Melvyn Krauss ist emeritierter Wirtschaftsprofessor an der New York University.
Wie sagte der Chef der Europäischen Zentralbank kürzlich in London so schön: "Im Rahmen ihres Mandats ist die EZB bereit, alles zum Erhalt des Euro Notwendige zu tun. Und glauben Sie mir, es wird ausreichen." Man stelle sich vor, EZB-Präsident Mario Draghi hätte seine Londoner Rede nicht gehalten und die Spekulanten nicht aufgefordert, ihm "den Tag zu versüßen".
Ohne Frage hätte Draghi dann auch die jüngste EZB-Sitzung mit intakter - und vielleicht sogar verbesserter - Glaubwürdigkeit verlassen. Denn aus politischer Sicht tat die EZB gut daran, Spanien, Italien und den anderen Krisenländern zu verdeutlichen, dass man ihre Staatsanleihen nur kaufen werde, wenn sie dies beim Rettungsschirm EFSF beantragen und den erforderlichen Bedingungen zustimmen.
Draghi tut genau das, was er tun sollte: die Politiker dazu drängen, das Richtige zu tun. Dringend verbessern muss er dabei jedoch noch seine Kommunikationsfähigkeiten.
Die Märkte waren vollauf überzeugt, dass der EZB-Präsident niemals mit einem derartigen Ton und solchem Wagemut in London aufgetreten wäre, hätte er nicht im Vorfeld bereits alles geklärt. Offenbar hatte er das aber nicht. Jetzt ist die PR-Abteilung der EZB im Dauereinsatz und bemüht sich, die schwer in Mitleidenschaft gezogene Glaubwürdigkeit Draghis bei den Märkten wiederherzustellen.
Draghi hat bei seiner Pressekonferenz in Frankfurt sowohl die Märkte enttäuscht als auch die spanische Regierung, die von der EZB Geschenke in Form von Staatsanleihekäufen erwartet hatte.
Dass einen Tag nach der Ratssitzung in Frankfurt Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy andeutete, seine Regierung werde sich möglicherweise doch um das an Bedingungen geknüpfte EFSF-Geld bemühen, ist kein Zufall. Als klar wurde, dass die EZB weniger unternehmen würde, als Draghi so vielversprechend in London angedeutet hatte, wurde Rajoy und seinem Kabinett klar, dass sie mehr tun müssen.
Dass so viele sich drücken, ist einer der wesentlichen Gründe dafür, warum sich Europas Finanzkrise so schwer lösen lässt. Jeder will, dass die anderen die schwere Arbeit leisten. Deshalb wird so wenig erreicht.
Das EZB-Kommunikationsdebakel hat zudem offengelegt, dass Draghi kein besonders kollegialer EZB-Präsident ist. Seine Rede in London hat er gehalten, ohne sich zuvor mit Ratskollegen abzustimmen. Als Draghi vermeintlich ein wichtiges neues Kapitel in der EZB-Geschichte aufschlug, wurden die Ratskollegen davon genauso überrascht wie der Rest der Welt. Selbst nach der Londoner Rede beriet sich Draghi nicht mit allen Ratsmitgliedern. Der Mann mag offenbar keine umfassenden Konsultationen (ganz anders als sein Vorgänger Jean-Claude Trichet).
Angeblich war der allgemeine Tenor bei der EZB-Sitzung am Donnerstag höflich. Aber die grundlegende Stimmung war dann doch: "Das tut er uns nicht noch einmal an." Ob sich der 65-Jährige verbiegen kann, wird die Zeit zeigen - auch, ob er überhaupt dazu gewillt ist. Sollte er jedenfalls, denn wenn die Euro-Krise derzeit etwas nicht gebrauchen kann, dann ist es, dass die EZB durch interne Streitigkeiten zerrissen wird.
Europa wäre ganz eindeutig besser dran, wenn Draghi nicht länger einen auf starker Max macht, sondern seinen Mitstreitern von der EZB mehr Kollegialität entgegenbringt.