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FTD-Serie: Thomas Fricke - Die Kolumne

FTD-Kolumnisten kommentieren aktuelle Trends und Ereignisse.
Merken   Drucken   28.01.2010, 19:00 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Thomas Fricke - Verkehrtes Staatsvertrauen

Bisher galt, dass die Deutschen immer nach dem Staat rufen - anders als Briten und Amerikaner. Ein Klischee, das endgültig in die Floskelkiste gehört. Die eigentliche Frage ist, wer den besseren Staat hat.

Was mussten wir uns nicht alles von unseren Freunden jenseits von Kanal und großem Teich anhören: dass wir in Deutschland dem schrecklichen Glauben anhängen, der Staat könne helfen; und dass wir doch einfach nur gucken müssen, wie Amerikaner und Briten mit viel niedrigeren Staatsquoten und Schulden brillieren.

Aus, vorbei. Seit Ausbruch der Gigafinanzkrise kursiert bei unseren Freunden nicht nur der ein oder andere Zweifel an den heilsamen Kräften des Marktes. Bei näherem Hinsehen scheint das ganze Klischee allmählich bearbeitungsbedürftig, wonach Amerikaner und Briten weniger am Staat hängen und seltener nach ihm rufen als wir. Vielleicht rufen sie nur anders. Die Frage ist dann, wer besser brüllt. Jedenfalls ist manche Staatsquote bei uns mittlerweile niedriger als bei denen, nicht höher.

Klischee oder Wirklichkeit - wer hängt hier am Staat?   Klischee oder Wirklichkeit - wer hängt hier am Staat?

Der Ruf, Banken manches Geschäft zu verbieten, kommt vom Präsidenten der USA - und einem früheren US-Notenbankchef. Amerikas Staatsmacht ist gerade bei Banken eingestiegen, hat parastaatliche Immobilienfinanzierer unter Obhut gestellt, die Mehrheit am weltgrößten Versicherer AIG übernommen, Autokonzernchefs zu sich zitiert, um ihnen zu sagen, was sie tun sollen. Sie hat Arbeitslosen mehr Geld zugeteilt und Konjunkturpakete lanciert, die Angela Merkel wie eine schwäbische Hausfrau aussehen lassen.

Jetzt könnte man sagen, das war Notwehr, eine Jahrhundertkrise. Nur ändert das ja nichts am Ergebnis. Und es könnte auch lediglich heißen, dass es für Amerika lange Zeit nicht so viel Grund gab, nach Hilfe zu rufen. Das kann sich ändern. Als Großbritannien 1992 kriselte, intervenierte die Regierung so, dass das strukturelle Staatsdefizit fast sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erreichte. So etwas hatte Deutschland selbst nach der Einheit nicht. Ähnliches gab es in den USA bei jeder Rezession.

Dazu kommt ein tief gehender Trend zurück zum Staat - und der hat nicht nur mit dem ein oder anderen militärischen Abenteuer zu tun. Während in Deutschland heute weniger Staatsbedienstete arbeiten als vor der Wende allein im Westen, stieg die Zahl bei den stark unterversorgten Briten um Millionen. Mittlerweile verdienen öffentlich Beschäftigte auf der Insel im Schnitt mehr als Leute in der Privatwirtschaft. Kaum zu glauben. Bei Briten wie Amerikanern arbeitet ein höherer Anteil Menschen beim Staat als bei uns. George W. Bush trug derweil mit seiner Reform der Krankenversicherung für Rentner dazu bei, dass allein dieser Posten heute 1,5 Prozent des BIPs mehr in Anspruch nimmt als noch im Jahr 2000.

Die Krise hat all das dramatisch beschleunigt. Weil sich Amerikas Arbeitslosenquote verdoppelt hat, sind auch die staatlichen Transfers hochgeschnellt - von weniger als zehn Prozent 2000 auf jetzt fast 15 Prozent des BIPs. Das ist ein Drittel mehr als zu den Zeiten, als Ronald Reagan antrat, den angeblich wuchernden Staat zu bekämpfen. In Großbritannien findet jetzt sage und schreibe 53 Prozent der Wirtschaftsleistung in staatlichen Einrichtungen statt - gegenüber 48 Prozent in Deutschland. In den USA liegt die Staatsquote zwar noch niedriger. Vor zehn Jahren lag der Abstand zu uns aber noch bei fast 15 Prozentpunkten. Jetzt sind es nur noch halb so viel. Nach OECD-Schätzung konsumieren Amerikas Behörden de facto mehr Geld als alle 16 Euro-Staaten.

Teil 2: Deutschlands Schulden sinken schneller

  • Aus der FTD vom 29.01.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland
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Kommentare
  • 01.02.2010 11:48:54 Uhr   Hermann H.: Zweifelhaft

    Genauso plakativ wie früher die Marktgläubigkeit kommt jetzt die zurück zum Staat Gläubigkeit daher.
    Dabe ist schon zweifelhaft, das tatsächlich in Deutschland weniger Staatsbedienstete bechäftigt werden. Denn die Statistik wurde vielerorts buchhalterisch manipuliert, in dem man aus Personal- Sachkosten gemacht hat.
    Bis jetzt ist in Deutschland selbt bei kategorischen Einstellungsstops noch jede Behörde personell gewachsen.
    Die Frage kann ohnehin nicht lauten Staats- oder Marktwirtschaft. Nicht jeder "Markt" ist sinnvoll, das gilt alledingsauch für staatliche Lösungen.
    Man gewint sogar dne Eindruck, mehr Markt bei uns und weniger Markt be idne Angelsachsen zusammen di Krise hätten verhindern können.
    Märkte können nur Wohlstand schaffen, wenn sie unabhängig von der Größe Wettbewerb zulassen und Größenvorteile neutralisieren.
    Dagegen hat man hüben wie drüben verstossen.

    H.

  • 01.02.2010 09:48:27 Uhr   Thomas Müller: @fokus
  • 29.01.2010 21:57:32 Uhr   Weniger ist mehr!: Der Staat und sein Volk
  • 29.01.2010 21:04:49 Uhr   fokus: Rechenformel
  • 29.01.2010 20:16:02 Uhr   fokus: Schmähreden
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