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  FTD-Serie: Neustart der Ökonomie

Von der Krise wurde die Zunft der Wirtschaftswissenschaftler mit wenigen Ausnahmen überrollt. Jetzt spüren einige Theoretiker wieder festeren Boden. Die FTD stellt die neuen Denker von nun an jeden Dienstag vor - in Kooperation mit dem Institute for New Economic Thinking.

Merken   Drucken   27.10.2010, 08:19 Schriftgröße: AAA

Neue Denker (31): David Colander und der Humbug der Präzision

Die Suche nach dem einen richtigen Modell der Ökonomie hält US-Ökonom David Colander für einen fatalen Irrweg. von Hubert Beyerle, Berlin
Seit der Finanzkrise müssen sich Ökonomen den Vorwurf gefallen lassen, sie hätten in ihrer wichtigsten Aufgabe versagt. Es sei ihnen nicht gelungen, die Finanzwelt gut genug zu verstehen, um rechtzeitig vor Risiken zu warnen. In ihren Modellwelten waren Krisen dieser Art nicht vorgesehen. Sie hätten zu sehr vereinfacht, lautet die einhellige Kritik.
David Colander   David Colander
Dabei gibt es zur Vereinfachung keine Alternative. Denn nach einem alten Ökonomenspruch ist ein Modell, das nicht vereinfacht, genauso unnütz wie eine Landkarte im Maßstab eins zu eins. "An der Absicht der Vereinfachung an sich ist nichts auszusetzen", sagt David Colander, Ökonom an der Uni Middlebury, im US-Bundesstaat Vermont. "Problematisch ist aber die Art und Weise."
Meistens suchten Ökonomen einen eindeutigen Zusammenhang zwischen den Motiven und Handlungen des Einzelnen und den volkwirtschaftlichen Ergebnissen. "Sie hoffen auf eine Formel, die den einzelnen Menschen und die Volkswirtschaft zwingend verknüpft." Noch immer gehen Ökonomen nach dem Prinzip vor, sie müssten eine Formel suchen, die, einmal gefunden, Gesetzmäßigkeiten erklärt und prognostizierbar macht. "Das ist Unfug", sagt Colander.
Die Idee Colanders Ansatz ist ein anderer. Es sei unsinnig, eindeutige Zusammenhänge, Gesetze und Strukturen zu suchen, wie es etwa die Physik tue. Stattdessen gehe es darum, die Kräfte zu verstehen, die allen komplexen Phänomenen gemeinsam seien, sagt er. Die meisten Prozesse der Volkswirtschaft seien nicht linear. "Entwicklungen sind selten stabil, sondern kollabieren oder explodieren." Es gehe darum, die Muster zu finden, nach denen solche Prozesse ablaufen. Diese seien oft nur statistisch mithilfe von Simulationen zu errechnen und die Ergebnisse entsprechend nur Wahrscheinlichkeiten. Mit modernen Computerprogrammen sei es möglich, viele Varianten von Modellen durchzurechnen. Die leidige Suche nach der eindeutigen Lösung, die allein schon ein Modell für viele Standardökonomen zu einem richtigen macht, entfällt dann.
Vor allem fordert Colander den Abschied von der Idee des idealen, repräsentativen Menschen. Die Standardökonomie habe zu viel Wert gelegt auf die Eleganz eines Modells, aber zum Preis unrealistischer Annahmen. Meist wurde das bewusst in Kauf genommen, solange die Modelle "funktionierten".
Was Praktiker daraus lernen Folgt die Ökonomie Colanders Weg, ist sie kaum noch in der Lage, eindeutige Prognosen und Empfehlungen abzugeben. Das sei auch gut so. "Ökonomen haben die ethische Verantwortung, die Grenzen ihrer Modelle und den möglichen Missbrauch ihrer Forschung zu kommunizieren." Die Empfehlungen des vielfachen Lehrbuchautors Colander richten sich vor allem an die Ökonomenausbildung: "Entscheidend ist nicht, dass die Studenten lernen, Modelle zu entwickeln, sondern mit ihnen kreativ umzugehen." Vor allem sollten Ökonomen sich nicht scheuen, ihre Modelle am gesunden Menschenverstand zu messen - ob sie in der realen Welt überhaupt möglich sind.
Erforscher der Komplexität
David Colander ist als Autor mehrerer Lehrbücher ein guter Kenner der Ideengeschichte der Volkswirtschaftslehre. Besser als andere kennt der 62-Jährige daher die Irrtümer der Ökonomen. Er kritisiert vor allem, dass die Komplexität der Volkswirtschaft nicht ausreichend beachtet werde.
  • FTD.de, 27.10.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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