Der Rückgang des viel beachteten Ifo-Index um gleich drei Punkte sendet ein Alarmsignal für die deutsche Konjunktur: Der Geschäftsklimaindex des Münchner Wirtschaftsforschungsinstituts verringerte sich im Mai deutlich auf 106,9 Punkten, nach 109,9 Punkten im Vormonat. Eine so starke Veränderung des wichtigsten Frühindikators für die Konjunktur in Deutschland ist ungewöhnlich. Experten hatten zwar ein Minus erwartet, nachdem sich das Barometer in den zurückliegenden Monaten stabil auf hohem Niveau gehalten hatte. Analysten hatten im Schnitt allerdings nur auf einen Rückgang um 0,5 Prozent getippt.
"Die deutsche Wirtschaft steht unter dem Eindruck der in letzter Zeit gestiegenen Unsicherheit im Euro-Raum", sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. Neue Sorgen um einen möglichen Abschied Griechenlands aus der Euro-Zone hatten bereits in den zurückliegenden Tagen für verstärkte Nervosität an den internationalen Kapitalmärkten gesorgt. Auch brachte das Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschef der EU am Mittwochabend in Brüssel keine Entscheidungen bei umstrittenen Fragen wie etwa der Einführung von Eurobonds.
Angesichts dessen sind die deutschen Firmen offenbar vorsichtiger, was ihre Zukunft angeht: Die rund 7000 für den Ifo-Index befragten Manager schätzen die Aussichten für die kommenden sechs Monate deutlich schlechter ein. Die entsprechende Teilkomponente des Index fiel von 102,7 Punkten auf 100,9 Zähler. Die aktuelle Lage wurde mit 113,3 Punkten nach 117,5 Zählern im Vormonat deutlich schwächer eingeschätzt.
Zugleich schrumpfte das Geschäft der deutschen Industrie im Mai so stark wie seit fast drei Jahren nicht mehr. Der Einkaufsmanagerindex für die Branche sei um 1,2 auf 45,0 Punkte gefallen, teilte das Markit-Institut am Donnerstag zu seiner Umfrage unter Hunderten Unternehmen mit. Das ist der tiefste Stand seit Juni 2009. Das Barometer entfernte sich damit weiter von der Marke von 50 Zählern, ab der Wachstum signalisiert wird. Von Reuters befragte Experten hatten im Schnitt einen Anstieg auf 47 Punkte erwartet.
Die schlechten Nachrichten belasteten vor allem den Euro -Kurs: Die Gemeinschaftswährung kostete zeitweise nur noch 1,2516 Dollar und stand damit zum Greenback so niedrig wie seit 22 Monaten nicht mehr. Im Handelsverlauf fing sich die Notierung allerdings. Ähnliches erlebte der DAX : War der deutsche Leitindex noch mit einem Plus von bis zu einem Prozent gestartet, fiel er nach Veröffentlichung der Einkaufsmanagerdaten um bis zu 0,7 Prozent ins Minus. Später fing er sich wieder und hielt sich gegen Mittag leicht über den Vortagesschluss.
Investoren flüchteten in die vermeintliche Sicherheit von Staatsanleihen - sowohl aus den USA als auch aus Deutschland. Zehnjährige Treasuries rentierten zeitweise nur noch mit 1,712 Prozent. Bei Bonds entwickeln sich Kurse und Verzinsunge gegenläufig, sodass fallende Renditen steigende Nachfrage nach den Papieren anzeigen. Deutsche Staatsanleihen mit 30 Jahren Laufzeit fielen zeitweise unter die Marke von 1,9 Prozent. Zehnjährige Bundesanleihen rentierten kurzzeitig nur mit etwas mehr als 1,35 Prozent. Der Bund-Future erreichte bei 144,55 Punkten ein Rekordhoch. Er zeigt die Entwicklung an, die die Kurse für Bundesanleihen nehmen werden.
Noch läuft die Konjunktur in Deutschland: In den ersten drei Monaten des Jahres betrug das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts laut Statistischem Bundesamt 0,5 Prozent. Im Schlussquartal 2011 hatte es sich noch um 0,2 Prozent verringert und Angst vor einer Rezession ausgelöst. Darunter verstehen Volkswirte zwei Vierteljahre mit schrumpfender Wirtschaftsleistung in Folge.
Doch die detaillierten Angaben der Statistiker für die ersten drei Monate des Jahres vom Donnerstag fielen ebenfalls nicht gänzlich positiv aus. Demnach schrumpften die Ausgaben der Firmen für neue Maschinen, Geräte oder Fahrzeuge um 0,8 Prozent - ein Zeichen dafür, dass sie sich auf schwächere Geschäfte einstellen. Die Bauinvestitionen verzeichneten mit einem Minus von 1,3 Prozent sogar einen noch stärkeren Rückgang, den die Statistiker allerdings zum Teil mit den Auswirkungen des Wintereinbruchs im Februar erklärten.
Die positiven Wachstumsimpulse kamen einmal mehr aus der Ausfuhrwirtschaft: Die Exporte seien um 1,7 Prozent gestiegen, teilte das Bundesamt mit. Die privaten Konsumausgaben seien um 0,4 und der staatliche Verbrauch um 0,2 Prozent gewachsen, sodass das Minus bei den Investitionen mehr als wettgemacht worden sei.
Die deutschen Dienstleister setzen ihren Wachstumskurs ausweislich des Einkaufsmanagerindex hingegen fort: Für die Branche verharrte das Barometer bei 52,2 Punkten. Nimmt man beide Sektoren zusammen, schrumpfte die gesamte deutsche Privatwirtschaft erstmals seit sechs Monaten: Der Composite-Index sackte um 0,9 auf 49,6 Zähler.
Die Industrie hinke den Dienstleistern derzeit so stark hinterher wie seit dem Tiefpunkt der Rezession Anfang 2009 nicht mehr, sagte Markit-Ökonom Tim Moore. Das Minus im Neugeschäft der Industrie fiel so deutlich aus wie seit sechs Monaten nicht mehr. Die Exportaufträge sanken sogar den elften Monat in Folge. Das ist auf die schwache Wirtschaft in den Euro-Partnerländern zurückzuführen, von denen viele an der Schwelle zur Rezession stehen oder längst mittendrin stecken.
Für Zuversicht sorgt laut Markit, dass die Servicefirmen ihre Geschäftsaussichten so optimistisch einschätzen wie seit fast einem Jahr nicht mehr. "Das ist sehr vielversprechend angesichts des Gegenwinds für die Industrie und der anhaltenden Sorgen der Unternehmen, wie es mit der Euro-Krise weitergeht", sagte Moore. Während die Dienstleister unterm Strich wieder Jobs schufen, bauten die Industriebetriebe ihr Personal so stark ab wie zuletzt im Februar 2010.
mit Reuters