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Merken   Drucken   16.01.2012, 20:55 Schriftgröße: AAA

Ökonomie in der Kritik: "Wir stehen am Anfang einer Revolution"

Durch die Schuldenkrise bröckelt das Fundament der Wirtschaftswissenschaften. IfW-Chef Dennis Snower sieht die Ökonomie vor einem neuen Zeitalter.
© Bild: 2012 FTD/Marco Urban
Durch die Schuldenkrise bröckelt das Fundament der Wirtschaftswissenschaften. IfW-Chef Dennis Snower sieht die Ökonomie vor einem neuen Zeitalter. von Mathias Ohanian  und Martin Kaelble  Berlin
FTD Als die Finanzkrise 2008 eskalierte, geriet die Ökonomie in die Kritik: Ihre Modelle seien veraltet, hieß es. Seither sind gut drei Jahre vergangen. Täuscht der Eindruck, dass von einem Neuanfang wenig zu spüren ist?
Dennis Snower Nein. Die etablierten Vertreter der Ökonomenzunft haben über Jahrzehnte ein Wissensgebäude aufgebaut, dessen Fundament heute stark bröckelt. Die meisten Modelle gingen ja davon aus, dass Menschen stets rational handeln, was in der Krise an den Finanzmärkten eindeutig nicht der Fall war. Da sehen viele Professoren ihr Lebenswerk bedroht. Nun können sie entweder mit ansehen, wie ihre Reputation schwindet. Oder sich gegen die Veränderungen wehren, was viele ja auch tun.
Wissenschaftler könnten neue Reputation erlangen, indem sie Modelle für die Zeit nach der Krise entwickeln.
Snower Wissenschaftler sehen sich selbst gern als Erbauer von Monumenten, die viele Jahrzehnte überdauern. Deshalb ist es generell so, dass sich die Wissenschaft nur langsam wandelt. Der Wissenschaftstheoretiker Thomas Kuhn meinte mal: Die Wissenschaft macht Fortschritte, weil Wissenschaftler aussterben.
Sind junge Hoffnungsträger in Sicht?
Snower Um Karriere zu machen, müssen Volkswirte ihre Forschungsergebnisse in den renommierten Zeitschriften veröffentlichen. Die lehnen exotische Ideen oft ab, schon existierende Themen gehen da viel leichter durch. Dieses System ist für junge Forscher leicht zu durchschauen. Also entscheiden sie sich eher dafür, bestehende Modelle nur zu modifizieren. Das schmeichelt zwar den arrivierten Autoren und nützt der eigenen Karriere, liefert der Gesellschaft aber kaum neue Erkenntnisse. Und es führt zu einem zweifelhaften Herdentrieb unter den Wissenschaftlern.
In den USA gibt es seit 2009 das Institute for New Economic Thinking, in dem auch einige Nobelpreisträger über die Zukunft der Zunft nachdenken. Sind andere Länder weiter als wir?
Snower Ja. In den USA wird der Diskurs über die Zukunft der Ökonomie kontroverser geführt als in Deutschland. Da spielen neue Forschungsrichtungen bereits eine viel größere Rolle. Leute wie der Nobelpreisträger George Akerlof haben ganz neue Impulse gegeben, indem sie etwa den Einfluss der "Animal Spirits" erforscht haben, ohne die man eine Krise wie die jetzige kaum verstehen kann.
Wie wollen Sie denn junge Menschen angesichts dieser Bilanz für die Ökonomie noch begeistern?
Wie stark wächst die deutsche Wirtschaft 2012?

 

Wie stark wächst die deutsche Wirtschaft 2012?

