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  FTD-Serie: Neustart der Ökonomie

Von der Krise wurde die Zunft der Wirtschaftswissenschaftler mit wenigen Ausnahmen überrollt. Jetzt spüren einige Theoretiker wieder festeren Boden. Die FTD stellt die neuen Denker von nun an jeden Dienstag vor - in Kooperation mit dem Institute for New Economic Thinking.

Merken   Drucken   15.07.2010, 16:16 Schriftgröße: AAA

Neue Denker (17): Anatole Kaletsky und der Neue Kapitalismus

Ökonomie 4.0: Die Wirtschaftswissenschaften stehen heute zum vierten Mal in ihrer Geschichte vor einem großen Wandel, sagt Anatole Kaletsk. von Mathias Ohanian, Berlin
Früher pendelten ökonomische Dogmen zwischen Misstrauen gegenüber Markt und Staat hin und her. Der Kapitalismus der jüngsten Generation hat sich selbst zerstört, glaubt Anatole Kaletsky, britischer Wirtschaftswissenschaftler und Journalist bei der Tageszeitung "The Times". Nun werde die Ökonomie einen neuen Weg beschreiten - doch dieser sollte laut Kaletsky pragmatischer sein als zuvor.
Anatole Kaletsky   Anatole Kaletsky
Die Idee
Den ersten grundlegenden Wandel erlebte der Kapitalismus in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Zuvor herrschte der Glaube an freie Märkte. Wirtschaft und Staat bewegten sich in unterschiedlichen Sphären - Steuern wurden höchstens erhoben, um Kriege zu finanzieren oder Handelsbarrieren zum Erreichen politischer Ziele zu errichten. Erst die große Wirtschaftskrise änderte das: Ab sofort waren New Deal und europäischer Wohlfahrtsstaat die Schlagwörter der Stunde.
Bis Ende der 1970er hielt diese Phase an, in der Regierungen und Ökonomen freien Märkten strikt misstrauten. Mit dem rapiden Anstieg der weltweiten Inflation schien aber auch dieses Modell obsolet - die Regierungen um Margaret Thatcher und Ronald Reagan fanden zum fundamentalen Glauben an die freien Märkte zurück. Dem Staat wurde nicht nur misstraut, er wurde dämonisiert, so Kaletsky. Mit beidem müsse nun Schluss sein.
Was Praktiker daraus lernen
Mit seiner "Selbstzerstörung" in der jüngsten Krise hat der Kapitalismus laut Kaletsky das Tor zu einer neuen Evolution aufgestoßen. Sowohl Märkte als auch Staaten machen entscheidende Fehler, so Kaletsky. Diese Fehlbarkeit sollte aber nicht lähmen, sondern die Zusammenarbeit zwischen Ökonomie und Politik vertiefen.
Experimente und Pragmatismus müssen daher jetzt die Schlagworte sein - auch wenn damit ein Verlust an Konsistenz und Kohärenz einhergehe. Regierungen und Zentralbanken müssten jetzt gemeinsam für Wachstum, Beschäftigung und stabile Inflationsraten sorgen.
Nächste Woche: Mathew Rabin und die Ökonomie der Fairness.
Der Tausendsassa
Kolumnist Anatole Kaletsky ist mehrfach ausgezeichneter Journalist bei der Londoner Zeitung "The Times" mit einer Kolumne zu Ökonomie- und Finanzthemen.
Berater Kaletsky hat eine eigene Prognosefirma und sitzt im Aufsichtsrat des Institute for New Economic Thinking (INET). Kürzlich erschien sein Buch "Capitalism 4.0".
  • FTD.de, 15.07.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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