FTD Als die Finanzkrise 2008 eskalierte, geriet die Ökonomie in die Kritik: Ihre Modelle seien veraltet, hieß es. Seither sind gut drei Jahre vergangen. Täuscht der Eindruck, dass von einem Neuanfang wenig zu spüren ist?
Dennis Snower Nein. Die etablierten Vertreter der Ökonomenzunft haben über Jahrzehnte ein Wissensgebäude aufgebaut, dessen Fundament heute stark bröckelt. Die meisten Modelle gingen ja davon aus, dass Menschen stets rational handeln, was in der Krise an den Finanzmärkten eindeutig nicht der Fall war. Da sehen viele Professoren ihr Lebenswerk bedroht. Nun können sie entweder mit ansehen, wie ihre Reputation schwindet. Oder sich gegen die Veränderungen wehren, was viele ja auch tun.
Wissenschaftler könnten neue Reputation erlangen, indem sie Modelle für die Zeit nach der Krise entwickeln.
Snower Wissenschaftler sehen sich selbst gern als Erbauer von Monumenten, die viele Jahrzehnte überdauern. Deshalb ist es generell so, dass sich die Wissenschaft nur langsam wandelt. Der Wissenschaftstheoretiker Thomas Kuhn meinte mal: Die Wissenschaft macht Fortschritte, weil Wissenschaftler aussterben.
Sind junge Hoffnungsträger in Sicht?
Snower Um Karriere zu machen, müssen Volkswirte ihre Forschungsergebnisse in den renommierten Zeitschriften veröffentlichen. Die lehnen exotische Ideen oft ab, schon existierende Themen gehen da viel leichter durch. Dieses System ist für junge Forscher leicht zu durchschauen. Also entscheiden sie sich eher dafür, bestehende Modelle nur zu modifizieren. Das schmeichelt zwar den arrivierten Autoren und nützt der eigenen Karriere, liefert der Gesellschaft aber kaum neue Erkenntnisse. Und es führt zu einem zweifelhaften Herdentrieb unter den Wissenschaftlern.
In den USA gibt es seit 2009 das Institute for New Economic Thinking, in dem auch einige Nobelpreisträger über die Zukunft der Zunft nachdenken. Sind andere Länder weiter als wir?
Snower Ja. In den USA wird der Diskurs über die Zukunft der Ökonomie kontroverser geführt als in Deutschland. Da spielen neue Forschungsrichtungen bereits eine viel größere Rolle. Leute wie der Nobelpreisträger George Akerlof haben ganz neue Impulse gegeben, indem sie etwa den Einfluss der "Animal Spirits" erforscht haben, ohne die man eine Krise wie die jetzige kaum verstehen kann.
Wie wollen Sie denn junge Menschen angesichts dieser Bilanz für die Ökonomie noch begeistern?