13.10.2009, 14:17
Ostrom und Williamson: Wofür der Nobelpreis verliehen wurde
Die eine beschäftigt sich mit Sozialkapital, der andere mit Institutionenökonomik: Durch die Auszeichnung mit dem Wirtschaftsnobelpreis für Ostrom und Williamson unterstreicht das Nobelkomitee, wie wichtig es die theoretische Grundlage des Marktversagens nimmt.
von Hubert Beyerle,
Andreas Grosse Halbuer
und Martin Kaelble, Berlin
Den Wirtschaftsnobelpreis 2009 teilen sich zwei Wissenschaftler, die sich ausführlich mit dem Versagen des freien Markts befasst haben. Damit gewinnen Konzepte aus anderen Sozialwissenschaften für die ökonomische Theorie an Bedeutung, wie soziales Kapital und Vertrauen.
Beide Preisträger stehen für interdisziplinäre Forschung und nutzen Ansätze aus anderen Sozialwissenschaften für die Volkswirtschaftslehre. Oliver Williamson ist einer der Klassiker der Institutionenökonomik und steht im Grenzbereich zwischen Betriebswirtschaftslehre und Volkswirtschaftslehre. Elinor Ostrom ist Politologin und forschte empirisch mit anthropologischer Feldforschung in Entwicklungsländern. "Die Preisverleihung ist ein Signal dafür, dass Institutionen in der Wirtschaftswissenschaft eine immer wichtigere Rolle spielen", sagte Lars-Hendrik Röller, Präsident der European School of Management and Technology und Vorsitzender des Vereins für Socialpolitik.
Gemeinsam ist beiden Forschern, dass sie die Mängel des Markts analysieren, aber die Lösung nicht in einem Eingriff des Staats sehen. Williamson beschreibt, wann und warum Geschäfte innerhalb der Grenzen einer Firma stattfinden sollten und nicht auf dem freien Markt.
Bilderserie
Die berühmtesten Wirtschafts-Nobelpreisträger
Elinor Ostrom analysiert in ihrem Buch "Governing the Commons", an das sie später immer wieder anknüpfte, wie in traditionellen Gesellschaften "spontan" kooperative Lösungen für Gemeinschaftsgüter entstehen, die mit streng egoistisch handelnden Menschen nicht möglich wären. Damit zeigt sie auf, dass es zwischen dem Gegensatz Privateigentum und Verantwortungslosigkeit ein breites Spektrum an sozialen Organisationsformen gibt. Sie erforscht, wie dieses "Sozialkapital" entsteht und welche Folgen es hat.
Damit bezieht Ostrom nicht nur Positionen, die sonst meist Soziologen oder Politologen in interdisziplinären Debatten gegen Volkswirte vertreten. Sie kritisiert damit auch die lange dominierende Praxis der Entwicklungshilfe, die Bauern vor allem Privatgrundstücke mit Wasser, Wald oder Weiden verschaffen will, da so diese Ressourcen vermeintlich am besten genutzt werden könnten.
In ihren Forschungen zur Grundwassernutzung in Kalifornien, zur Fischerei in Mexiko oder zu einem Staudammprojekt in Nepal konnte sie zeigen, dass lokale gemeinschaftliche Lösungen oft besser funktionieren. Ein weiteres Untersuchungsobjekt war der "Gewalthaber" in den Schweizer Alpen, der dafür sorgt, dass nicht zu viel Vieh auf den Weiden steht.
Ostrom steht damit dem Markt mit Privateigentum skeptisch gegenüber, lehnt zugleich aber den Ruf nach mehr Staat als Antwort ab. Stattdessen setzt sie auf lokale, "spontane" Lösungen. Damit steht sie der amerikanischen sogenannten "libertären" Richtung nahe, wie sie etwa von dem früheren Nobelpreisträger James Buchanan vertreten wird. Mit der Betonung der Bedeutung lokalen Wissens und der Skepsis gegenüber dem Staat beruhen diese Ansätze zum großen Teil auf den Ideen des Ökonomen Friedrich von Hayek.
Teil 2: Wie Unternehmen organisiert sein sollten
-
Aus der FTD vom 14.10.2009
© 2009 Financial Times Deutschland