FTD.de » Politik » Konjunktur » Thomas Fricke - Was uns Griechen wirklich hilft

Merken   Drucken   03.06.2011, 10:49 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Thomas Fricke - Was uns Griechen wirklich hilft

Gegen Schuldenpanik nutzen weder Drohgebärden noch immer neue Radikalkürzungen oder Schuldenschnitte. Die Krisenländer brauchen einen Plan, der sie aufbaut. Und uns auch. von Thomas Fricke 
Die griechische Regierung hat seit 2010 Staatsgehälter um ein Fünftel gekürzt, zweimal die Mehrwertsteuer erhöht, eine Rentenreform durchgezogen, die bei uns sechs Vermittlungsausschüsse versorgt hätte, und einen Temporekord im Abbau von Staatsdefiziten aufgestellt.
Schuldenkrise Das griechische Tafelblech
Ergebnis: An den Finanzmärkten wird eine doppelt so hohe Risikoprämie gehandelt, und die Staatspleite liegt näher als vorher. Derweil nölt Brüssel über Details und will die Dosis erhöhen - noch mal kürzen.
Absurd. Es wäre höchste Zeit einzuräumen, dass das Rezept gescheitert ist, den Notfallpatienten zu knebeln und zu strafen. Das hat Rezession wie Euro-Schuldendrama nur verlängert - und Einsparungseffekte zunichte gemacht, weil Steuereinnahmen krisenbedingt einbrachen. Umso dringender braucht Griechenland jetzt eine Aufbaustrategie, die neue wirtschaftliche Dynamik schafft, um die Schulden nachhaltig abzubauen. Keine Strafjustiz, die vordergründig saniert, am Ende aber höhere Schulden bringt.
Griechenlands Staatsdefizit hätte 2010 locker vier Prozentpunkte stärker sinken können, wäre nicht die Wirtschaft - wegen der Kürzungen - so drastisch geschrumpft. Es wäre auch einfacher gewesen, wenn zweifelhafte Geldgeber wie unsere Kanzlerin nicht aus Moraleifer (Straf-)Zinsen verlangten. Da kam die Sanierung einem 1000-Meter-Lauf mit Bleikugel am Bein gleich. Zum Gegencheck: Griechenlands verspottete Exporte, vom Radikalkurs ausgenommen, expandieren mit zweistelliger Rate.
Viel wichtiger wäre, den Teufelskreis zu durchbrechen. Zum Beispiel so:
Es gibt aktuell keinen Grund, panische (Umschuldungs-)Aktionen zu starten. Bis mindestens Mitte 2012 sei durch die Hilfspakete Geld da, um die Schulden zu bedienen, sagt Berenberg-Chefökonom Holger Schmieding. Abgesehen davon sei es "Blödsinn, die langfristige Solvenz eines Landes mitten in einer Rezession zu beurteilen" - in einer Zeit zudem, in der sich der Abgesang auf Griechenland verselbständigt hat und die Finanzmärkte stark dysfunktional reagieren - was sich daran ablesen lässt, dass selbst die Jahrhundertsanierung zu viel höheren statt niedrigeren Risikoprämien führte, die kaum ein Entwicklungsland hat. Es wäre besser zu warten - bis die Anleger Risiken wieder vernünftiger beurteilen. Dann sinkt der Marktzins automatisch.
Die Zeit bis dahin müsste genutzt werden, um die Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs zu bringen. Bisher wird in den Programmen kaum Geld in die Zukunft gesteckt, sagt Jens Bastian, Forscher an der Hellenic Foundation for European and Foreign Policy. Da gehe es nur um höhere Steuern und weniger Ausgaben. Dabei gebe es genug Investitionspotenzial: etwa zur Förderung von Sonnenenergie oder im anspruchsvolleren Tourismus, wie es ihn nach den Olympischen Spielen 2004 gegeben habe.
Ökonomisch wäre dies der Versuch, die Qualität an jahrelang gestiegene Preise anzupassen - nicht umgekehrt Kosten heillos runterzuprügeln. So ein Herkulesprogramm ließe sich gut finanzieren, wenn dafür Mittel aus Struktur- und Regionalfonds der EU vorgezogen würden, so Griechenland-Experte Bastian.
Es ist absurd, fünf Prozent Zinsen auf Hilfskredite zu verlangen, wenn das dazu beiträgt, die Konsolidierung zu torpedieren. Hier könnte (für Moralapostel) vereinbart werden, dass der Zinsaufschlag eben später eingeholt wird, wenn die Krise vorbei ist (alternativ könnte uns der Grieche auch mal lecker zum Essen einladen).
Jeder Anstieg der Leitzinsen droht die Krise zu verlängern, zumal in Spanien und Irland Hauskredite an den EZB-Zins gebunden sind. Das spricht dafür, die Zinsen nur langsam anzuheben, wenn überhaupt. Der Nachteil wäre, dass der Inflationsdruck in stärker wachsenden Staaten früher oder später steigt. Optimal wäre für die Euro-Zone dann allerdings, wenn die Deutschen ihre Konjunktur über forciertes Konsolidieren bremsen. Das wäre ja auch bei uns nicht schlecht.
An den Märkten würden die Risikoaufschläge umso schneller sinken, je glaubhafter die Euro-Regierungen machen, dass sie Griechenland so lange vom Markt nehmen, bis sich die Lage normalisiert hat. Dann darf man allerdings nicht wie Frau Merkel ständig Bedingungen stellen, die nur zu noch mehr Spekulation und Risikoprämie führen. Wenn die Garantie so glaubhaft ist wie einst Merkels Garantie aller deutschen Ersparnisse, gibt es weder Grund, auf Pleite zu spekulieren, noch in neue Panik zu fallen.
Das Votum von Agenturen ist nur durch einen Informationsvorsprung zu legitimieren. Was im Infozeitalter und bei Beurteilung von Staaten absurd ist. Da wurden Risiken erst komplett unterschätzt, dann überschätzt. Es würde helfen, alle Klauseln zu verbieten, in denen sich Finanzinstitutionen und Notenbanken in ihrem Verhalten daran binden, was eine hilflose Agentur sagt.
Nach Modellrechnung des Forschungsinstituts IMK könnte schon das Ende des Straf- und Panikzinsprinzips halbe Wunder wirken. Bei aktuellem Zins und Magerwachstum steigen Griechenlands Staatsschulden bis 2015 auf 150 Prozent des BIPs. Bei Niedrigzinsen von drei Prozent würde die Quote auf 110 Prozent fallen, so IMK-Direktor Gustav Horn.
Ob Griechenland insolvent ist oder nicht, hängt nicht von irgendeinem objektiven Maßstab ab. Es hängt daran, wann es wieder Anleger gibt, die bereit sind, griechische Anleihen zu kaufen - sprich: darauf vertrauen, das Geld, sagen wir, zehn Jahre später wieder zurückzubekommen.
Das geht nur, wenn das Land eine solide wirtschaftliche Perspektive vermitteln kann. Dann kann aus einer negativen Spirale schnell eine positive werden, wo sich neues Vertrauen, sinkende Zinsen und wirtschaftliche Erholung gegenseitig verstärken.
Da hilft auch die urdeutsche Sorge nicht, dass man dem Griechen nicht helfen darf, weil er sich ja sonst in seinem Schludern noch bestätigt sehen könnte. Dann hätte man den Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg auch keine Marshall-Hilfe geben dürfen. Und das war ja ziemlich klug.
Thomas Fricke ist FTD-Chefökonom. Er schreibt freitags an dieser Stelle.
  • Aus der FTD vom 03.06.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
Kommentare
  • 07.06.2011 07:13:54 Uhr   Tyler Durden Volland: @Philosoph. Philosoph????

