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Merken   Drucken   25.07.2012, 13:30 Schriftgröße: AAA

Konjunktur: Roubini - Plappern verschafft den USA kein Wachstum

Kommentar Die Aufschwungshoffnungen in den USA erweisen sich zunehmend als substanzlos. Das kommende Jahr verspricht kaum Besserung - und die Politik kann kaum etwas tun.
von Nouriel Roubini
 
Nouriel Roubini ist Professor an der Stern School of Business der New York University

Bei der Euro-Zone sehen viele das Risiko eines ungeordneten Auseinanderbrechens. Die USA werden dagegen immer noch in einem recht positiven Licht dargestellt. Während der vergangenen drei Jahre lautete die einhellige Meinung, die US-Wirtschaft stehe kurz vor einem robusten Aufschwung, der sich selbst trägt und die Konjunktur wieder überdurchschnittlich wachsen lässt. Das hat sich als Trugschluss erwiesen. Selbst dieses Jahr lag die Konsensprognose daneben mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von mehr als drei Prozent.

Nouriel Roubini   Nouriel Roubini

Für das erste Halbjahr sind in den USA bestenfalls 1,5 Prozent Plus zu erwarten. Das liegt sogar unter den enttäuschenden 1,7 Prozent von 2011. Und jetzt plappern viele das Märchen nach, dass eine Kombination aus niedrigeren Ölpreisen, steigendem Autoabsatz, sich erholenden Immobilienpreisen und einer erstarkenden Fertigungsindustrie im zweiten Halbjahr das Wachstum ankurbelt und 2013 zu einer über dem Trend liegenden Entwicklung führt. Das Gegenteil trifft zu: Aus mehreren Gründen wird das Wachstum im zweiten Halbjahr 2012 nachlassen und 2013 fast zum Erliegen kommen. Erstens wuchs die Wirtschaft im zweiten Quartal noch weniger als im ersten, als es 1,8 Prozent Plus waren. Dies lag vor allem daran, dass die Zahl der neuen Stellen mit durchschnittlich 70.000 pro Monat deutlich nachließ.

Zweitens wird die Erwartung einer "fiskalischen Klippe", das heißt automatischer Steuererhöhungen und Ausgabensenkungen zum Ende des Jahres, das Wachstum im zweiten Halbjahr 2012 niedrig halten. Und die vielen Unwägbarkeiten wirken in dieselbe Richtung: Wer wird 2013 Präsident sein? Wie entwickeln sich Steuern und Ausgaben? Wird der Staatsapparat lahmgelegt, weil keine Einigung über die Schuldenobergrenze zustande kommt? Außerdem droht den USA eine weitere Ratingverschlechterung, sollte die politische Pattsituation anhalten und kein Plan für eine mittelfristige Haushaltskonsolidierung auf den Weg gebracht wird. In solch einem Umfeld halten sich die meisten Unternehmen und Privatpersonen zurück mit ihren Ausgaben - und schwächen damit die Konjunktur noch weiter.

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Drittens würde die sogenannte fiskalische Klippe kommendes Jahr 4,5 Prozent BIP-Wachstum kosten, wenn alle Steuerkürzungen und Transferzahlungen auslaufen und stattdessen drakonische Ausgabensenkungen durchgesetzt würden. Aber selbst wenn sich die fiskalische Klippe nur als kleine Wachstumsdelle von 0,5 Prozent des BIPs erweist und das Jahreswachstum nur bei 1,5 Prozent liegt, was durchaus wahrscheinlich erscheint, dann reicht die fiskalische Klippe aus, um das Konjunkturwachstum praktisch lahmzulegen - das heißt auf knapp ein Prozent zu drücken.

Viertens spiegelt der Konsumzuwachs in den vergangenen Quartalen nicht die Entwicklung der Reallöhne wider. Die waren nämlich sogar rückläufig. Stattdessen wurde das Wachstum des verfügbaren Einkommens (und dadurch des Konsums) seit dem vergangenen Jahr durch weitere Steuerkürzungen und verlängerte Transferzahlungen in Höhe von 1400 Mrd. Dollar  gestützt. Das impliziert weitere 1400 Mrd. Dollar Staatsschulden. Anders als die Euro-Zone und Großbritannien, wo bereits eine Double-Dip-Rezession im Gange ist, haben die USA durch vorauseilende Sparmaßnahmen die Entschuldung der Privathaushalte durch noch mehr Staatsschulden abgemildert. Damit hat die US-Regierung aber im Grunde künftiges Wachstum gestohlen.

