Noch ist der Konjunktursturz nur in manchen Branchen zu spüren. Die Autobranche fährt wieder Kurzarbeit. In Bankhäusern laufen beschleunigt die Entlassungswellen. Und es soll hochwertige Qualitätszeitungen geben, denen es vorübergehend nicht so gut geht. Alles in allem wächst die Wirtschaft ja trotzdem noch, wie am Donnerstag gemeldet wurde.
Entsprechend gelassen scheinen Prognostiker, Wirtschaftsminister und Bundeskanzlerin zu reagieren. Von Auszeit am Arbeitsmarkt ist die Rede. Vom Wiederaufleben der Konjunktur ab 2013. Und von der deutschen Stärke, frei nach Philipp Rösler. Da soll die Rezession es mal wagen.
Was ein bisschen skeptisch macht, ist, dass solche Sprüche fast immer zu hören sind, bevor die Wirtschaft in Rezessionen stürzt. Das Risiko könnte bei beschleunigt abstürzenden Frühindikatoren und auslaufender Schonfrist für die deutsche Wirtschaft bereits zunehmen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Auguren dies unterschätzen. Und auch nicht das erste Mal, dass die Kanzlerin erst spät reagiert. Dabei lässt sich der Sturz jetzt noch abwenden.
Noch gilt, dass die Wirtschaft nur kurz schwächeln wird. Dass die Euro-Krise abflaut, weil Europäische Zentralbank und Bundesregierung (endlich) dafür gesorgt haben, Endzeitspekulationen zu stoppen. Und dass niedrige Zinsen so bald Investitionswunder bewirken können. Klar. Die Konjunktur der Schwellenländer läuft auch wieder besser. Und überhaupt sei der Arbeitsmarkt robust, was die Konsumlaune stütze.
Kann sein, dass es noch so kommt. Im Moment liegen die Auftragseingänge der Autoindustrie zehn Prozent niedriger als im Frühjahr, in der Gesamtindustrie um elf Prozent gegenüber Mitte 2011. Stabilisierung? Nicht einmal jeder zehnte Exporteur rechnet für die nächsten drei Monate mit einem Verkaufsplus. Was noch bedrohlicher wirkt: Der Einbruch der Inlandsbestellungen von Investitionsgütern hat sich zuletzt beschleunigt - trotz EZB-Rettung. Sprich: Die Betriebe stecken immer weniger in ihre Zukunft. Die Investitionsnachfrage ist niedriger als Anfang 2006: vor Beginn der deutschen Boomphase. Da hilft auch der angeblich robuste Konsum wenig; zumal der bei Expansionsraten von einem Prozent ohnehin eher in die Kategorie akut vom Aussterben bedrohter Arten gehört.
Zwar dürfte die Angst vor dem Kollaps nachgelassen haben. Dafür wirken jetzt auch auf unsere Wirtschaft zunehmend die realen Folgen des ökonomisch todesmutigen (Austeritäts-)Kurses, den unsere Kanzlerin fremdempfohlen hat. Nach Schätzung der Pariser Ökonomin Véronique Riches-Flores wird der Negativeffekt der Kürzungen und Steuererhöhungen im Schnitt 2013 sogar noch zunehmen und die Wirtschaftsleistung im Euro-Raum um weitere 1,5 Prozent verringern. Achtung, Spätfolgen: Dass Italien und Spanien in Rezessionen steckten, wirke zunehmend auf Nachbarn wie Frankreich, sagt Gustav Horn, Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). Das kriegt auch Deutschland nun zu spüren.
Die Schonzeit läuft ab. Noch halten hiesige Unternehmen tapfer an ihren Belegschaften fest - stärker, als es bei einer bereits derart schwächelnden Konjunktur zu erwarten war. Mit der Folge, dass die Produktivität je Arbeitsstunde stetig fällt - und die Lohnstückkosten gemessen an einer durchschnittlich produzierten Einheit mittlerweile deutlich höher liegen als zu Zeiten vor der Agenda 2010. Das ist nicht unmittelbar bedrohlich - es ist aber ein Indiz dafür, dass viele Unternehmen noch auf eine schnelle Rückkehr zum Aufschwung setzen. Die Hoffnung hat zunehmend ihren Preis - und könnte irgendwann kippen. Mit entsprechend drastischen Folgen für den Arbeitsmarkt und den hiesigen Konsum.
Umso dringlicher wäre es, den schlimmsten Fall abzuwenden - bevor er eintritt. Nur bedingt dürfte da das kürzlich vereinbarte Betreuungsgeld für überkommene Frauenbilder helfen. Wahrscheinlich reichen auch vierteljährlich 10 Euro nicht zum Konjunkturwunder, die wir bisher für die Praxisgebühr an ein Phantom zahlen mussten. Nach Schätzung von Berenberg-Chefökonom Holger Schmieding könnten die Koalitionsbeschlüsse in Summe 0,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachen - wenn nicht anderswo gekappt wird.
Es spricht einiges dafür, dass es wie 2009 vor Einbrüchen schützen würde, die Kurzarbeit für zwölf statt nur sechs Monate zu subventionieren. Immerhin gibt es ja nicht plötzlich eine Strukturkrise, die unabwendbar zu bereinigen wäre, eher ein Nachfrage- und Psychoproblem, das es zu überbrücken gilt. Das würde nur schlimmer, wenn jetzt noch Entlassungswellen einsetzen. Noch gebe es Überstunden auf Arbeitszeitkonten abzuarbeiten, so IMK-Chef Horn. Das Polster sei aber geringer als 2009.
Mindestens so dringlich ist, die panikbedingte Abwärtsspirale der Investitionen zu stoppen. In Situationen, in denen es viel um Psychologie geht, hat ein scheinbar dröges Mittel dagegen Wunder gewirkt: die Verbesserung der Abschreibungsbedingungen. Wenn diese befristet werden, wirkt das auf all die Betriebe, die Investitionspläne in der Schublade haben, aber aus Vorsicht noch zögern. Das Gute: Wenn die Ersten wieder zu investieren beginnen, schwindet mit zunehmendem Wachstum auch die Angst bei den anderen.
Wie das geht, hat sich gezeigt, als Ende 2005 eine gewisse Kanzlerin Angela Merkel in Großkoalition mit einem Herrn Steinbrück schon einmal drauf setzte - und die Investitionen 2006 alle Prognosen übertrafen. Ähnlich wie in den USA zuvor.
Dann bräuchten wir nur noch eine Neidsteuer, die verhindert, dass wir uns vor lauter Erregung über alle Leute mit hohen Honoraren oder Pensionen oder Gehältern (also alle, die mehr haben als andere) irgendwann kollektiv zu moralisch unangreifbaren 400-Euro-Jobbern heruntermoralisieren. Dann könnte aus uns noch ein richtiges Konsumvolk werden.
Es kann auch so gut gehen. Darauf zu vertrauen könnte sich bald aber als fahrlässig erweisen. Nach IMK-Rechnung liegt das Rezessionsrisiko schon bei 60 Prozent. Da könnte es schlau sein, es nicht darauf ankommen zu lassen. Damit die völlig sinnlose Konjunkturkrise nicht mehr Substanz zerstört als nötig. Angie, hilf!
Thomas Fricke ist FTD-Chefökonom. Er schreibt freitags an dieser Stelle.