Der Verhaltensökonom Ernst Fehr
Das hat mit Sozialromantik wenig zu tun, denn auch Rache ist ein solches uneigennütziges Verhalten. "Rache ist häufig nichts anderes als die dunkle Seite des Gerechtigkeitssinns", sagt Fehr. In Spielexperimenten zeigt sich, dass die Menschen Geschenke mit anderen teilen - ohne Not und ohne Nutzen. Andererseits aber sind sie auch oft neidisch oder rächen als ungerecht empfundenes Verhalten. Solche Rache ist meist nicht mit Eigennutz zu erklären, denn sie trifft oft auch Fremde, die man nie wiedertrifft.
Fehr erklärt den Sinn für Rache und Gerechtigkeit mit der Evolution: "Gesellschaften, in denen man Versprechen hält, funktionieren besser als solche, in denen nur der kurzfristige Vorteil zählt." Darum haben sie sich mit der Zeit gegen die anderen, rein egoistischen durchgesetzt. Damit trifft Fehr, einer der meistzitierten deutschsprachigen Ökonomen, die vorherrschende Lehre ins Mark. Ist die Existenz von Altruismus bewiesen, sind unzählige wissenschaftliche Arbeiten, die Handlungen nur mit Egoismus erklären und darauf aufbauend "optimale" Lösungen entwickeln, obsolet.
Überhaupt kümmert sich Fehr kaum um die traditionellen Grenzen seines Fachs. "Ich betrachte die Ökonomie als eine Disziplin, welche die Auswirkungen unterschiedlicher institutioneller Regeln in Märkten und Organisationen untersucht und sich auch fragt, wie diese Regeln entstehen und welche Auswirkungen sie auf die Gesamtwohlfahrt von Gruppen haben", sagt er. "Ein realistisches Verständnis der individuellen Handlungsmotive ist für dieses Ziel zentral." Seine Forschung liegt denn auch im Grenzbereich von Ökonomie und Psychologie. Um die Motive der Menschen besser zu verstehen, nutzt Fehr die neuen Techniken der Neurowissenschaft, die die Aktivität von Gehirnregionen bei bestimmten Empfindungen misst.