Die Illusionen sind wie immer aus Dekostoffen, Weihnachtsmusik und dem Duft gebrannter Mandeln. An einem Stand im Citti-Park lehnt Niklaus Weber und will von der Krise draußen nichts wissen. Der 32-jährige Geigenbauer erzählt, dass er in den vergangenen Jahren eher mehr Geld ausgegeben habe als weniger, auch dieses Jahr. Natürlich hört auch er die Meldungen von der Euro-Krise, aber in seinem Leben ist sie nicht angekommen. "Im Portemonnaie nicht direkt", sagt er. Nicht nur die Weihnachtskulisse sorgt dafür, dass in dem Einkaufszentrum vor den Toren Kiels die Welt so heil ist wie in vielen deutschen Shopping-Malls. Die Umsätze? "Weihnachtsüblich", sagt Citti-Park-Prokurist Jan Lütje. Die Stimmung? "Optimistisch."
Deutschland ist in der aktuellen Krise ein seltsames Land geworden. Keine Nation in Europa hat traditionell mehr Angst vor Währungsturbulenzen, vor Abwertung oder einem plötzlichen Wechsel ihres Geldes. Aber je näher all das zu kommen droht, desto mehr kaufen die Deutschen ein, desto mehr Großausgaben planen sie, desto weniger Geld legen sie auf die hohe Kante. Ökonomen sagen, dass seit langer Zeit erstmals der Konsum im Land ein Wachstumstreiber geworden ist. "Sinkende Sparneigung", notiert die Marktforschungsfirma GfK, "steigende Anschaffungsneigung", bilanziert eine Umfrage der EU-Kommission. Für andere Länder stellt sie fest, dass die Menschen sich immer weniger an große Projekte wagen. Während halb Europa Abstiegsangst und größtmögliche Vorsicht kultiviert, halten sich die Deutschen am Zutrauen fest. Fast ein Jahrzehnt lang kauften stets die anderen, die Deutschen zögerten.
Den Leuten geht es wie Niklaus Weber - für sie bleibt die Krise virtuell. Viele haben mehr Geld in der Tasche, weil Löhne und Gehälter dieses Jahr erstmals stark gestiegen sind. Firmen klagen, dass Fachkräfte fehlen, die Regierung will Extraeinnahmen verteilen. Dazu kommt ein paradoxer Effekt: Manche Folgen der Krise kommen deutschen Konsumenten sogar zugute. Die Zinsen sinken, damit wird Geldausgeben lohnender als sparen. Wegen des Drucks in vielen Ländern steigen zudem die Preise langsamer. Ergebnis: Man kann sich mehr leisten.
Natürlich ist das nicht das ganze Bild: Bei aller ungewohnten Kauflust kann man nicht sagen, dass die große Krise die Deutschen kalt lässt. Man kann das sehen, wenn man - immer noch in Kiel - durch die Schmuckabteilung bei Karstadt streift, wo ein Kunde Silberringe mit den Fingern prüft. Natürlich kauft er den Schmuck, weil der seiner Frau gefällt. Aber nicht nur. "Sichere Werte", schiebt er nach. Schmuck verliere in diesen Zeit nicht an Wert.
Bei Richard Bartsch in der Fördesparkasse erkundigen sich jeden Tag Sparer, was sie im Lichte der Lage tun sollen. "Verunsichert" beschreibt sie der Vermögensberater. Sie hörten von der Krise, aber sie selbst treffe es noch nicht. Kiel erlebt wie viele Großstädte einen kleinen Immobilienboom, bei Richard Bartsch fragen die Kunden nach Gold- und Rohstoffanlagen. Andere verlangen, ihr Geld auf kurzfristig liquide Tagesgeldkonten umzuschichten. Die Jüngeren, so beschreiben es Finanzprofis, entscheiden sich im Angesicht der widersprüchlichen Botschaften von Konjunkturboom und Euro-Krise für eine Art nervösen Gleichmut. Bei den Älteren funktionieren die alten Existenzangst-Reflexe bei Währungskapriolen noch. In Kiel stehen sie bei Bernd Hollstein von der Maklerfirma Schütt Schlange und fragen nach Wohnungen und Häusern als Geldanlage.
Schon gibt es Indizien, dass die Daten über die wunderbare Kauflaune im Land ein Trugbild malen und sie die Papp-Weihnachtsengel im Kieler Citti-Park kaum überdauern dürften. Schließlich hat das kleine Wirtschaftswunder mit dem Export begonnen, es folgten Lohnplus, Beschäftigungsboom und Kauffreude. Die Exporteure werden laut den entsprechenden Indizes jetzt schon pessimistisch, Firmenumfragen messen Auftragsrückgänge. Die angestrengte deutsche Sorglosigkeit hat kaum Chancen auf Dauer.
Wenn die Lage beim Euro schnell schlimmer wird, dann geht es auch in Deutschland rasch. In Frankfurt brütet Ulrich Kater als Chefökonom der Dekabank über den Konjunkturdaten. "Mit jeder Woche, die die Euro-Krise weiter schwelt, wird eine Rezession wahrscheinlicher", stellt er fest. Er bemüht sich darum, nüchtern zu klingen.