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Snower Wirtschaftswissenschaftler halten viele analytische Werkzeuge parat, mit denen wir komplizierte Probleme lösen können. Weil Ökonomen so rigorose Modelle entwickelt haben, sind sie in der Politikberatung einflussreicher als etwa Soziologen. Und ich glaube, dass wir auch in 20 Jahren noch mit diesen mathematischen Instrumenten arbeiten werden - selbst wenn sie in der Vergangenheit falsch verwendet wurden. Allerdings sind diese Instrumente für Forscher wohl wichtiger sind als für Studenten, die am Anfang ihres Studiums stehen.
Muss eine Universitätsausbildung nicht mehr bieten als ein paar Werkzeuge, die noch dazu von vielen Seiten kritisiert werden?
Snower Deshalb empfehle ich jungen Menschen, Ökonomie zusammen mit Soziologie, Anthropologie, Psychologie und Philosophie zu studieren. Daraus ergeben sich viele Einsichten, die hergebrachte ökonomische Modelle nicht bieten. Etwa dass Menschen einander stark beeinflussen; dass zwischenmenschliche Beziehungen große Auswirkungen auf unser Verhalten haben. Das alles ist in der traditionellen Ökonomie so gut wie nirgends zu finden.
Die Verhaltensökonomie stellt klassische Annahmen wie die vom rational handelnden Menschen doch schon seit vielen Jahren in Frage. Hat sich die klassische Ökonomie überlebt?
Snower Die Verhaltensökonomie hat in den vergangenen Jahren wichtige Erkenntnisse erzielt - mit großer Unterstützung der Psychologie, den Neurowissenschaften und der Philosophie. Auf diesen Gebieten werden sie niemanden finden, der glaubt, dass Menschen ständig rational handeln. Eine wichtige Erkenntnis ist, dass oft weniger der Verstand, sondern Emotionen unser Handeln bestimmen. Dank der Neurowissenschaft werden wir in Zukunft nachvollziehen können, warum Akteure an den Finanzmärkten so handeln, wie sie es tun. Gewisse Emotionen führen dazu, dass Investoren nur kurzfristige Gewinne einfahren wollen - was wiederum gefährlich für die langfristige Stabilität des Finanzsystems sein kann. Dank der Psychologie werden wir besser verstehen, wie wir globale wirtschaftliche Probleme lösen können.
Wird es im Studium künftig Verhaltensökonomie statt Makro- und Mikroökonomie geben?
Snower Nein, die Verhaltensforschung muss die anderen Bereiche mit ihren Erkenntnissen bereichern.
Sie fordern von der Zunft Veränderung. Was ändert sich denn in Ihrem eigenen Institut?
Snower Die Verhaltensökonomie wird auch bei uns eine immer wichtigere Rolle spielen und das Denken in allen existierenden Forschungsbereichen beeinflussen - ob in der Umweltökonomie, den Finanzwissenschaften oder der Makroökonomie. Wir wollen das IfW noch stärker als Institut positionieren, an dem zu verschiedenen - sogar gegensätzlichen - ökonomischen Ansichten geforscht werden kann.
Wie sehen Sie denn die Chancen, dass es zu unseren Lebzeiten noch zu einem Paradigmenwechsel in der Ökonomie kommt?
Snower Wir stehen am Anfang einer Revolution. Das kann einige Zeit dauern - zehn, vielleicht 20 Jahre. Es kann jedoch auch sehr viel schneller gehen. Nämlich dann, wenn viele junge Ökonomen den Mut haben, in neue Richtungen zu forschen.
Dennis Snower ist Direktor des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Der 61-jährige Amerikaner gehört zu den renommiertesten Ökonomen in Deutschland.

Große Denkerkonferenz
Neues Denken Die Ökonomenszene in den USA ist nach der Finanzkrise bereits im Umbruch. Das 2009 gegründete Institute for New Economic Thinking (Inet), dem zahlreiche Wirtschaftsnobelpreisträger angehören, ist auf der Suche nach einem neuen Paradigma in den Wirtschaftswissenschaften. Die dritte Jahrestagung findet vom 12. bis 14. April 2012 in Berlin statt. Zuvor waren die Treffen in Cambridge und Bretton Woods.
Alte Widerstände In Deutschland bewegt sich die ökonomische Zunft bislang jedoch kaum. IfW-Chef Dennis Snower gehört zu den wenigen renommierten Fachleuten, die eine Neuordnung der Wirtschaftswissenschaften fordern.
FTD-Begleitung In Vorbereitung auf das Jahrestreffen des Inet wird die FTD an dieser Stelle in den kommenden Wochen Kommentare und Beiträge zum Stand der ökonomischen Neuordnung liefern.
  • Aus der FTD vom 17.01.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland,
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