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  FTD-Serie: Neustart der Ökonomie

Von der Krise wurde die Zunft der Wirtschaftswissenschaftler mit wenigen Ausnahmen überrollt. Jetzt spüren einige Theoretiker wieder festeren Boden. Die FTD stellt die neuen Denker von nun an jeden Dienstag vor - in Kooperation mit dem Institute for New Economic Thinking.

Merken   Drucken   29.09.2010, 08:19 Schriftgröße: AAA

Neue Denker (27): Amartya Sen und der Wert der Freiheit

Gängige volkswirtschaftliche Maßstäbe für Wohlstand sind in die Kritik geraten. Als einer der Ersten hat Amartya Sen neuen Faktoren gesucht. Die Uno leitet aus seinen Arbeiten bereits einen modernen Index für Lebensqualität ab. von Martin Kaelble
Wenn Ökonomen den Wohlstand eines Landes messen, betrachten sie üblicherweise den Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens oder des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Das hat Tücken: Denn starke Ungleichheit bei der Einkommensverteilung wird nicht erfasst. So kann in einigen Fällen das BIP steigen, während immer mehr Menschen in die Armut abrutschen. Ebenso wenig abgebildet werden Aspekte wie Umweltzerstörung oder Bildungszugang - Faktoren, die für das Wohlbefinden der Bevölkerung jedoch von zentraler Bedeutung sind.
Amartya Sen   Amartya Sen
Der aus Indien stammende Ökonom Amartya Sen hat sich daher auf die Suche begeben nach den Schlüsselfaktoren für Entwicklung und Lebensqualität. Der Harvard-Professor beschränkt sich dabei nicht auf ökonomische Modelle, sondern führt - ganz in der Tradition großer Ökonomen wie Adam Smith - Wirtschaftswissenschaft und Philosophie zusammen. Herausgekommen sind ein alternativer Indikator und jede Menge Handlungsempfehlungen, an denen sich speziell Politiker in Entwicklungsländern orientieren können.
Die Idee
Entwicklung bedeutet für Sen mehr als nur Wirtschaftswachstum. Der Schlüssel liegt für den Inder vielmehr in der Freiheit des Einzelnen. Durch Vergrößerung dieser Freiheit nehmen die individuellen Chancen zur Selbstverwirklichung zu - und damit letztlich auch die Dynamik und der Wohlstand einer Volkswirtschaft.
Das verdeutlicht Sen in zahlreichen Studien, in denen er unter anderem die Gründe für Hungersnöte untersucht hat. So ist Armut für ihn nichts anderes als eine Folge mangelnder Verwirklichungsmöglichkeiten. Schnelles Wirtschaftswachstum beseitigt Armut somit nicht automatisch, ebenso wenig, wie es zwangsläufig die Lebenserwartung erhöht. Stattdessen rückt er den Wert von offenem Dialog, persönlicher Wahl- und Gestaltungsfreiheit in den Mittelpunkt: Mit dem Grad an politischen und privaten Freiheiten wachse die Basis für eine nachhaltige Entwicklung einer Wirtschaft, so Sen.
Der indische Ökonom bewegt sich damit jenseits von tradierten ökonomischen Denkweisen, weit abseits von Keynesianismus und Neoklassik. Stattdessen denkt er Ökonomie neu und schafft einen Brückenschlag hin zu ethischen und philosophischen Aspekten von Wirtschaft.
Was Praktiker daraus lernen
Basierend auf Sens Überlegungen wurde ein Indikator entwickelt, der das BIP ergänzt: Der sogenannte Human Development Index wird im jährlichen Entwicklungsbericht der Vereinten Nationen veröffentlicht. Der Index kombiniert das BIP mit der Lebenserwartung und dem Bildungsgrad der Bevölkerung. Viele Ökonomen sehen darin den bislang gelungensten Versuch, das Wohlergehen der Bevölkerung zu messen. Und Politiker haben damit eine Alternative zum reinen BIP als Entwicklungsmaß an der Hand.
Sen gibt Praktikern zudem konkrete Handlungsempfehlungen. Sein Rezept ist einfach: Will man den Entwicklungsgrad eines Landes steigern, so sollte man die individuelle Freiheit erhöhen. Dabei setzt man laut Sen am besten bei den Frauen an. Denn erhöht man Beschäftigung und Bildung speziell junger Frauen, so bietet das nach Sens Ansicht die wirksamste und schnellste Methode, um die Lebensqualität eines Landes auf längere Sicht zu erhöhen.
Wirtschaftsphilosoph
Freigeist Amartya Sen wurde in Indien als Sohn gebildeter Eltern geboren und studierte sowohl VWL als auch Philosophie. So verfolgt er als Ökonom einen philosophischen, ganzheitlichen Ansatz und ist bekannt dafür, über den Tellerrand der Wirtschaftswissenschaften hinauszuschauen. Der 76-Jährige lebt mittlerweile in den USA und ist Professor an der Harvard University. 1998 erhielt er für seine Arbeit den Nobelpreis.
  • FTD.de, 29.09.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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