Von der Krise wurde die Zunft der Wirtschaftswissenschaftler mit wenigen Ausnahmen überrollt. Jetzt spüren einige Theoretiker wieder festeren Boden. Die FTD stellt die neuen Denker von nun an jeden Dienstag vor - in Kooperation mit dem Institute for New Economic Thinking.
Noch nie in der Geschichte der Marktwirtschaft wurden Menschen stärker als heute dazu angehalten, ihrem eigenen Instinkt zu folgen und selbst Entscheidungen zu treffen. "Die industrielle Revolution wurde von wenigen Fabrikbesitzern getrieben, die ihren Arbeitern vorschrieben, was sie zu tun hatten", sagt Amar Bhidé, Wirtschaftsprofessor an der Tufts University in Boston. "In der Realwirtschaft liegen die Dinge heute ganz anders. Innovationen hängen von Visionen ab. Lokale und persönliche Entscheidungen sind die Basis unseres Wohlstands."
Der in Indien geborene Bhidé beruft sich auf den österreichischen Ökonomen Friedrich von Hayek. Wirtschaft entfaltet sich mittels vieler individueller Entscheidungen besser, als wenn ein schlecht informierter Zentralplaner die Geschicke steuert. Heute entscheidet das Individuum auf der Basis von Preisen, von Kommunikation und menschlichen Beziehungen. Und der einzelne Unternehmer haftet, im Gegensatz zur Finanzwirtschaft: "In der Realwirtschaft sind Unternehmer tatsächlich verantwortlich für ihre Aktionen."
Bhidé zufolge sind diese positiven Attribute der Realwirtschaft im Finanzsektor heute jedoch kaum zu finden. "Mathematische Wahrscheinlichkeitsmodelle, die von zentralen Stellen erstellt werden, bestimmen die Geschäfte", sagt er. Die persönliche Risikobeurteilung komme viel zu kurz. Das größte Risiko jedoch: "Für Großbanken gibt es von den Regierungen implizite Garantien. Sie brauchen nicht mehr für schlechte Ergebnisse zu haften", kritisiert Bhidé.
Im Namen der Effizienz sei das persönliche Urteil von Kreditprüfern eliminiert worden. Die mechanischen Modelle in den Banken beruhten auf überholten Annahmen, die lediglich die Vergangenheit in die Zukunft fortschrieben. Hinzu komme: Weil die von den unterschiedlichen Geldhäusern konzipierten Modelle fast identisch seien, sei das Risiko kaum gestreut. Die Banken investierten in die gleichen Anlagen. "Damit entsteht automatisch ein systemisches Risiko", so Bhidé. Gleichzeitig wurde damit das Gegenstück zum Zentralplaner entwickelt: "Die in der Finanzwirtschaft verwendeten Computerprogramme können nicht alle Details kennen, um eine gute Investition zu tätigen."
Als Manifestation dieser "pathologischen Finanzwirtschaft" sei die Anzahl standardisierter Finanzprodukte explodiert. Als Beispiele nennt Bhidé etwa forderungsbesicherte Wertpapiere und komplexe Derivateprodukte. "Die Risiken dieser Produkte zu bestimmen übersteigt die menschlichen Kapazitäten", sagt Bhidé.
So ungewohnt es für die Finanzmärkte heutzutage klingen mag: Bhidé fordert eine Rückkehr zur persönlichen Risikoeinschätzung auf einer Fall-zu-Fall-Basis - ein immenser und arbeitsintensiver Regulierungsschritt für die Banken. Die Finanzwirtschaft solle nur noch Geschäfte abschließen dürfen, die auch von der breiten Öffentlichkeit verstanden würden. So sinke auch das Risiko von zukünftigen Finanzkrisen - und damit von hohen Kosten, die der Bankensektor der Gesellschaft aufbürde. "Die impliziten Garantien müssen verschwinden", betont Bhidé zudem.
Wenn das umgesetzt würde, bräuchten auch bestimmte Einrichtungen wie etwa die Derivatemärkte nicht mehr kontrolliert werden. "Ohne die Staatsgarantien würden diese Märkte automatisch massiv schrumpfen. Banken würden die gestiegenen Risiken nicht mehr eingehen wollen", sagt Bhidé.
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| Vielschreiber Amar Bhidé ist Professor an der Tufts University in Boston. Im vergangenen Jahr erschien mit "A Call for Judgment: Sensible Finance for a Dynamic Economy" bereits sein drittes Buch. |