    @Philosoph: Hilfe für die (D)deutschen (Griechen) „Man kann es nicht oft genug betonen, die Anlegerbanken sollten in die Realwirtschaft investieren und nicht auf Höchstrenditen für Anlagegeldkapital spekulieren. Spekulation gehört unter internationale Finanzkontrolle mit Totalverlust für Zuwiderhandlungen!“
    Ihre Logik ist ein wenig unverständlich und ein echter Philosoph würde solches kindische Wunschdenken auch niemals öffentlich aussprechen.
    Was man in Wahrheit gar „nicht oft genug betonen“ kann, ist die ganz banale Tatsache, daß Banken die Aufgabe haben Profite für ihre Anleger zu erwirtschaften. Es ist nicht ihre Aufgabe für gerechte Verteilung oder gar für das Funktionieren des Sozialstaates zu arbeiten. Dies tun die Banken, indem sie ihre bereits eingefahrenen Gewinne in die Politik und die Medien investieren, welche dann gemeinsam dafür sorgen, dass sich nichts ändert. Das was sie wünschen, das könnte einzig und allein der Wähler erreichen, indem er Parteien an die Macht wählt, die dieses Spiel nicht mitspielen. Dieser Wähler hingegen ist aber gar nicht daran interessiert die ganze „Abzocke“ abzuschaffen. Er hat, übrigens genau wie die Banken selber, nur das Interesse so schnell wie möglich nicht mehr zu denen zu gehören, die permanent abgezockt werden, sondern auf der Seite derer zu sein, die selber mit Abzocken Kohle machen. Dazu wählt er die Parteien die ihm sowas versprechen, oder wenigstens in Aussicht stellen.
    Und dieses Wahlverhalten erklärt nicht nur was da abläuft, es ermöglicht auch Einblicke in den sogenannten „Urnenpöbel“ und es macht deutlich, wie ja schon am Anfang gesagt, warum ihr Beitrag, der zwar von korrekten Realitätsbeschreibungen nur so strotzt, letztlich nichts als kindischer Unfug auf Pennäler Niveau ist.
    Trösten sie sich doch einfach mit dem Gedanken, daß in Wahrheit niemand anderes als die tatsächlichen Verursacher: die Wähler, die ja auch die Steuerzahler sind, für den ganzen Schaden aufkommen müssen. Warum halten sie dies alles denn für ein so großes Problem? Wie oft sieht man denn schon soviel Gerechtigkeit auf einen Haufen?

