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  FTD-Serie: Neustart der Ökonomie

Von der Krise wurde die Zunft der Wirtschaftswissenschaftler mit wenigen Ausnahmen überrollt. Jetzt spüren einige Theoretiker wieder festeren Boden. Die FTD stellt die neuen Denker von nun an jeden Dienstag vor - in Kooperation mit dem Institute for New Economic Thinking.

Merken   Drucken   27.10.2010, 07:00 Schriftgröße: AAA

Neue Denker (30): Paul Glimcher und die Neuroökonomie

Mithilfe neuronaler Experimente will der US-Ökonom Paul Glimcher neue Antworten auf ökonomische Fragen geben. von Mathias Ohanian, Berlin
Investoren und Anleger können die Folgen ihrer Entscheidungen nur selten exakt abschätzen. Erfolg hängt von den verschiedensten Faktoren ab. Auf diese Unsicherheit reagieren Menschen äußerst unterschiedlich. Während manche gern spekulieren, versuchen viele andere potenzielle Risiken möglichst zu minimieren.
Die traditionelle ökonomische Lehre kann diese Verhaltensmuster kaum erklären, geht sie doch vom stur rational handelnden Individuum aus. Auch das "Bauchgefühl" gibt es in dieser Welt nicht. Heute ist bekannt, dass die Realität in der Regel anders aussieht. Und so versuchen Ökonomen das brüchige volkswirtschaftliche Fundament mithilfe der Verhaltensökonomie zu reparieren. Diesen psychologischen Ansatz greift die Neuroökonomie - wagt sich aber einen ganzen Schritt weiter.
Die Idee
Als Pionier des erst seit zehn Jahren existierenden Forschungszweigs gilt Paul Glimcher. Der Professor von der Uni New York schaut Menschen im wahrsten Sinne des Wortes in den Kopf - während sie wirtschaftliche Entscheidungen treffen.
Professor Paul Glimcher   Professor Paul Glimcher
In Experimenten können Versuchspersonen wählen zwischen sofortigen Auszahlungen und möglichen höheren Gewinnen in der Zukunft. Und sind dabei immer an einen sogenannten funktionellen Magnetresonanztomografen angeschlossen. Mit diesem bildgebenden Verfahren können die Wissenschaftler beobachten, welche Gehirnregionen bei bestimmten Entscheidungen aktiviert werden. Ziel ist es, zu verstehen, wie unsere Gene und Gefühle ökonomisches Handeln beeinflussen. Die Lücke zwischen Ökonomie und Psychologie schließt sich, sagt Glimcher.
So hat er herausgefunden, dass bestimmte Neuronen im menschlichen Gehirn die Erwartungshaltung spiegeln. Entsprach in einem Experiment die Belohnung den Erwartungen der Testperson, wurde eine normale neuronale Aktivität gemessen. Fiel die Belohnung höher als erwartet aus, steigerte sich die Aktivität in der bestimmten Gehirnregion - der neurale Mechanismus für die Bildung von Erwartungen scheint entdeckt. Bei einem anderen Experiment aus der Neuroökonomie wurde Probanden Oxytocin verabreicht, ein Hormon, das das Sozialverhalten beeinflusst. In der Folge vertrauten sie ihren Geschäftspartnern deutlich stärker als Probanden, die nur ein Placebo erhalten hatten.
Was Praktiker daraus lernen
Obwohl es die Neuroökonomie erst seit etwa einer Dekade gibt, ist die Resonanz unter Fachleuten aus den Bereichen Psychologie, Neurowissenschaften und Ökonomie groß. Nicht nur Marketingexperten versuchen, die Ergebnisse für ihre Zwecke zu nutzen.
Glimcher und seine Kollegen hoffen, neue ökonomisch-psychologische Theorien aufstellen zu können, die erklären warum Menschen anders handeln, als es die traditionelle Lehre vorsieht. Zwar ist die Wissenschaft gerade erst ihren Kinderschuhen entwachsen. In Zukunft könnte sie jedoch plausible Antworten liefern. Noch immer ist kaum erklärbar, warum so viele Aktienhändler Papiere kaufen, wenn die Preise hoch sind, und verkaufen, wenn sie niedrig sind.
  • FTD.de, 27.10.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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