FTD.de » Politik » Konjunktur » Thomas Fricke - Voodookampf um Schuldenschnitte

Merken   Drucken   06.05.2011, 11:00 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Thomas Fricke - Voodookampf um Schuldenschnitte

Gegner und Drängler eines griechischen Teilbankrotts tun, als sei klar, ob und wie gut das Land seine Schulden in Zukunft zurückzahlen kann. Dabei weiß das kein Mensch. von Thomas Fricke 
Vor zwei Jahren wäre der Grieche froh gewesen, wenn sich Ökonomen mal für ihn interessiert hätten. Komisch. Jetzt wimmelt es nur so von Griechenland-Experten. Und bei Häppchen wird seit Monaten dahingeplaudert, dass der Grieche nun mal pleite und die Umschuldung klar sei. Basta.
Nun kann man nicht sagen, dass der Grieche immer solide gehaushaltet hat. Was erstaunt, ist die Gewissheit, mit der Griechen-Blitzexperten deklarieren, dass und wann sie pleite sind. Zumindest wenn man weiß, dass es für so was gar keinen klaren Maßstab gibt. Und die Sache im Kern daran hängt, ob man glaubt, dass jemand künftig (wieder) bereit ist, dem Staat sein Geld zu leihen. Was der nur tun wird, wenn er glaubt, dass die nicht pleitegehen. Viel Stoff für sich selbst erfüllende Häppchen.
Eine Fahne der Europäischen Union neben einer griechischen in Athen   Eine Fahne der Europäischen Union neben einer griechischen in Athen
Unvorhersehbares Kriterium
Im Grunde geht es darum, ob potenzielle Investoren glauben, dass sie ihr Geld nach Ende der Laufzeit einer Anleihe wiedersehen. Ob das Land in, sagen wir, zehn Jahren nicht pleite ist. Das hängt davon ab, wie sich dessen Staatsschulden entwickeln, was wiederum davon abhängt, wie in den zehn Jahren Zinsen, Wirtschaftswachstum und Staatsetats ausfallen. Mit Verlaub: Das weiß kein Mensch. Wenn es um mehr als maximal ein bis zwei Jahre geht, erreichen ökonomische Prognosen den Status reiner Szenariensetzerei. Motto: Kann so kommen; kann aber auch anders.
Bei genauerem Hinhören lavieren sich auch Umschuldungspropheten um das kleine Problem herum, die Zukunft nicht zu kennen, ebenso wenig wie die genaue Pleitegrenze. Da heißt es gern, dass Schulden nicht mehr tragfähig seien, wenn sie über 100 Prozent der Wirtschaftsleistung liegen und ständig steigen - was die Japaner seit Jahren trotzdem gut hinkriegen. Selbst nach der Jahrhundertkatastrophe. Ein Grund findet sich dann immer. Die Japaner hielten halt das Gros der Schulden selbst - als wäre es dann völlig egal, wie stark der Staat sich verschuldet. Die Finanzmärkte müssen halt nur dran glauben. Das erfüllt sich dann auch von selbst.
Nun könnte man sagen, dass die Zukunft für Griechenland gar nicht so gut werden kann, um den Schnitt noch abzuwenden. Mag sein. Nur ist auch das nicht so einfach, wie es Pleitefans mit ihren Endzeitprophezeiungen vermuten lassen.
Zurzeit müssten die Griechen in der Tat einen völlig astronomischen Haushaltsüberschuss vor Zinsen von 17 Prozent des eigenen Bruttoinlandsprodukts haben - bei einem seit Kurzem zu zahlenden Panikzins für Neuschulden von 15 Prozent und miesen Wachstumsannahmen von nominal noch 1,5 Prozent.

Teil 2: Marktpanik legt sich auch ohne Umschuldung

  • Aus der FTD vom 06.05.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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Kommentare
  • 11.05.2011 22:31:44 Uhr   Rudolf Bächtold: Wovon soll denn Griechenland leben?

    Der FTD-Spassvogel Thomas Fricke (Rezept: Immer das Gegenteil des Mainstreams schreiben) umgeht das Hauptproblem Griechenlands genauso wie jene Kaffeesatz-Leser, die er in die Pfanne haut. Wovon soll den Griechenland leben? Von schwarzen Oliven? Von milchigem Ouzo? Von Reedereien, die längst nicht mehr im Land ansässig sind. Von harzigem Wein? Ja, vom Tourismus natürlich, stupid! Nur von derlei Manna zehren inzwischen etwa die Hälfte aller Staaten dieser Welt. Woher also soll das Gedl kommen, das die Schulden tilgt und den Aufschwung bringt. Vor 15 Jahren hat mir Gaston Thorn, damals EG-Kommissionspräsident gesagt: Die Süderweiterung war ein Fehler. Ja, so ists.

  • 10.05.2011 12:39:03 Uhr   Rosemarie Holzauge: EU-RETTUNGSWEG (1-2)
  • 10.05.2011 12:33:56 Uhr   Rosemarie Holzauge: EU-RETTUNGSWEG (2-2)
  • 09.05.2011 22:04:02 Uhr   Luxwolf: Griechenland
  • 08.05.2011 16:35:58 Uhr   Serious Sam: Da die Griechen
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