Amar Bhidé
Der in Indien geborene Bhidé beruft sich auf den österreichischen Ökonomen Friedrich von Hayek. Wirtschaft entfaltet sich mittels vieler individueller Entscheidungen besser, als wenn ein schlecht informierter Zentralplaner die Geschicke steuert. Heute entscheidet das Individuum auf der Basis von Preisen, von Kommunikation und menschlichen Beziehungen. Und der einzelne Unternehmer haftet, im Gegensatz zur Finanzwirtschaft: "In der Realwirtschaft sind Unternehmer tatsächlich verantwortlich für ihre Aktionen."
Die Idee
Bhidé zufolge sind diese positiven Attribute der Realwirtschaft im Finanzsektor heute jedoch kaum zu finden. "Mathematische Wahrscheinlichkeitsmodelle, die von zentralen Stellen erstellt werden, bestimmen die Geschäfte", sagt er. Die persönliche Risikobeurteilung komme viel zu kurz. Das größte Risiko jedoch: "Für Großbanken gibt es von den Regierungen implizite Garantien. Sie brauchen nicht mehr für schlechte Ergebnisse zu haften", kritisiert Bhidé.
Im Namen der Effizienz sei das persönliche Urteil von Kreditprüfern eliminiert worden. Die mechanischen Modelle in den Banken beruhten auf überholten Annahmen, die lediglich die Vergangenheit in die Zukunft fortschrieben. Hinzu komme: Weil die von den unterschiedlichen Geldhäusern konzipierten Modelle fast identisch seien, sei das Risiko kaum gestreut. Die Banken investierten in die gleichen Anlagen. "Damit entsteht automatisch ein systemisches Risiko", so Bhidé. Gleichzeitig wurde damit das Gegenstück zum Zentralplaner entwickelt: "Die in der Finanzwirtschaft verwendeten Computerprogramme können nicht alle Details kennen, um eine gute Investition zu tätigen."
Als Manifestation dieser "pathologischen Finanzwirtschaft" sei die Anzahl standardisierter Finanzprodukte explodiert. Als Beispiele nennt Bhidé etwa forderungsbesicherte Wertpapiere und komplexe Derivateprodukte. "Die Risiken dieser Produkte zu bestimmen übersteigt die menschlichen Kapazitäten", sagt Bhidé.