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Merken   Drucken   13.08.2012, 06:00 Schriftgröße: AAA

Konjunktur: Deutschland gerät auf die schiefe Bahn

Weil die deutsche Binnennachfrage zu schwach ist, nimmt der deutsche Handelsüberschuss in diesem Jahr drastisch zu. Das hat schwerwiegende Folgen: Experten sehen in den Ungleichgewichten die Ursachen der Finanzkrise.
© Bild: 2011 DPA/Bildfunk/Boris Roessler
Exklusiv Weil die deutsche Binnennachfrage zu schwach ist, nimmt der deutsche Handelsüberschuss in diesem Jahr drastisch zu. Das hat schwerwiegende Folgen: Experten sehen in den Ungleichgewichten die Ursachen der Finanzkrise.
von Berlin

Deutschlands umstrittenes Handelsungleichgewicht nimmt dramatisch zu. Der Überschuss in der Leistungsbilanz wird in diesem Jahr in US-Dollar gerechnet größer ausfallen als in jedem anderen Land der Welt, zeigen Berechnungen des Münchener Ifo Instituts für die FTD. Selbst die viel kritisierte chinesische Wirtschaft wächst ausgeglichener. Erstmals seit einem Vierteljahrhundert lieferte die deutsche Wirtschaft mehr Waren und Kapital an den Exportweltmeister China, als sie von dort importierte. "Das grundlegende Problem hat sich nicht geändert: Die deutsche Binnennachfrage ist viel zu schwach", sagt Peter Bofinger, Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung, der FTD.

Viele Ökonomen sehen in den makroökonomischen Ungleichgewichten eine zentrale Ursache für die globale Finanzkrise. Dazu zählen die Außenüberschüsse von Deutschland und China. Hohen Ausfuhren eines Landes stehen stets hohe Einfuhren eines anderen Landes gegenüber - das sich dafür stark verschulden muss. Mit den neuen Zahlen steigt die Gefahr, dass Deutschland stärker als bislang ins Kreuzfeuer der internationalen Kritik gerät. Bereits heute prangern der Internationale Währungsfonds und der Industrieländerclub OECD die deutsche Unwucht an. Auch die EU-Kommission ist alarmiert.

Nach Ifo-Berechnungen dürfte der deutsche Leistungsbilanzüberschuss 2012 auf 210 Mrd. Dollar steigen - und damit wieder in jene Regionen vorstoßen, die vor der Finanzkrise erreicht wurden. Weder China, Japan noch die Öl exportierenden Länder, die ebenfalls mehr Waren und Kapital exportieren als importieren, kommen da heran. Den Trend bestätigen Daten der Bundesbank vom Freitag: Demnach kletterte der Überschuss in der deutschen Leistungsbilanz in der ersten Hälfte 2012 auf 77 Mrd. Euro - das sind 16 Prozent mehr als im Vorjahr.

Demgegenüber wächst China ausgeglichener: Der Außenüberschuss wird laut Ifo-Hochrechnung 2012 bei 203 Mrd. Dollar notieren - und damit nur noch halb so hoch ausfallen wie im Extremjahr 2008. Gemessen an der Wirtschaftsleistung steht damit nur noch ein Plus von 2,5 Prozent zu Buche - gegenüber 6,0 Prozent für Deutschland. Dabei erwirtschaftete China zu Jahresbeginn erstmals seit 1988 wieder ein bilaterales Leistungsbilanzdefizit gegenüber Deutschland, wie Bundesbank-Daten zeigen. Auch die Handelsbilanz fiel im März wieder positiv für Deutschland aus.

Welt aus dem Gleichgewicht (PDF)   Welt aus dem Gleichgewicht (PDF)

Weil China als Investitionsstandort attraktiv ist, wandert viel deutsche Ersparnis dorthin. Vor allem aber exportiert Deutschland immer mehr Waren nach Fernost - und bezieht gleichzeitig weniger von dort. Zwischen Januar und Mai 2012 legten die Warenausfuhren nach China um 5,8 Prozent zum Vorjahr zu. Mitverantwortlich dafür ist die rege Investitionstätigkeit in China, so Gregor Eder, Asien-Experte bei der Allianz. "Davon profitiert Deutschland - insbesondere im Bereich Investitionsgüter." Zudem liefern deutsche Unternehmen viele Vorprodukte an ihre Produktionsstätten in China. Das gilt insbesondere für die Autobauer: Nach Angaben des Branchenverbands VDA ist die Volksrepublik gemessen an den Stückzahlen inzwischen der wichtigste Absatzmarkt. Das Gros der abgesetzten Fahrzeuge wird vor Ort zusammengeschraubt. Auch die Maschinenbauer setzen immer stärker auf China, das bereits seit 2009 das wichtigste Exportland ist. Von 2003 bis 2011 verdreifachten sich die Lieferungen in die Volksrepublik laut Branchenvertreter VDMA. Der Maschinenbau ist für ein Drittel aller deutschen Ausfuhren verantwortlich.

Gleichzeitig sinken die Importe aus China - vor allem wegen der kräftigen Aufwertung des Renminbi, der gegenüber dem Euro in den letzten zwölf Monaten um 17 Prozent zulegte. "Steigende Löhne und neue Umweltauflagen in China bewirken, dass die Volksrepublik ihren Status als Billiglohnland zunehmend einbüßt", sagt Christina Otte, China-Expertin bei der Außenhandelsagentur GTAI.

  • Aus der FTD vom 13.08.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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