Osteuropas einstige Krisenländer sind rund drei Jahre nach ihren schweren Schuldenproblemen wieder wohlauf. "Lettland, die Ukraine und Ungarn haben erfolgreich konsolidiert, und ihre Wirtschaften wachsen nun wieder", sagte Peter Havlik, stellvertretender Direktor des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche. "Daraus lassen sich bei allen Unterschieden Lehren für die derzeit kriselnden Euro-Peripherieländer ziehen."
Nach der Finanzkrise standen im Herbst 2008 eine Reihe von mittel- und osteuropäischen Staaten kurz vor dem Staatsbankrott. Neben Serbien und Rumänien waren auch Ungarn, die Ukraine und Lettland kurzfristig auf Hilfe von außen angewiesen.
Die Panik der Investoren nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers hatte zu massiven Kapitalabflüssen aus diesen Ländern geführt, Ratingagenturen und Anleger misstrauten ihnen. Die Exporte brachen weg, und Privathaushalte gerieten wegen ihrer hohen Verschuldung in Fremdwährungen in Schieflage.
Diese erste Welle der Staatsschuldenkrise unterscheidet sich zwar in wichtigen Punkten von der aktuellen Euro-Krise. So lagen wichtige Kennziffern wie etwa die Staatsschuldenquote in diesen Ländern deutlich unter der des Euro-Sorgenkinds Griechenland. Es gab bei diesen Ländern kaum Sorgen um die langfristige Nachhaltigkeit der Finanzen.
Dennoch könne man davon lernen, betonte Barbara Nestor, Osteuropa-Expertin bei der Commerzbank in London. "In diesen Ländern wurde durch sehr entschlossene Maßnahmen in relativ kurzer Zeit das Blatt gewendet - und heute, nur knapp drei Jahre später, sind sie über den Berg", so Nestor. "Eine so schnelle Besserung hätte man 2009 noch nicht erwartet, damals waren die Finanzmärkte sehr pessimistisch, was beispielsweise die Ukraine angeht." Doch selbst dort, in einem Land mit großer politischer Instabilität und Korruptionsproblemen habe man es geschafft.
Sogar eine Rentenreform wurde dort erfolgreich angestoßen, mit positiven Effekten für den Staatshaushalt. "Das macht Mut für Länder wie Griechenland, wo das Umfeld verglichen damit doch deutlich besser ist", sagte Nestor.
Das Gleiche gilt für Ungarn, das einen unorthodoxen Weg gegangen ist. Zur populistischen Politik von Ministerpräsident Victor Orban zählten Steuern auf Banken und andere Unternehmen und eine Verstaatlichung von Pensionsfonds, was statistisch zu einer Erhöhung der Staatseinnahmen führte. "Damit verprellt Orban zwar die Finanzmärkte, was gefährlich werden könnte", sagte Martin Marinov, Experte bei Raiffeisen Capital Management. "Kurzfristig aber verschafft es Ungarn Luft."
Begeistert sind die Ökonomen von den Balten. Lettland sei ein Musterbeispiel dafür, wie sich mittels rigoroser Fiskalpolitik zusammen mit strukturellen Reformen Wachstum und Finanzstabilität wiederherstellen lassen, sagte Anders Aslund, Osteuropa-Experte vom Peterson Institute for International Economics in Washington. Lettland habe innerhalb von zwei Jahren das Ruder herumgerissen, auch dank eines Hilfspakets von EU-Kommission, Internationalem Währungsfonds und bilateralen Geldgebern.
Dabei konnte Lettland nicht wie Ungarn oder die Ukraine auf eine freie Wechselkurspolitik zurückgreifen, da das Land seine Währung an den Euro gebunden hat. "Für die aktuelle Eurokrise kann man daraus lernen, dass man nicht unbedingt eine autonome Währung haben muss, um aus einer solchen Situation wieder herauszukommen", sagte Nestor.
Lettland stand damals kurz davor, die Euro-Bindung aufzugeben. Denn eine Abwertung der Währung ist ein gängiger Weg, um aus einer Schuldenkrise herauszukommen. "Dass es nicht passiert ist, dürfte nun die Grundlagen für eine langfristige Erholung verbessern", sagte Marinov. "Eine Abwertung wäre sogar schädlich gewesen", glaubt Aslund. Außer wenigen Superreichen hätte eine Abwertung der Währung kaum jemandem etwas gebracht. Stattdessen hat die Politik der internen Abwertung über Gehalts- und Leistungskürzungen kombiniert mit garantierten Mindestleistungen für die Ärmsten Früchte getragen. "Lettland hat exakt das getan, was auch Griechenland tun sollte", sagte Nestor.
WIIW-Ökonom Havlik hält dies allerdings für schwieriger im Süden. "Die Bereitschaft der Bevölkerung, einen harten Sparkurs und Lohnzurückhaltung mitzutragen, scheint in Griechenland geringer als im Baltikum." Ein Hoffnungsschimmer: Beim Sparen war die griechische Regierung im vergangenen Jahr sogar noch fleißiger als die Vorbildökonomien in Osteuropa.