| Thomas Fricke ist Chefökonom der FTD. Seine Kolumne erscheint kommende Woche wie üblich wieder am Freitag. |
Zwei Jahre ist es her, dass US-Finanzminister Timothy Geithner für Wirbel sorgte, als er vorschlug, Limits für Überschüsse im Außenhandel festzulegen. Was auf Deutschland und die hiesigen Exportüberschüsse zielte. Seitdem scheint es ruhig geworden zu sein, ist von Kritik nichts mehr zu hören, was eine Zeit lang auch daran zu liegen schien, dass in Deutschland endlich auch die Binnenkonjunktur besser lief, es zumindest danach aussah.
Womöglich ein Trugschluss. Seit ein paar Monaten passiert klammheimlich das Gegenteil, scheint die Konjunktur hierzulande wieder gefährlich einseitig vom Export getragen. Was bedeutet, dass die Wirtschaft mangels Binnenkonjunktur viel näher an einer Rezession steht als allgemein prophezeit. Und dass es schon bald vom neuen alten US-Präsidenten und seinem Finanzminister wieder Protest geben könnte, diesmal unangenehmer als vor zwei Jahren. Immerhin wären die Deutschen dann die Einzigen, die so gut wie nichts zum Abbau der globalen Ungleichgewichte beigetragen haben. Von wegen boomende Binnenkonjunktur.
Neue Krisenkandidaten
Seit Monaten steigt der Überschuss deutscher Exporte gegenüber den Importen rasant. Im Spätsommer lagen die Ausfuhren um rekordverdächtige 16 Mrd. Euro über den Einfuhren - in einem einzigen Monat. Das hat es seit Januar 2008 nicht gegeben - dem Jahr, als der weltweite Mix aus Rekordüberschüssen und entsprechend gefährlichen Defiziten anderer zur Krise beitrug (siehe Grafik). Dabei schien das Ungleichgewicht im deutschen Außenhandel seit 2008 bereits spürbar nachzulassen. Jetzt ist es fast wieder so groß wie vorher - der Handelsüberschuss dürfte 2012 rund 30 Mrd. Euro höher liegen als 2009.
Die Trendumkehr wirkt umso bizarrer, als Europas viel kritisierte Krisenländer ihre Außenbilanzen dramatisch verbessern, auch gegenüber den Deutschen - wenn auch teils auf brutale Art. Unser Überschuss mit Spanien ist von vierteljährlich zeitweise 7 Mrd. Euro auf zuletzt 2 Mrd. implodiert - den niedrigsten Stand seit Ende der 90er-Jahre. Der Überschuss mit Italien raste seit Sommer 2011 von 4,3 auf nur noch 2 Mrd. Euro - seit die Wirtschaft (auf deutsche Austeritätsempfehlung hin) unnötig in die Rezession geriet. Der deutsche Positivsaldo mit Portugiesen und Griechen sackte auf je ein Drittel.
Die Frage liegt nahe: Wie kann es da sein, dass der deutsche Exportüberschuss trotzdem neue Rekorde erreicht - wenn die vermeintlichen Schluderer teils kaum mehr Defizite haben? Logisch: Da muss es jetzt andere geben, die umso mehr Defizit einfahren und sich verschulden - so wie einst die, die (auch) deshalb heute in der Krise stecken.
Der Befund hat es in sich. Zu den Kandidaten zählt Frankreich. Hier ist der deutsche Überschuss an Exporten seit 2009 um rund die Hälfte gestiegen. Im Frühjahr verkauften die Deutschen beim Nachbarn für fast 10 Mrd. Euro im Quartal mehr, als sie dort einkauften. Einsamer Rekord. Ähnlich spektakulär ist die Trendumkehr im Handel mit Asien. Noch Ende 2008 hatten die Deutschen mit den Billglohnländern ein enormes Defizit (6,4 Mrd. Euro). Seit Ende 2011 gibt es hier - Achtung - Überschüsse.
Politisch nicht ganz unwichtig: Der Überschuss ist selbst im Handel mit den USA auf Rekordkurs. Nachdem der Saldo 2009 auf nur noch 3 Mrd. Euro gesunken war, schnellte er dieses Frühjahr auf gut 7,5 Mrd. Euro. Das hat es noch nie gegeben. Jetzt werden solche Diagnosen schnell damit gekontert, dass wir tolle Exporteure haben. Klar. Nur ist das bestenfalls die halbe Wahrheit, lässt sich der Trend zu Schuldnern nur bedingt auf die Schludrigkeit anderer schieben. Die Lohnstückkosten steigen in Deutschland seit Jahren stärker als bei vielen Konkurrenten. Die USA haben ihren Gesamtexport in dieser Zeit stärker ausgeweitet als wir.
| Wechselnde Opfer |
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| Trendumkehr Seit Monaten steigt der deutsche Exportüberschuss rasant. Dabei bauen Europas Krisenländer ihre Defizite gerade stark ab – auch uns gegenüber. |
| Ungewöhnlich Die höheren deutschen Überschüsse gehen jetzt zulasten Frankreichs und der USA. Selbst Asien hat jetzt Defizite mit uns. |
Wenn die Deutschen überhaupt global wettbewerbsfähiger geworden sind, dann wegen der krisenbedingten Euro-Schwäche, die Waren im Ausland verbilligt - zweifelhafter Verdienst. Der Hauptgrund für das Wiederhochschnellen des Handelsüberschusses liegt auf der anderen Seite der Bilanz: bei der Schwäche der deutschen Importnachfrage.
Die Dynamik schwindet
Seit sich die Euro-Krise zugespitzt hat, schwindet aller Beteuerung zum Trotz die Dynamik der Binnennachfrage. Für deutsche Verhältnisse mag es nach zehn tristen Jahren toll wirken, dass die Verbraucher 2012 real ein Prozent mehr ausgeben. Das ist so weit vom Konsumboom entfernt wie die Erde vom Mars. Die Bauinvestitionen sind nach ein paar guten Quartalen wieder gesunken. Und die Unternehmen investieren trotz rekordtiefer Zinsen seit einem Jahr stetig weniger im Inland, offenbar aus Angst vor der Euro-Krise.
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Ein Drama. Kein Aufschwung. Ergebnis: Die Importe aus Asien wachsen kaum noch, aus China tendieren sie im Trend sogar eher abwärts. Selbst aus Euro-Krisenländern kaufen die Deutschen kaum mehr ein.
Da darf man sich nicht wundern, wenn die Überschüsse hier wieder wachsen - und so die Schulden der anderen. Die nächste Krise kommt bestimmt. Entweder weil irgendwann auch mal Welthandel und Export kriseln - und dann keine Binnennachfrage zum Ausgleich da ist. Oder weil es dem neuen alten US-Präsidenten zu viel wird. Und aus Übersee wieder kreative Ideen kommen, wie man Länder stoppt, die gern anderswo verkaufen - aber nicht einkaufen. Ob die Abschaffung der Praxisgebühr da hilft? Fortsetzung folgt.
die Binnennachfragensteigerung kommen? Seit ca. 1998 sorgt eine übergroße Koalition aus allen relevanten politischen Parteien, den DGB-Gewerkschaften, den Arbeitgebern, und unzähligen Ökonomen dafür, dass die inflationsbereinigten verfügbaren Einkommen der großen Mehrheit der Bevölkerung sinken. Ausnahmen sind wenige Berufsgruppen wie Beamte, Ärzte, Piloten, Unternehmer, Banker und Manager. Also, woher soll die Steigerung der Binnennachfrage kommen?