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  FTD-Serie: Neustart der Ökonomie

Von der Krise wurde die Zunft der Wirtschaftswissenschaftler mit wenigen Ausnahmen überrollt. Jetzt spüren einige Theoretiker wieder festeren Boden. Die FTD stellt die neuen Denker von nun an jeden Dienstag vor - in Kooperation mit dem Institute for New Economic Thinking.

Merken   Drucken   30.06.2010, 08:30 Schriftgröße: AAA

Neue Denker (15): Ernst Fehr und die Ökonomie des Altruismus

Der Modellmensch der Ökonomen maximiert stets seinen Nutzen. Dass es auch uneigennützige Motive gibt, zeigt der Ökonom Ernst Fehr. von Hubert Beyerle, Berlin
Warum geben Menschen Trinkgeld? Diese Frage stellt für die Ökonomenwelt nach wie vor ein Rätsel dar. Würde jeder Mensch nur strategisch an seinen persönlichen Nutzen denken, müsste Trinkgeld für Kellner und Taxifahrer eine seltene Ausnahme bleiben: Nur wo damit zu rechnen ist, den Empfänger einmal wiederzutreffen, wäre Trinkgeld noch mit Eigennutz zu erklären - nicht gerade plausibel.
Die Idee
Für Ernst Fehr, Ökonom an der Uni Zürich, handeln Menschen nicht nur egoistisch. Altruismus ist für Fehr ein eigenes und nicht bloß abgeleitetes Motiv. "Wir können zeigen, dass Menschen uneigennützig handeln." Das klingt banal, ist aber für die Ökonomenwelt eine theoretische Sensation.
Der Verhaltensökonom Ernst Fehr   Der Verhaltensökonom Ernst Fehr
Das hat mit Sozialromantik wenig zu tun, denn auch Rache ist ein solches uneigennütziges Verhalten. "Rache ist häufig nichts anderes als die dunkle Seite des Gerechtigkeitssinns", sagt Fehr. In Spielexperimenten zeigt sich, dass die Menschen Geschenke mit anderen teilen - ohne Not und ohne Nutzen. Andererseits aber sind sie auch oft neidisch oder rächen als ungerecht empfundenes Verhalten. Solche Rache ist meist nicht mit Eigennutz zu erklären, denn sie trifft oft auch Fremde, die man nie wiedertrifft.
Fehr erklärt den Sinn für Rache und Gerechtigkeit mit der Evolution: "Gesellschaften, in denen man Versprechen hält, funktionieren besser als solche, in denen nur der kurzfristige Vorteil zählt." Darum haben sie sich mit der Zeit gegen die anderen, rein egoistischen durchgesetzt. Damit trifft Fehr, einer der meistzitierten deutschsprachigen Ökonomen, die vorherrschende Lehre ins Mark. Ist die Existenz von Altruismus bewiesen, sind unzählige wissenschaftliche Arbeiten, die Handlungen nur mit Egoismus erklären und darauf aufbauend "optimale" Lösungen entwickeln, obsolet.
Überhaupt kümmert sich Fehr kaum um die traditionellen Grenzen seines Fachs. "Ich betrachte die Ökonomie als eine Disziplin, welche die Auswirkungen unterschiedlicher institutioneller Regeln in Märkten und Organisationen untersucht und sich auch fragt, wie diese Regeln entstehen und welche Auswirkungen sie auf die Gesamtwohlfahrt von Gruppen haben", sagt er. "Ein realistisches Verständnis der individuellen Handlungsmotive ist für dieses Ziel zentral." Seine Forschung liegt denn auch im Grenzbereich von Ökonomie und Psychologie. Um die Motive der Menschen besser zu verstehen, nutzt Fehr die neuen Techniken der Neurowissenschaft, die die Aktivität von Gehirnregionen bei bestimmten Empfindungen misst.
Was Praktiker daraus lernen
Fehrs Arbeiten stellen vieles infrage, was in der Personalführung lange selbstverständlich war. Es komme auf die richtigen finanziellen Anreize an, hieß es dort. Warum aber arbeiten Menschen hart, obwohl ihre Chefs sie nicht beobachten können? Oft bekommen Mitarbeiter freie Hand und strengen sich dennoch zum Nutzen der Firma an. Fehr weist nach, dass dies nur in Berufen vernünftig ist, wo relativ gut bezahlt wird und vergangene Leistungen ersichtlich sind - bei Wissenschaftlern oder Managern etwa.
Gerade deren Bezahlung ist zuletzt stark in die Kritik geraten. Fehrs Meinung ist hier abwägend: "Es wird nicht genügend berücksichtigt, dass man auch ohne explizite Anreize Angestellte zu hohen Leistungen motivieren kann." Es sei aber nicht so, dass explizite finanzielle Anreize für Manager generell schlecht sind. "Es kommt auf die Ausgestaltung der Anreize an." Und diese seien leider oft sehr suboptimal gestaltet worden.
Ein Österreicher in der Schweiz
Lehre Der in Österreich geborene Verhaltensökonom Ernst Fehr ist Direktor am Institut für empirische Wirtschaftsforschung an der Universität Zürich und Professor für Mikroökonomie.
Forschung Fehr erforscht die Ökonomie der Fairness und zeigt dort die Grenzen der Rationalität von Wirtschaftsakteuren auf. Zudem ist er Experte in der relativ neuen Neuroökonomie.
  • FTD.de, 30.06.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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