Fiat -Chef Sergio Marchionne hatte am Montag eine böse Vorahnung. Um rund 20 Prozent seien die Autoverkäufe in Italien im August eingebrochen, verkündete er - noch bevor die offiziellen Zahlen am Abend bekannt gegeben werden sollten.
Italiens Konsumenten halten derzeit ihr Geld zusammen. Nicht zuletzt wegen dem rasanten Abwärtstrend am Arbeitsmarkt: Einige Experten rechnen mittlerweile mit einem Anstieg der Arbeitslosenquote auf 15 Prozent bis zum Jahr 2014. Das Wirtschaftsklima ist dementsprechend im Keller, bei Verbrauchern ebenso wie in der Industrie: Der Einkaufsmanagerindex fiel von 44,3 auf 43,6 Punkte im August, wie das Marktforschungsinstitut Markit am Montag bekannt gab.
Die wirtschaftliche Misere in Italien ist eine Folge des harten Reform- und Sparkurses der Regierung. Die Ergebnisse der Politik von Premier Mario Monti: Licht und Schatten zugleich. Während das Land Fortschritte bei den Strukturreformen macht, für die es jüngst auch Lob von Bundeskanzlerin Angela Merkel gab, sieht es konjunkturell düster aus.
Besonders deutlich wird das Ausmaß der Misere beim Vergleich mit der Zeit vor der Finanzkrise: Die Produktion lag im Juni fast 15 Prozent unter dem Vorkrisenstand im August 2008. Das Bruttoinlandsprodukt ist seit dem zweiten Quartals 2008 um mehr als sechs Prozent geschrumpft. Die moderate Erholung vom Jahr 2010 ist in Italien längst wieder verpufft.
Und der Niedergang hält an. Die Daten von Markit zeigen, dass die italienische Industrie im August noch tiefer in die Rezession gerutscht ist. Es war der zweitschlechteste Wert der Firmenumfrage in über drei Jahren. "Die Produktion ging deutlich zurück - aufgrund eines beschleunigten Abwärtstrends bei den Neuaufträgen", sagte Phil Smith, Italien-Experte beim Markit-Institut. "Die Industrie wird das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal weiter herunterziehen." Die Prognosen der Ökonomen für die nahe Zukunft sind dementsprechend düster. "Unsere aktuelle BIP-Prognose für das zweite Halbjahr ist minus 0,8 Prozent", sagte Jochen Hartwig, Ökonom beim Züricher Forschungsinstitut KOF. Eine leichte Abwärtsrevision dürfte aber noch folgen.
Und auch für das kommende Jahr wird eine Forsetzung der Rezession erwartet. "2013 dürfte erneut ein schwieriges Jahr für die italienische Wirtschaft sein", sagte Matthias Thiel, Volkswirt der Privatbank M. M. Warburg. Die Bank rechnet für das Gesamtjahr 2013 mit einem erneuten BIP-Rückgang von 0,8 Prozent. Die Experten von Union Invesment erwarten sogar Minus 1,3 Prozent, nach einem Rückgang von 2,3 Prozent in diesem Jahr.
"In diesem Umfeld dürften sich die Arbeitsmarktdaten weiter verschlechtern", sagte Thiel. Inzwischen ist Italiens Arbeitslosigkeit auf 10,7 Prozent gestiegen, wie das Statistikamt Eurostat bekannt gab. In den vergangenen zwölf Monaten kletterte die Quote um 2,5 Prozentpunkte nach oben - und damit so stark wie in kaum einem anderen Euro-Land.
Die seit einem Jahr anhaltende Rezession dürfte den Jobmarkt auch in den kommenden Monaten belasten. "Nach unserer Einschätzung wird die Arbeitslosenquote von aktuell 10,7 Prozent kontinuierlich weiter steigen, bis Ende 2013 auf 12,5 Prozent", sagte David Milleker, Chefvolkswirt von Union Investment. Andere Experten zeichnen ein noch düstereres Bild: Nach Auffassung der Großbank Société Générale könnte die Quote der Erwerbslosen Ende 2014 bei rund 15 Prozent liegen.
Die konjunkturelle Misere geht einher mit den radikalen Reformschritten der Regierung Monti. "Auffällig ist, dass in Italien der Anpassungsprozess einen ähnlichen Verlauf nimmt wie in den anderen Krisenländern. Allerdings ist die Geschwindigkeit sehr viel schneller", so Milleker.
Seit November 2011 ist die Regierung von Mario Monti im Amt - und sie hat in rund zehn Monaten sieben große Reformen auf den Weg gebracht. Das Kabinett verabschiedete das Sparpaket "Salva Italia", vereinfachte Genehmigungsverfahren, liberalisierte Berufe, baute den Arbeitsmarkt um, kürzte Kosten bei der öffentlichen Verwaltung. Alles in allem waren es 400 Gesetze und Verordnungen.
Die Ministerien können jedoch mit dem hohen Tempo des Kabinetts nicht mithalten. Laut einer Analyse der Wirtschaftszeitung "Il Sole 24 Ore" wurden von den 400 Gesetzen und Verordnungen gerade einmal 53 bisher auch tatsächlich umgesetzt. Der Ministerpräsident ist sich der Verzögerungen bewusst. Monti richtete eine Arbeitsgruppe ein, welche die Ministerien bei der Umsetzung der Reformen überwachen und anspornen soll.
Ihre Pläne für die Zeit nach der Sommerpause hat die Regierung bereits festgezurrt. Auf dem Programm steht unter anderem ein zweites Wachstumspaket. Diskutiert wird auch, Steuern und Abgaben für Unternehmen zu senken. Die Regierung fordert aber im Gegenzug, dass sich Arbeitgeber und Gewerkschaften auf "produktivitätssteigernde Maßnahmen" verständigen. Für den 5. und 11. September sind dazu runde Tische angesetzt.