Vom ersten Tag an war es das Versprechen des Euro: Der gemeinsame Währungsraum sollte auch zu einem integrierten europäischen Finanzmarkt zusammenwachsen. Kaum eine Rede von Euro-Notenbankern, in der diese Vision fehlte. Doch nun scheint diese Entwicklung im Rückwärtsgang: Es zeigt sich eine zunehmende Zersplitterung von Europas Finanzsystem.
Diese Beobachtung liefert der Europäischen Zentralbank (EZB) das zentrale Argument für ihren umstrittenen Plan, Anleihen der kriselnden Südstaaten aufzukaufen. Notenbankchef Mario Draghi dürfte den Plan bei der Sitzung am Donnerstag verkünden. In einem Aufkauf von Staatsanleihen sehen Kritiker die Finanzierung staatlicher Schulden.
Die EZB dagegen rechtfertigt den Schritt damit, dass ihre Geldpolitik derzeit nicht die gewünschte Wirkung zeige. Normalerweise setzt die Notenbank über den Leitzins einen zentralen Impuls für die Kreditvergabe. Doch hätten ihre Handlungen das Marktgeschehen zuletzt nicht so beeinflusst wie beabsichtigt, warnte die EZB. "Die geldpolitischen Lockerungen der Zentralbank sind aufgrund der Verwerfungen an den Staatsanleihemärkten in vielen Ländern nicht bei den Unternehmen und Privathaushalten angekommen", sagt auch Andreas Rees, Deutschland-Chefökonom bei Unicredit. Im Gegenteil: Die Zinssätze sind in den letzten Monaten sogar stark angestiegen.
Darin zeigt sich, dass die Finanzmärkte im Euro-Raum drastisch auseinanderdriften. Das sollte innerhalb einer Währungszone eigentlich nicht vorkommen - und gefährdet längerfristig die Existenz des Dollar/Euro , fürchten einige Ökonomen. "Die Geldpolitik wirkt umso schlechter, je schwächer die Finanzmärkte der Mitgliedsstaaten integriert sind", sagt Ester Faia, Geldpolitik-Professorin an der Universität Frankfurt.
Eine ganze Reihe von Indizien weist darauf hin, dass das europäische Finanzsystem sich zunehmend in nationale Finanzmärkte spaltet. Der Anteil der grenzüberschreitenden Geldgeschäfte am europäischen Gesamtgeldmarkt ist seit Mitte 2011 von 60 auf 40 Prozent zurückgegangen. In den Banken einiger Länder sind die Einlagen ausländischer Institute auf den tiefsten Stand seit 2008 gesunken.
Auch in den Target-2-Salden, den Bilanzen der nationalen Zentralbanken, wird die Entwicklung deutlich. Heute leihen sich deutsche Banken nur noch etwa ein Viertel so viel von der EZB wie vor der Krise. Die Ausleihungen der Krisenländer dagegen haben sich teilweise vervielfacht. "Das liegt daran, dass den Banken im Süden niemand mehr Geld leiht und sie es sich von der EZB leihen müssen", sagt Christian Schulz, Volkswirt der Berenberg Bank. "Die überschüssige Liquidität leihen sie wiederum den nordeuropäischen Banken, die damit unter anderem ihre Reserveanforderungen erfüllen können."
Genau das stellt die Notenbank bei ihrer Aufgabe der Liquiditätssteuerung vor Probleme. Im Süden muss sie für viel Liquidität sorgen. Das führt zugleich aber zu einer Überversorgung im Norden, auch in Deutschland. Es drohen Inflation und Preisblasen, warnen Ökonomen.
Einige von ihnen fordern daher Konsequenzen. "Derzeit halten internationale - insbesondere nordeuropäische - Anleger alle Investitionen in den Euro-Südländern für toxisch - ohne dass eine rationale Analyse zu möglichem Risiko und Ertrag durchgeführt wird", sagt Daniel Gros, Chef der Brüsseler Denkfabrik Ceps. "Verhärtet sich diese Fragmentierung, ist die Existenz des Euro bedroht." Bevor die Gemeinschaftswährung zerbreche, solle die EZB gegensteuern. "In der außergewöhnlichen Lage, in der wir uns befinden, sollte die Notenbank Staatsanleihen der angeschlagenen Südländer aufkaufen."
Dabei wollen Ökonomen wie Gros jedoch keinen Persilschein für die Krisenländer. "Anleihekäufe sind nur eine Überbrückungsmaßnahme, bis die Angst der Investoren wieder abgeklungen ist", sagt er. Denn: "Tatsächlich sind Länder wie Italien, Spanien und Irland in der Lage, ihre Haushalts- und Schuldenprobleme in den Griff zu bekommen, wenn sie nicht in eine Liquiditätskrise rutschen."