FTD.de » Politik » Konjunktur » Sony Kapoor und der Euro-Krisenmechanismus
  FTD-Serie: Neustart der Ökonomie

Von der Krise wurde die Zunft der Wirtschaftswissenschaftler mit wenigen Ausnahmen überrollt. Jetzt spüren einige Theoretiker wieder festeren Boden. Die FTD stellt die neuen Denker von nun an jeden Dienstag vor - in Kooperation mit dem Institute for New Economic Thinking.

Merken   Drucken   12.11.2010, 17:25 Schriftgröße: AAA

Neue Denker (33): Sony Kapoor und der Euro-Krisenmechanismus

Gegen die Euro-Krise Die Verwerfungen in der Euro-Zone liegen nicht an zu hohen Schulden, sagt Sony Kapoor. Vielmehr wurden die falschen Prioritäten gesetzt. von Mathias Ohanian, Berlin
Für viele Ökonomen scheint klar: Die Euro-Krise, die im Frühjahr die Währungsunion an den Rand des Abgrunds führte, hätte es nicht gegeben, wenn Staaten wie Griechenland, Spanien und Irland verantwortungsvoll gehaushaltet hätten.
Sony Kapoor, Exekutivdirektor bei Re-Define   Sony Kapoor, Exekutivdirektor bei Re-Define
Hierzulande weichen von dieser Sicht nur wenige Experten ab. Nach Einschätzung von Sony Kapoor, Chef des Brüsseler Thinktanks Re-Define, ist die Euro-Krise aber überhaupt keine Verschuldungskrise. Vielmehr habe man sich zu sehr auf den Stabilitäts- und Wachstumspakt verlassen, dessen Hauptaugenmerk auf der Haushaltslage der Euro-Länder lag.
"Ungleichgewichte im Privatsektor und die damit verbundenen Leistungsbilanzungleichgewichte wurden gar nicht berücksichtigt", so Kapoor. "Irland und Spanien haben die Vorgaben jahrelang erfüllt - und sind jetzt dennoch in Schwierigkeiten", sagt er.
Die Idee
Nach Ansicht von Kapoor greift das Euro-Regelwerk zu kurz. Daher hat er ein dreistufiges System entwickelt, das das Krisenmanagement in der Euro-Zone verbessern soll. Auf der ersten Stufe gehe es darum, einer Krise vorzubeugen. "Es gibt viele antizyklische Instrumente", so Kapoor. Euro-Mitglieder könnten Anleihen ausgeben, deren Verzinsung sich an der Wirtschaftslage orientiert. Im Aufschwung wären die Zinsen höher, im Abschwung würden sie fallen.
"Weil diese Bonds antizyklisch wirken, stabilisieren sie die Wirtschaft", sagt er. Weitere Instrumente wie Finanztransaktionssteuern und Bankenabgaben wirkten ebenfalls stabilisierend. Darüber hinaus sollten Staaten Stresstests durchführen und veröffentlichen. Und es sollte minimale Restlaufzeiten für Schulden geben.
Kommt es dennoch zur Krise, ginge es auf der zweiten Stufe des Krisenmechanismus darum, die Verwerfung zu entschärfen und eine Ansteckung anderer Länder zu verhindern. Dafür braucht es Liquidität. "Gläubiger, die in der Krise einspringen, sollten vorrangig behandelt werden und ihr Geld im Ernstfall zurückbekommen", so Kapoor. Auch sollte ein Garantiemechanismus unmittelbar in Kraft treten.
"Im Liquiditätsnotfall könnte so schneller reagiert werden." Nimmt die Krise trotzdem ihren Lauf, träte die letzte Stufe in Kraft: Dabei gehe es im Härtefall darum, die Schulden eines Landes zu restrukturieren und die Verluste zu verteilen. "Dieser Mechanismus muss vorhersagbar und unabhängig sein", so Kapoor. Der Verlust müsste zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor geteilt werden - auch wenn die Regierungen dann im Zweifel der Privatwirtschaft unter die Arme greifen müssten.
Was Praktiker daraus lernen
Nach Einschätzung von Sony Kapoor sollten die Euro-Länder ihr Augenmerk stärker auf die makroökonomischen Ungleichgewichte innerhalb der Euro-Zone richten, um Krisen zu verhindern. "Die neuen Vorschläge der EU-Kommission gehen in die richtige Richtung", sagt er. "Sie reichen aber noch nicht aus." Kürzlich schlug die EU-Kommission vor, dass künftig auch makroökonomische Ungleichgewichte kontrolliert werden sollten. Bislang gibt es nach Ansicht von Kapoor noch sehr wenige Fortschritte bei der Entwicklung von neuen Krisenmaßnahmen.
Vom Banker zum Denker
Sony Kapoor hat seine Karriere bei der Investmentbank Lehman Brothers begonnen. Heute ist der 36-Jährige Direktor der in Brüssel ansässigen Denkfabrik Re-Define. Der in Indien geborene Kapoor berät Regierungen auf der ganzen Welt und ist Autor des Buchs "The Financial Crisis - Causes and Cures".
  • FTD.de, 12.11.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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