FTD.de » Politik » Konjunktur » Inder sieht Europa als Vorbild
Merken   Drucken   30.04.2012, 10:40 Schriftgröße: AAA

Konjunktur: Inder sieht Europa als Vorbild

Starökonom Raghuram Rajan warnt im FTD-Gespräch die US-Regierung davor, sich auf dem Konjunkturaufschwung auszuruhen. Ein Problem ist das geringe Qualifikationsniveau.
von Berlin

Die US-Wirtschaft ist nach Einschätzung des Starökonomen Raghuram Rajan kurzfristig auf gutem Weg, droht auf mittlere Sicht aber zurückzufallen. "Die Erholung der US-Wirtschaft erscheint derzeit stabil", sagte der Professor der University of Chicago im FTD-Gespräch. Dies dürfe die Politik aber nicht zum Anlass nehmen, sich auszuruhen. Der ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds hält vor allem die unzureichende Qualifizierung vieler Beschäftigter in den USA und die hohe Staatsverschuldung für gefährlich.

Die jüngsten Wachstumszahlen stützen die Einschätzung, dass die US-Wirtschaft auf Erholungskurs ist - wenn auch mit leicht vermindertem Tempo. Nach Regierungsangaben vom Freitag legte die Wirtschaftsleistung im ersten Quartal aufs Jahr hochgerechnet 2,2 Prozent zu, nach drei Prozent Ende 2011.

Raghuram Rajan sieht düstere Wolken über der US-Wirtschaft aufziehen   Raghuram Rajan sieht düstere Wolken über der US-Wirtschaft aufziehen

"Die US-Firmen sind mittlerweile sehr wettbewerbsfähig", sagte Rajan. Das mache Hoffnung, dass Investitionen und Exporte die Konjunktur stützen. Der Ökonom geht davon aus, dass die Arbeitslosigkeit im Jahresverlauf weiter zurückgeht. "Ein gewisses Maß an Arbeitslosigkeit wird durch die fortschreitende Erholung abgebaut werden", sagte er. "Ein Problem bleibt aber die Langzeitarbeitslosigkeit." Dieses Phänomen sei teilweise unabhängig von der Konjunktur.

"Es gibt sehr viel Diskussion, woher die Langzeitarbeitslosigkeit kommt - aus meiner Sicht hat es damit zu tun, dass viele Amerikaner nicht ausreichend entwickelte Jobqualifikationen haben. Dieses Problem wurde bislang viel zu wenig angegangen." Der in den USA lebende Inder bemängelt, dass die Ausbildung vieler ärmerer Amerikaner unzureichend ist: Das erschwere die Rückkehr in die Beschäftigung nach längerem Ausscheiden. "Um die Arbeitslosigkeit noch deutlicher zu senken, muss die Politik aktiv das Problem angehen. Die konjunkturelle Erholung allein wird nicht ausreichen."

Zugleich setzt Rajan auf Exporte als Treiber des Aufschwungs. Der Verkauf von Dienstleistungen sei schon jetzt eine wichtige Stütze. "Aber auch die Industrieausfuhren sind sehr viel wettbewerbsfähiger geworden und könnten zunehmend für Dynamik sorgen." Er sieht da aber noch Spielraum: "Mittelfristig müssen die USA stärker in den Export gehen, um die Ersparnisse der US-Volkswirtschaft in vernünftige Dimensionen zu bringen." Das sei Teil eines weltwirtschaftlichen Wandels. "Mit dem technologischen Aufschließen von Schwellenländern wie China und dem zugleich wachsenden Konsum dort bieten sich nicht nur mehr Konkurrenz, sondern auch neue Absatzmöglichkeiten für US-Firmen", sagte der Experte.

Rajan erwartet, dass China in den kommenden Jahren den Konsum ausbaut. "Eine Lektion für China aus der Krise 2008 war: Man darf nicht mehr so abhängig von der Weltkonsummaschine USA sein, sondern China muss selber mehr konsumieren", sagte er. "Davon können wiederum auch US-Exporteure profitieren. Und wir bewegen uns damit auf eine ausbalanciertere Weltwirtschaft zu, in der die USA nicht mehr als alleiniger Großkonsument für die Welt dienen. Das ist eine positive Entwicklung."

Rajan befürchtet aber Rückschläge durch eine Reihe wirtschaftlicher Verwerfungen in den USA. "Die Tatsache, dass die USA sich derzeit auf Erholungskurs befinden, lenkt davon ab, dass einige Probleme immer noch ungelöst sind", sagte Rajan. So sei der Staatshaushalt in Schieflage. "Dieses Problem wurde von der Politik bislang nicht richtig angegangen."

