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  FTD-Serie: Neustart der Ökonomie

Von der Krise wurde die Zunft der Wirtschaftswissenschaftler mit wenigen Ausnahmen überrollt. Jetzt spüren einige Theoretiker wieder festeren Boden. Die FTD stellt die neuen Denker von nun an jeden Dienstag vor - in Kooperation mit dem Institute for New Economic Thinking.

Merken   Drucken   12.10.2010, 13:10 Schriftgröße: AAA

Neue Denker (29): Thomas Lux und die Physik der Ökonomie

Thomas Lux sucht in Milliarden verfügbarer Finanzdaten nach sichtbaren statistischen Mustern - und erklärt so die Ökonomie. von Hubert Beyerle, Berlin
Die Welt mag dynamisch und chaotisch erscheinen - für traditionelle Ökonomen tendiert sie immer zum Gleichgewicht. Die Wirklichkeit erklären die meisten von ihnen als Ergebnis von Kräften, die sich gegenseitig ausgleichen.
Zu jedem Zeitpunkt spiegeln Börsenkurse und Preise den aktuellen Informationsstand wider, und Veränderungen gibt es erst, wenn Beteiligte neue Informationen bekommen, etwa über Zahlen des Unternehmens. Diese These ist längst widerlegt.
Denn Börsenkurse verändern sich auch ohne Neuigkeiten. Wie kann das sein? Dem geht eine relativ neue Forschungsrichtung der Volkswirtschaftslehre nach, die sich dabei der Methoden der Physik bedient. Einer der Hauptvertreter dieser "Econophysics" in Deutschland ist Thomas Lux von der Uni Kiel.
Die Idee
Die Ausschläge an Aktienmärkten weisen Muster auf, die Physikern aus der eigenen Wissenschaft bekannt vorkommen. Sie erforschen daher die Eigendynamik solcher Veränderungen. Dahinter steckt die Vorstellung, Märkte seien komplexe Systeme und hätten ihre eigenen, statistischen Gesetze - ähnlich wie solche Systeme in der Physik.
Lux und seine Mitstreiter suchen in den verfügbaren Finanzdaten sichtbare statistische Muster. Im Gegensatz zur traditionellen Volkswirtschaftslehre versuchen die Forscher der Econophysics gar nicht erst, die Motive von Menschen zu verstehen und die Ökonomie mithilfe eines repräsentativen Agenten zu erklären. Dieser "Durchschnittstyp" ist für sie uninteressant. Nicht der Einzelne ist interessant, sondern das Zusammenspiel. Und das ist mehr als ein einfacher Tausch: "Modelle, die auf dem Prinzip des Tauschs beruhen, bei dem nichts Neues geschaffen wird, können kein realistisches Bild moderner dynamischer Industriegesellschaften ergeben", sagt Lux.
Haupterkenntnis der sogenannten Econophysics: Märkte sind inhärent instabil. Immer wieder kommt es dazu, dass Preise scheinbar ohne sichtbare Gründe abstürzen oder explodieren. Dabei kommen Rückkopplungen, Dominoeffekte und Schwellenwerte ins Spiel: Kleine Ursachen können somit große und unerwartete Folgen haben. Extremereignisse können ganz "natürlich" und plötzlich entstehen - nur durch das Zusammenspiel von Einzelnen auf Märkten. Die Einzelnen sind dabei keine komplizierten Wesen mit einem Bewusstsein, sondern agieren im Prinzip wie physikalische Teilchen.
Was Praktiker daraus lernen
Finanzmärkte bewegen sind demnach von sich aus, ohne dass es dafür einfache, mechanische Erklärungen gibt. Märkte sind also nicht per se effizient. Immer wieder kann es daher zu Spekulationsblasen und Zusammenbrüchen kommen. Das spricht für eine entsprechende Regulierung, um die natürliche Unruhe der Märkte zu bremsen. Auch Physiker haben nun kein Patentrezept, wie sich solche irrationalen Preisstürze vorhersagen lassen. Viel können sie aber von Erdbebenforschern lernen: Diese können zwar nicht den genauen Zeitpunkt eines Erdbebens anzeigen, dafür steigende Wahrscheinlichkeiten. Auf Finanzkrisen angewendet, wäre das ja auch schon etwas.
Deutscher Pionier
Thomas Lux Der 48-Jährige unterrichtet als Professor an der Universität Kiel. Er gilt als Pionier auf dem Gebiet der Ökonomie der Physik und war in den vergangenen Jahren Gastprofessor in Marseille, Sydney und Tokio. Zuvor forschte er in Bonn, Bamberg und Würzburg.
  • FTD.de, 12.10.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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