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Merken   Drucken   31.07.2012, 19:22 Schriftgröße: AAA

Ökonom Flassbeck zur Euro-Krise: Die niedrigen Löhne sind schuld an der Krise

Kommentar Absurderweise halten viele Ökonomen Kapitalflüsse von den Überschussländern nach Südeuropa für den Ursprung der Schuldenkrise. Eine Lohn-Debatte wäre intelligenter.
von Heiner Flassbeck
 
Heiner Flassbeck ist Chefökonom der United Nations Conference on Trade and Development (Unctad).

Der Euro-Rat des Inet, des von George Soros gegründeten Instituts für Neues Ökonomisches Denken, hat in einer denkwürdigen Stellungnahme versucht, die Politiker in Europa aufzurütteln. Das ist lobenswert, aber vielleicht zu spät, gerät doch die Euro-Zone allmählich in jenes komatöse Stadium, in dem man geneigt ist, nur noch für den Patienten zu beten, aber nicht mehr, nach Wegen zurück zum Leben zu suchen. Schlimmer noch ist, dass die dort versammelten europäischen Ökonomen, statt neu zu denken, im ältesten ökonomischen Denkmuster der Welt gefangen sind.

Heiner Flassbeck   Heiner Flassbeck

Als Ursprung der Krise identifizieren die Ökonomen, nicht anders als Herr Sinn, "Kapitalflüsse" in die Defizitländer, sprich nach Südeuropa, die von den Überschussländern zumindest geduldet wurden. Da staunt man nicht schlecht. Warum sollten Kapitalflüsse in einer Währungsunion ein Problem sein? Da hat man sich auf ein gemeinsames Inflationsziel geeinigt, die Zinsen sind nominal gleich und die Länder Teil einer EU, die nichts für wichtiger hält als die Freiheit der Kapitalflüsse - und plötzlich sind genau die das Problem. Außerhalb Europas gibt es tatsächlich Probleme mit Kapitalströmen, aber da finden wir auch kein gemeinsames Inflationsziel und keine gemeinsame Währungs- und Geldpolitik. Weswegen dort böse Spekulanten mit den Währungen Jo-Jo spielen und untragbare Auf- und Abwertungen verursachen. Genau das wurde doch mit der Währungsunion unterbunden. Stimmt das alles nicht mehr?

Wenn wenigstens die Defizitländer die gleiche Krankheit aufwiesen, die man den Kapitalströmen anhängen kann, aber nichts da: Spanien hat ein Immobilienproblem, aber kein Haushaltsproblem, Italien und Griechenland haben hohe öffentliche Schulden, aber kein Immobilienproblem. Ist es schon ein Problem in einer Währungsunion, wenn die Kapitalmärkte unveränderte Staatsschuldenquoten von Ländern finanzieren, wie in Italien, oder sogar gesunkene, wie in Spanien? Nein, sagt auch der Inet-Rat, das kann nicht sein, und schiebt fast verstohlen hinterher, die Defizitländer hätten aber noch real aufgewertet, was schwierig zu beheben sei in einer Währungsunion. Siehe da, aufgewertet haben die Defizitländer!

Wie konnte das bei einem Inflationsziel von zwei Prozent passieren? Wie kann es sein, dass genau dann, als man sich darauf geeinigt hat, Wechselkursänderungen nicht mehr zu brauchen, riesige außenwirtschaftliche Ungleichgewichte entstehen und Wechselkurse wieder gebraucht würden? Woher kamen die Inflationsunterschiede bei gleicher Geldpolitik? Wieso gab es keine Konkurrenz, die zumindest bei den handelbaren Gütern für einen Preisausgleich gesorgt hätte? Und warum sollten gerade die Kapitalströme für die verschiedenen Inflationsraten verantwortlich sein? Zunächst waren die nominalen Zinsen völlig gleich. Die Realzinsunterschiede entstanden erst durch die Inflationsunterschiede. Aber heißt das, dass die Inflationsunterschiede nicht durch Kapitalströme erklärt werden können?

So viele Fragen, so wenige Antworten. Das alte Denken hilft nicht, weil es geprägt ist von der Furcht, über Löhne zu reden. Nur Lohnentwicklungen aber können erklären, wie es zu realen Auf- und Abwertungen kam und warum es so schwer ist, diese zu korrigieren. Wer fest daran glaubt, dass es einen eigenständigen Arbeitsmarkt gibt, wo Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen, kann und muss nicht über Löhne reden. Wer zur Kenntnis nähme, dass Lohnstückkosten, also der Abstand der Nominallöhne zur Produktivität, die Preissteigerungen dominieren, der verlöre das Kostbarste, was er als Ökonom hat: den Glauben an die flexiblen Arbeitsmärkte, die Vollbeschäftigung herstellen würden, wenn die Arbeiter es nur zuließen.

Wer über Löhne redete, müsste zugeben, dass Deutschland mit seiner extrem schwachen Lohnentwicklung maßgeblich zu den Auf- und Abwertungen beigetragen hat, und fragen, ob das gerechtfertigt war angesichts eines Inflationsziels von zwei Prozent. Um aus der Krise herauszukommen, müsste man letztlich vorschlagen, die Lohnentwicklung im Euro-Raum über Jahre zu kontrollieren, um die Aufwertung der Defizitländer zu beseitigen. Doch das ist Teufelszeug. Kurieren wir lieber noch ein bisschen an den Symptomen und verschieben das neue Denken aufs nächste Mal.

  • FTD.de, 31.07.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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Kommentare
  • 05.08.2012 18:04:50 Uhr   focus: @Yosemite

    Was bringt er was durcheinander und wo widerspricht er sich?

    Platz wäre doch sicher bei 3000 Zeichen gewesen, oder?

  • 04.08.2012 23:03:34 Uhr   Yosemite: Furchtbar
  • 02.08.2012 12:45:20 Uhr   Wurzel: ...und noch ne Sau durch den Ort
  • 02.08.2012 08:45:04 Uhr   Björn: @Karola
  • 02.08.2012 00:52:11 Uhr   revoluzr: China
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