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Merken   Drucken   17.10.2011, 21:24 Schriftgröße: AAA

Kritik an der Finanzbranche: Professoren attackieren Wall Street

Überall auf der Welt demonstrieren Menschen gegen die Macht der Banken. Unterstützung bekommen sie von ungewohnter Seite: Wirtschaftswissenschaftler schließen sich der Kritik an, ihre Vorschläge werden immer radikaler. FTD.de stellt sie vor.
© Bild: 2010 AFP
Überall auf der Welt demonstrieren Menschen gegen die Macht der Banken. Unterstützung bekommen sie von ungewohnter Seite: Wirtschaftswissenschaftler schließen sich der Kritik an, ihre Vorschläge werden immer radikaler. FTD.de stellt sie vor. von Mathias Ohanian und Martin Kaelbe, Berlin
Die Occupy-Bewegung scheint den Nerv der Zeit zu treffen. Zu Hunderttausenden gehen Menschen rund um den Globus auf die Straßen, um gegen die Macht der Geldinstitute zu protestieren. Ein Widerstand, der auch in der Ökonomenzunft seit einiger Zeit wächst: Die Zahl der Finanzmarktkritiker nimmt zu, ihre Vorschläge werden radikaler. "Die Marktmacht von Banken muss ebenso gebrochen werden, wie die Rolle der Ratingagenturen überdacht werden muss", sagt Thomas Straubhaar, Chef des Hamburger Forschungsinstituts HWWI, einer, der bislang nicht als Kritiker des Systems aufgefallen ist. Im Gegenteil.
Protestkundgebung "Occupy Wall Street" am 30. September ...   Protestkundgebung "Occupy Wall Street" am 30. September 2011 in New York
Warum sollten Banken ihr Eigenkapital nicht einfach auf 30 Prozent nach oben schrauben? Das fragt der renommierte Bankenökonom Martin Hellwig. Und auch Ifo-Chef Hans-Werner Sinn erwartet eine Gesundung der Branche erst mit Einführung höherer Eigenkapitalanforderungen.
Viele internationale Fachleute sehen trotz höherer Kapitalanforderungen das neue Regelwerk für die Finanzbranche - namens Basel III - als unzureichend an, um neue Finanzkrisen zu verhindern. Es sei keine Frage, ob der nächste Crash komme, heißt es häufig auf Konferenzen - sondern lediglich, wann.
Dabei wackelt das Grundgerüst, auf dem die Regeln für die Branche fußen, gewaltig. Der Mythos der effizienten Finanzmärkte bröckelt. HWWI-Experte Straubhaar war früher ein Befürworter dieser Idee. Montag sagt er, dass Marktversagen auf den Finanzmärkten eher Regel denn Ausnahme ist.
Simon Johnson, ehemaliger Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF), konstatiert, dass hohe Volatilität und Belastung für die Gesellschaft nicht im Verhältnis zum geschaffenen Mehrwert der Branche stehe. Er kritisiert, dass Banken heute größer denn je seien - und die Politik daher mindestens ebenso erpressbar sei wie vor der Finanzkrise. Er fordert eine konsequente Aufteilung zu großer Geldhäuser.
Und Bankenökonom Hellwig stellte kürzlich in Frankfurt die Frage: "Warum beherrscht eine Community, die durch die Erfahrungen der letzten zwei Jahre völlig diskreditiert sein sollte, nach wie vor die politische Diskussion über die Regulierung und ihre Reform?"
Simon Johnson   Simon Johnson
"Idealerweise sollten Großbanken in kleinere Einheiten gestückelt werden"
Simon Johnson, ehemaliger IWF-Chefökonom, ist einer der berühmtesten und radikalsten Fürsprecher von mehr Regulierung - er fordert die rigorose Zerschlagung zu mächtiger Institutionen und kritisiert, dass die Branche heute mehr Vermögen als vor der Bankenrettung besitze. Weniger denn je habe die Industrie einen Anreiz, risikoärmere Geschäfte zu tätigen. Der Grund ist das Problem des Too-big-to-fail, das heute akuter denn je sei. Manche Banken seien zu groß, als dass Regierungen sie in die Pleite rutschen lassen könnten. "Idealerweise sollten Großbanken in kleinere Einheiten gestückelt werden", sagt er.