  • 06.06.2011 10:45:57 Uhr   Philosoph: Hilfe für die (D)deutschen (Griechen)
  • 05.06.2011 20:56:58 Uhr   Oma Wetterwachs: @Cangrande, Feindbild
  • 05.06.2011 15:53:05 Uhr   mgmechanics: Griechenland braucht Steuersenkungen! oder Wi...
  • 05.06.2011 13:16:08 Uhr   Cangrande: @ Oma Wetterwachs
Kommentar schreiben Pflichtfelder*





Den Parameter für die jeweilige Rubrik anpassen: @videoList
  • Massaker in Syrien: Russen, bewegt euch endlich!

    Russland stand bisher fest an der Seite des Assad-Regimes. Ob mit Waffen oder mit politischer Rückendeckung, Syrien konnte auf die Russen zählen. Das sollte Moskau schleunigst ändern. mehr

  •  
  • blättern
Tweets von FTD.de Politik-News

Weitere Tweets von FTD.de

  26.05. Der Test zu Pfingsten Kennen Sie sich mit Feiertagen aus?

Wann gilt ein bundesweites Tanzverbot? Existiert ein offizieller Vatertag? In Deutschland gibt es viele gesetzliche und kirchliche Feiertage: Was wissen Sie darüber?

An welchem Feiertag gilt ein gesetzliches Tanzverbot in Deutschland?

Der Test zu Pfingsten: Kennen Sie sich mit Feiertagen aus?

Alle Tests

FTD-Wirtschaftswunder Weitere FTD-Blogs

alle FTD-Blogs

Newsletter:   Newsletter: Eilmeldungen Politik

Ob Regierungsauflösung oder Umfragehoch für die Linkspartei - erfahren Sie wichtige Politik-Nachrichten, sobald sie uns erreichen.

Beispiel   |   Datenschutz
 



DEUTSCHLAND

mehr Deutschland

EUROPA

mehr Europa

INTERNATIONAL

mehr International

KONJUNKTUR

mehr Konjunktur

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote