschland vorübergehend höhere Geldentwertung dulden.

Die Reformen in den Krisenstaaten haben zur Folge, dass sich die Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder gegenüber Deutschland verstärke, räumte die Bundesbank gestern in einer Stellungnahme für eine Bundestagsanhörung erstmals ein: "Deutschland dürfte in diesem Szenario künftig in der Währungsunion eher überdurchschnittliche Inflationsraten aufweisen", so die Währungshüter.

Allerdings müsse die Geldpolitik dafür sorgen, dass die Inflation der Euro-Zone insgesamt dem Stabilitätsziel entspreche und die Inflationserwartungen fest verankert blieben. Die Europäische Zentralbank (EZB) definiert Preisstabilität als eine Inflationsrate von mittelfristig knapp zwei Prozent.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) empfahl Deutschland am Dienstagabend, "einen Anstieg der Gehälter und einiger Güterpreise" als Teil eines Ausgleichsprozesses in der Euro-Zone hinzunehmen. Aktuell liegt die Inflationsrate in der Bundesrepublik mit zwei Prozent unter dem Euro-Zonen-Wert von 2,6. Allerdings geht die EZB davon aus, dass die Preissteigerungsrate in der Euro-Zone bis Anfang 2013 auf unter 2,0 Prozent fallen wird. In Deutschland hingegen rechnen Volkswirte mit einem Anstieg.

Mit der Aufweichung ihrer harten Haltung riskiert die Bundesbank, dass die wirtschaftspolitische Kurskorrektur der Bundesregierung eine neue Debatte auslöst: Kanzlerin Angela Merkel (CDU) weicht derzeit ihre Forderung nach einer harten Sparpolitik in der Euro-Zone auf und schwenkt auf einen Wachstumspakt für den Währungsraum um - unterstützt durch die Wahl des Sozialisten François Hollande zum neuen französischen Präsidenten.

Für eine weitere Koordinatenverschiebung sorgte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), der am Wochenende deutliche Lohnerhöhungen in Deutschland anmahnte.

Deutsche Bundesbank   Deutsche Bundesbank

Volkswirte messen der Bundesbankstellungnahme große Bedeutung bei. Einen "großen Durchbruch" sieht Carsten Brzeski von der niederländischen Bank ING. Die Bundesbank gebe erstmals zu, dass Deutschland Verantwortung für ein neues Gleichgewicht im Euro-Raum übernehmen müsse. "Außerdem soll die Äußerung verhindern, dass die EZB den Fehler von 2011 und 2008 wiederholt und die Zinsen wegen möglicher Inflationsgefahren in Deutschland voreilig erhöht."

Entscheidend für die Akzeptanz des neuen Trends wird das Ausmaß der Preissteigerung sein. Für Ulrich Kater von der Dekabank könnte die deutsche Rate "bis zu 4,0 Prozent" betragen. IWF-Chefökonom Olivier Blanchard hatte Ende April im FTD-Interview gesagt, einige Euro-Länder könnten Inflationsraten von bis zu 6,0 Prozent verkraften.

Holger Schmieding von der Berenberg Bank hingegen sieht keinen Grund zur Sorge. Der Abstand zwischen den Inflationsraten entstehe nicht durch den Anstieg in Deutschland, sondern durch das Absinken im Rest der Euro-Zone.

  • Aus der FTD vom 10.05.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
Immobilien-Kompass
Immobilien-Kompass Deutschlands beste Wohnlagen

Preise, Mieten und Prognosen für Deutschlands Metropolen und Regionen mit detaillierten Übersichtskarten

Jetzt eigene Wohnlage prüfen

 
Anstatt FTD.de lese ich künftig ... Zum Ergebnis
Alle Umfragen
In eigener Sache
  • An Kiosks in der ganzen Republik hieß es am letzten Erscheinungstag der FTD: Zeitung vergriffen! Der Hype um die Schlussausgabe trieb merkwürdige Blüten. Der Verlag druckte 30.000 Exemplare nach. Wer keines abbekam - bestellen ist möglich. mehr

  •  
  • blättern
Zwischen Leben und Arbeiten
Work-Life-Balance

Die FTD hat zusammen mit dem GfK Verein die umfassendste bundesweite Studie zum Thema Work-Life-Balance veröffentlicht. Die Ergebnisse und mehr zum Thema finden Sie hier. Die Studie können Sie hier kaufen. mehr

Folgen Sie der FTD auf Twitter
Werden Sie Fan der FTD auf Facebook
  • Sie waren ein Herzstück der Zeitung und pointiert, scharf, teils brillant: Ihre Kolumnen, Leitartikel und Kommentare haben die FTD entscheidend geprägt. Zum letzten Mal: Unsere Kolumnisten sagen, was Sache ist. mehr

  •  
  • blättern
© 1999 - 2013 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Impressum | Datenschutz | Nutzungsbasierte Online Werbung | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

Geldanlage | Altersvorsorge | Versicherung | Steuern | Arbeitsmarkt | Energiewende | Ökostrom | Auto | Quiz | IQ-Test | Allgemeinwissen | Solitär | Markensammler