Auch müsste die Politik mehr für die Aus- und Weiterbildung der Erwerbspersonen tun. "Das korrespondiert mit den anhaltenden Problemen der großen Ungleichheit in den USA."

Immerhin habe Präsident Barack Obama trotz widriger Bedingungen einiges richtig gemacht, bescheinigt ihm der Experte. So lobt er, dass Obama eine Reform durchgesetzt hat, die Millionen Amerikanern Versicherungsschutz verschafft hat. "Für jeden Präsidenten wäre diese Amtszeit eine sehr schwierige Aufgabe gewesen. Ich bin ein Befürworter eines universellen Gesundheitssystems - auch wenn ich nicht allen Details der Reform von Obama zustimme. Aber es war wichtig, das anzuschieben", so Rajan.

Dennoch warnt er, die USA könnten aufgrund ungelöster Probleme hinter Europa zurückfallen. "Auch wenn es dort derzeit düster aussieht: In Europa werden gerade sehr viele Probleme angegangen, der Reformdruck ist hoch, es wird mit etwas Glück der Grundstein für eine bessere Zukunft gelegt", sagte Rajan. "Das ist in den USA nicht der Fall. Europa wird aus der Krise gestärkt hervorgehen, stärker möglicherweise als die USA."

US-Wachstum im ersten Quartal
Verlangsamung Das Wachstum der US-Wirtschaft hat sich im ersten Quartal etwas abgeschwächt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte aufs Jahr hochgerechnet um 2,2 Prozent zu, wie das Handelsministerium am Freitag mitgeteilt hatte. Ende 2011 waren es noch drei Prozent.
Treiber Hauptgrund für die Abschwächung: Die Firmen investierten erstmals seit Ende 2009 wieder weniger. Wachstumstreiber waren dagegen die Konsumenten. Die Autoverkäufe legten so kräftig zu wie seit vier Jahren nicht mehr. Gut liefen auch die Bauinvestitionen.
Ausblick Im zweiten Quartal könnte sich die Erholung nach Ansicht vieler Ökonomen weiter abschwächen. Allerdings bleibt die Erholung insgesamt robust, wenn auch nicht allzu schwungvoll. Union Investment rechnet mit einem Wachstum von 2,1 Prozent für das Gesamtjahr.

Globalökonom
Vita Raghuram Rajan ist Professor an der University of Chicago. Der Inder war zudem von 2003 bis 2006 Chefökonom des Internationalen Währungsfonds. Bekannt wurde der 49-Jährige auch durch sein Buch "Fault Lines", das Anfang April auf Deutsch erschienen ist.
  • Aus der FTD vom 30.04.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
Immobilien-Kompass
Immobilien-Kompass Deutschlands beste Wohnlagen

Preise, Mieten und Prognosen für Deutschlands Metropolen und Regionen mit detaillierten Übersichtskarten

Jetzt eigene Wohnlage prüfen

 
Anstatt FTD.de lese ich künftig ... Zum Ergebnis
Alle Umfragen
In eigener Sache
  • An Kiosks in der ganzen Republik hieß es am letzten Erscheinungstag der FTD: Zeitung vergriffen! Der Hype um die Schlussausgabe trieb merkwürdige Blüten. Der Verlag druckte 30.000 Exemplare nach. Wer keines abbekam - bestellen ist möglich. mehr

  •  
  • blättern
Zwischen Leben und Arbeiten
Work-Life-Balance

Die FTD hat zusammen mit dem GfK Verein die umfassendste bundesweite Studie zum Thema Work-Life-Balance veröffentlicht. Die Ergebnisse und mehr zum Thema finden Sie hier. Die Studie können Sie hier kaufen. mehr

Folgen Sie der FTD auf Twitter
Werden Sie Fan der FTD auf Facebook
  • Sie waren ein Herzstück der Zeitung und pointiert, scharf, teils brillant: Ihre Kolumnen, Leitartikel und Kommentare haben die FTD entscheidend geprägt. Zum letzten Mal: Unsere Kolumnisten sagen, was Sache ist. mehr

  •  
  • blättern
© 1999 - 2013 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Impressum | Datenschutz | Nutzungsbasierte Online Werbung | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

Geldanlage | Altersvorsorge | Versicherung | Steuern | Arbeitsmarkt | Energiewende | Ökostrom | Auto | Quiz | IQ-Test | Allgemeinwissen | Solitär | Markensammler