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Merken   Drucken   10.10.2012, 17:08 Schriftgröße: AAA

Herbstgutachten: Wie die europäische Konjunktur funktioniert

Wie kommen Wirtschaftswissenschaftler zu ihren Voraussagen? Gesamtwirtschaftliche Prognosen, ihre Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die Geldpolitik der europäischen Zentralbank hängen zusammen und wirken sich aufeinander aus. Die FTD erklärt, wie das System funktioniert.
© Bild: 2012 Reuters/FABIAN BIMMER
Wie kommen Wirtschaftswissenschaftler zu ihren Voraussagen? Gesamtwirtschaftliche Prognosen, ihre Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die Geldpolitik der europäischen Zentralbank hängen zusammen und wirken sich aufeinander aus. Die FTD erklärt, wie das System funktioniert.
von Berlin

Wissenschaftler sagen eine Abschwächung der Konjunktur voraus. Trotzdem wird es in diesem Jahr seit langem wieder einen Haushaltsüberschuss geben. Die Experten fordern die Regierung auf, an ihrem Konsolidierungskurs festzuhalten, weil das dem Markt erst die nötige Sicherheit gäbe.

Was diese Einschätzungen bedeuten, wie die Wissenschaftler zu ihren Ergebnissen kommen und welche Auswirkungen diese Voraussagen auf andere Faktoren der europäischen Wirtschaft haben, erläutert ftd.de.

Statt um 2 Prozent dürfte die deutsche Wirtschaft 2013 nur noch um 1 Prozent wachsen, erwarten die Konjunkturexperten. Vor allem die Euro-Krise belastet demnach die Konjunktur. "Im zurückliegenden Frühjahr führten die Regierungskrise in Griechenland und das Bekanntwerden eines deutlich erhöhten Abschreibungsbedarfs bei spanischen Banken dazu, dass die Unsicherheit über die Zukunft des Euro-Raums wieder zunahm", heißt es in dem Bericht. Entsprechend sanken die Investitionen in den vergangenen Quartalen - und dürften es vorerst weiter tun.

Verschärfend kommt die sich eintrübende Weltkonjunktur hinzu; so hätten sich die "Geschäftserwartungen seit April 2012 von Monat zu Monat verschlechtert und befanden sich zuletzt auf dem niedrigsten Stand seit der Rezession 2008/09". Vor allem wegen der sinkenden Aufträge und der abnehmenden Kapazitätsauslastung in der Industrie rechnen die Forscher damit, dass sich "die gesamtwirtschaftliche Expansion gegen Jahresende abschwächt." Die Unternehmensinvestitionen dürften 2013 "zunächst gedämpft bleiben", die Exporte "nur verhalten expandieren".

In den kommenden Monaten wird sich die Lage am Arbeitsmarkt den Instituten zufolge "kaum noch verbessern". Allerdings wird es trotz der schwächeren gesamtwirtschaftlichen Expansion auch nicht zu einem Beschäftigungsabbau kommen, glauben die Forscher. Sie rechnen für 2013 mit einem Nettozuzug von Arbeitskräften aus dem Ausland - bereits im vergangenen Jahr war die Zahl der Migranten auf den höchsten Stand seit 15 Jahren gestiegen.

Deshalb kommt es auf dem deutschen Jobmarkt 2013 zu einem historisch sehr seltenen Phänomen: Sowohl die Zahl der Arbeitslosen als auch der Beschäftigten dürfte leicht ansteigen. 2013 werden demnach rund 2,90 Millionen Menschen einen Job suchen, nach im Schnitt 2,89 Millionen in diesem Jahr. Beide Effekte egalisieren sich weitgehend. Deshalb wird die Erwerbslosenquote 2013 wie schon 2012 bei durchschnittlich 6,8 Prozent liegen - eine im europäischen Vergleich sehr niedrige Rate: Im Schnitt der gesamten Euro-Zone erwarten die Konjunkturprognostiker einen Anstieg von 11,3 auf 12 Prozent.

In diesem Jahr ist davon kaum etwas zu spüren. Erstmals nach 1990 und 2007 dürfte der Staatshaushalt nach den Kriterien von Maastricht in diesem Jahr sogar wieder einen Überschuss aufweisen: Das Plus liegt demnach bei 0,1 Prozent der Wirtschaftsleistung, erwarten die Konjunkturforscher. Für 2013 rechnen sie mit einem ausgeglichenen Haushalt. Noch im Frühjahr hatten die Experten ein leichtes Defizit von 0,6 Prozent prognostiziert. Erstmals seit der Wiedervereinigung dürfte der Staatshaushalt auch strukturell ausgeglichen sein, heißt es in der Herbstprognose.

Zwar werde das Steueraufkommen in diesem Jahr voraussichtlich um 3,9 Prozent und damit nicht mehr so kräftig wie 2011 (7,4 Prozent) wachsen. Die Finanzlage werde sich dank der auf Konsolidierung ausgerichteten Finanzpolitik dennoch verbessern. "Zudem führte das außerordentlich niedrige Zinsniveau für deutsche Staatsanleihen zu erheblichen Einsparungen bei den Zinsausgaben", schreiben die Forscher.

Zwar verstärkt sich der Preisauftrieb nach Ansicht der deutschen Forschungsinstitute in Deutschland. Dieser bleibe allerdings "weiterhin moderat". 2013 komme es allerdings zu "spürbaren Verschiebungen bei den Triebkräften". Soll heißen: Nicht mehr die steigenden Kosten für Rohöl werden die Inflation nach oben drücken, sondern höhere binnenwirtschaftliche Preise.

"Die Lohnstückkosten steigen bereits seit Mitte 2011 deutlich, und die Unternehmen werden diesen Anstieg der Kosten voraussichtlich an die Verbraucher weitergeben", schreiben die Experten. Nach 2,0 Prozent in diesem Jahr wird die Teuerung 2013 bei 2,1 Prozent liegen - kein Grund zur Panik also.

  • FTD.de, 10.10.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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