2013, wenn Transferzahlungen und einige Steuererleichterungen auslaufen, werden das verfügbare Einkommen und der Konsum nicht mehr so stark wachsen. Dann bekommen die USA nicht nur die direkten Folgen der fiskalischen Probleme zu spüren, sondern auch die indirekten Auswirkungen auf die Ausgaben des Privatsektors. Fünftens werden vier externe Kräfte das US-Wachstum behindern: eine Verschlimmerung der Krise in der Euro-Zone, eine zunehmend harte Landung der Konjunktur in China, eine allgemeine Abschwächung der wirtschaftlichen Dynamik in den Schwellenländern sowie das Risiko von Ölpreissteigerungen 2013 - denn der Iran scheint sich weder durch Verhandlungen noch durch Sanktionen dazu bewegen zu lassen, sein Atomprogramm einzustellen.

Politisch lässt sich gegen die konjunkturelle Verlangsamung in den USA wenig bewirken: Selbst wenn fiskalische Maßnahmen das Wachstum kaum belasten, dürfte der Dollar aufwerten, weil die Krise in der Euro-Zone den Euro  schwächt und die Risikoscheu der Investoren zurückkehrt. Die US-Notenbank wird dieses Jahr weitere quantitative Lockerung betreiben, aber diese Maßnahme wird sich als wirkungslos erweisen: Die langfristigen Zinsen sind bereits sehr niedrig. Eine weitere Senkung wird die Ausgaben nicht steigern. Die Banken vergeben kaum noch Kredite und horten ihr Geld lieber in Form von Überschussreserven. Außerdem spricht gegen eine Abwertung des Dollar, dass auch andere Länder eine Politik der quantitativen Lockerung betreiben.

Das schwächere Wachstum dürfte schwerer wiegen als der Auftriebseffekt, den eine weitere quantitativen Lockerung auf die Aktienkurse hat, insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass die Aktienbewertungen momentan nicht so niedrig sind wie 2009 oder 2010. Dem Ertrags- und Gewinnwachstum geht jetzt die Puste aus, weil sich die schwache Nachfrage zunächst auf den Umsatz und dann auf Margen und Gewinne auswirkt.Eine deutliche Aktienkurskorrektur könnte 2013 den Ausschlag geben, dass die US-Wirtschaft in die Rezession abrutscht. Und wenn die USA - immer noch die weltgrößte Volkswirtschaft - niesen, holt sich der Rest der Welt eine Lungenentzündung.

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  • Aus der FTD vom 25.07.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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Kommentare
  • 05.08.2012 11:31:39 Uhr   Matt Jerem: Europa braucht die Offensive!

    Es muss doch mittlerweise auch dem Letzten klar sein, dass Spekulaten mit konstitutionellen Anleger im Schlepptau sich als Ergebnis (die Erhoehung der Staatsschulden) der Finanzkrise 2008, bereits seit 1,5 Jahren den EURO und damit die Eurozone attackieren. Offensichtliches Ziel ist die Zerstoerung europäischer sozialer Tradition sowie die Übernahme der Weltmärkte die von Europa besetzt bzw. bedient werden. Nutzniesser wären angelsächsische Kozerne und deren dortige Finanzindustrie. Diese kommen allerdings im Moment immer mehr in Bedrängnis da der Showdown nicht kommt und die Spekulanten irgendwann ja Kasse machen muessen. Wir Europäer sollten endlich Gemeinsinn zeigen und das markt- und mediale Spielfeld nicht Spekulanten und Europas Staatfeinden (Buffet und Co) überlassen. Europa in Vielfalt ist eine Aushängeschild auf das wir Stolz sein koennen und dies sollte Europa verdammt noch zeigen und hier die Offensive suchen. PS: Es sollte auch niemand auf die Idee kommen zu glauben, dass Spekulaten die mit Ihnen Engagements die Zerstörung ganzer Volkwirtschaften billigend in Kauf nehmen, hehre Absichten verfolgen.

  • 26.07.2012 14:24:35 Uhr   eurofan: Gleiches gilt für Europa
  • 25.07.2012 14:02:17 Uhr   Philosoph: Wirtschaftswachstum USA
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