Von der Krise wurde die Zunft der Wirtschaftswissenschaftler mit wenigen Ausnahmen überrollt. Jetzt spüren einige Theoretiker wieder festeren Boden. Die FTD stellt die neuen Denker von nun an jeden Dienstag vor - in Kooperation mit dem Institute for New Economic Thinking.
Es scheint zwei Antworten auf die Finanzkrise zu geben: Mehr Staat fordern die einen. Deregulierung die anderen. Falsch, sagt Dean Baker. Denn tatsächlich wollen auch diejenigen, die vom Markt reden, in die Wirtschaft eingreifen - zugunsten einer Umverteilung von unten nach oben. So sei die Rettung der Banken in der Finanzkrise Ausdruck der gleichen politischen Logik gewesen, die auch die US-Immobilienblase entstehen ließ. Von reiner Marktwirtschaft könne daher keine Rede sein.
Bereits 2002 warnte Dean Baker in klaren Worten vor einer Blase auf dem US-Häusermarkt, die platzen und die Wirtschaft in eine Rezession reißen werde.
Ausgerechnet die Behauptung des ehemaligen Fed-Chefs Alan Greenspan, mit den Preisen sei alles in Ordnung, ließ bei dem Ökonomen damals die Alarmglocken läuten. "Das machte für mich alles keinen Sinn", erklärte er später. Über Jahrzehnte entwickelten sich die Hauspreise in etwa mit der Inflationsrate. Plötzlich galt das nicht mehr.
Vor allem eine Sache machte Baker stutzig: Während die Kaufpreise immer weiter kletterten, stiegen die Mieten kaum. Seither hat Baker kaum eine Gelegenheit ausgelassen, die aus seiner Sicht Schuldigen beim Namen zu nennen: "Millionen Menschen sind heute arbeitslos, nicht weil es ihnen an Fähigkeiten oder gutem Willen mangelt, sondern weil Leute wie Alan Greenspan und Ben Bernanke versagt haben."
Die Notenbank hätte die Hauspreisblase stoppen müssen: "Dass sie das nicht getan hat, ist wahrscheinlich der schwerwiegendste Fehler der Wirtschaftspolitik in der Geschichte gewesen." Und dass später nur noch von nicht kreditwürdigen Schuldnern die Rede war, hält Baker für ein Ablenkungsmanöver: Das Problem sei die geplatzte Blase.
Das Argument von Greenspans Anhängern, Blasen ließen sich im Voraus nicht gut genug erkennen, lässt Baker nicht gelten: "Wenn Ökonomen eine 8000-Mrd.-Dollar-Hauspreisblase nicht erkennen können, was können sie denn dann überhaupt?"
Die globalen Wirtschaftsprobleme seien meist recht einfach und würden nur kompliziert dargestellt. Auch das Wort von der Finanzkrise akzeptiert Baker nicht: Das Finanzsystem sei nicht das Kernproblem. Die Bedeutung der Banken sei weit überschätzt.
Völlig falsch sei daher gewesen, dass rund um den Globus die großen Banken gerettet wurden. Das sei Interessenpolitik und nicht hilfreich, um die Rezession zu vermeiden oder die Erholung zu beschleunigen. Ein Schrumpfen des Finanzsektors sei vielmehr erwünscht. Der Banken-Bailout habe lediglich deren Aktionären und Spitzenmanagern geholfen.
Hier zeige sich, dass der große Konflikt nicht zwischen mehr oder weniger Regulierung verlaufe, sondern zwischen zwei Varianten: Die eine fördere die Umverteilung von oben nach unten, die andere die von unten nach oben. So sei es irreführend, die Deregulierung und den vermeintlichen "Marktfundamentalismus" für steigende Ungleichheit verantwortlich zu machen. Vielmehr sei diese eine direkte Folge staatlicher Eingriffe der damaligen konservativen Regierung in das Marktgeschehen gewesen.
| Der Querschläger |
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| Dean Baker ist Co-Direktor des Center for Economic and Policy Research, eines der prominentesten Thinktanks in den USA. Er gilt als scharfer Kritiker von US-Notenbankchef Ben Bernanke und hielt die Bankenrettung für einen Fehler. |