Paul Volcker   Paul Volcker
"Die nützlichste Finanzinnovation der letzten Jahrzehnte war der Geldautomat"
Paul Volcker hat als US-Notenbankchef Anfang der 80er-Jahre zweistellige Inflationsraten in den Griff bekommen. Nun will er die globalen Finanzexzesse bändigen. Spekulation und der Entwicklung immer neuer Finanzprodukte steht er skeptisch gegenüber. Die nützlichste Finanzinnovation der letzten Jahrzehnte sei der Geldautomat, so Volcker. Als Berater von US-Präsident Obama empfahl er, Banken den riskanten Handel mit Wertpapieren auf eigene Rechnung zu verbieten und Geschäfts- und Investmentbanking zu trennen. Die sogenannte Volcker-Regel floss in die US-Finanzmarktreform ein.
Jagdish Bhagwati   Jagdish Bhagwati
"Es braucht eine wirklich unabhängige Aufsicht zur Kontrolle der Finanzmärkte"
Jagdish Bhagwati, Professor für Politik und Wirtschaft an der Columbia University, gilt als Vordenker der Globalisierung. Während er die Globalisierung im Bereich der Realwirtschaft befürwortet, sieht er sie im Finanzbereich skeptisch. "Die Globalisierung von Realwirtschaft und Finanzmärkten sind zwei Paar Schuhe", so der Starökonom indischer Abstammung. An den Finanzmärkten gebe es dramatischere Abwärtsrisiken als in der Realwirtschaft. Man sei bei der Deregulierung zu optimistisch gewesen, sagt er. Nun brauche es eine wirklich unabhängige und kritische Aufsicht zur Überwachung.
Thomas Straubhaar   Thomas Straubhaar
"Die Finanzbranche verteidigt den Mythos ihrer eigenen Effizienz"
Thomas Straubhaar, Chef des Forschungsinstituts HWWI, hält das Versagen auf den Finanzmärkten heute für den Regelfall - und nicht für die Ausnahme. "Einzelne Teile der Finanzbranche haben ein gewaltiges finanzielles Interesse am Erhalt des Effizienzmythos", sagt er. Dank dieses Mythos habe die Bankbranche die Politik in den vergangenen 30 Jahren leichter zu einer Deregulierung verleiten können, von der dann gerade die marktmächtigen Institute profitieren konnten. Der Ökonom fordert eine globale Regulierung, um die Marktmacht zu großer Banken zu brechen.
Hans-Werner Sinn   Hans-Werner Sinn
"Banken müssen ihre Kernkapitalquote verdoppeln - acht Prozent sind notwendig"
Hans-Werner Sinn, Chef des Ifo-Instituts, sieht in der Erhöhung von Eigenkapitalpuffern die Schlüsselstrategie für eine Gesundung der Branche. Im Fokus steht die Kernkapitalquote - also das Eigenkapital einer Bank dividiert durch alle Risikopositionen. "Banken müssen ihre Kernkapitalquote verdoppeln - acht Prozent sind notwendig", sagte er der FTD.
Zudem fordert Sinn eine Vereinfachung des Systems der Risikogewichtung. So würden Staatsanleihen auch im neuen Regelwerk Basel III als risikofreie Wertpapiere angesehen - dabei könnten diese besonders ausfallgefährdet sein. "Hier hat sich nichts getan", kritisiert er.
Dani Rodrik   Dani Rodrik
"Der gesellschaftliche Mehrwert moderner Finanzinstrumente ist schwer erkennbar"
Dani Rodrik, Ökonom an der Harvard University, hat lange vor der Finanzkrise 2008 den Nutzen unregulierter globaler Kapitalströme angezweifelt - zu Zeiten, als der ökonomische Mainstream diese noch als Segen ansah. Dass zum Beispiel Kapitalimporte in Schwellenländern großen Schaden anrichten können, ist für den Fachmann eine Lehre aus der Asien-Krise der 90er-Jahre. Finanzmärkte neigten zu Übertreibungen und Volatilität, so Rodrik. So fordert der Professor mit türkischen Wurzeln mehr Mut zur Regulierung - zum Beispiel in Form von Kapitalverkehrskontrollen, die lange Zeit als Tabu galten
  • Aus der FTD vom 18.10.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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