Die Rezession in Großbritannien hat an Schärfe gewonnen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sei im zweiten Quartal um 0,7 Prozent gegenüber Vorquartal gesunken, teilte das britische Statistikamt am Mittwoch mit. Bereits zu Jahresbeginn war die Wirtschaftsleistung um 0,3 Prozent geschrumpft. Damit ist das Minus sogar größer als im kriselnden Spanien im zweiten Quartal. Großbritannien verharrt tief in der Rezession - nach drei Quartalen Schrumpfung in Folge. Finanzminister George Osborne musste "tiefverwurzelte wirtschaftliche Probleme" einräumen.
Seit Beginn der Konsolidierung vor zwei Jahren schafft es die Konjunktur auf der Insel nicht, Fahrt aufzunehmen. Auch vor der Rezession fiel die Erholung eher dürftig aus, mit nur geringen Wachstumsraten. Ursache ist der Sparkurs der Regierung von Premier David Cameron, die die heimische Nachfrage abwürgen sowie die anhaltenden Folgen der Finanzkrise im Bankensektor und am Bau.
Mittlerweile machen der britischen Wirtschaft zusätzlich auch die Auswirkungen der Euro-Krise zu schaffen. Am schlimmsten erwischte es im Frühjahr die Baubranche. Die Bautätigkeit schrumpfte um 5,2 Prozent. Die Produktion sank zugleich um 1,3 Prozent und die Aktivität bei den Dienstleistern um 0,1 Prozent.
Stimmungsumfragen in der Branche signalisierten allerdings bis zuletzt eine deutliche Expansion, was den Ökonomen Rätsel aufgibt. "Die Wahrheit dürfte wohl irgendwo dazwischen liegen, gut läuft es aber sicher nicht in der Baubranche", sagte Peter Dixon, Commerzbank-Ökonom in London. "Aufgrund mangelnden Vertrauens sind die Bauinvestitionen gering, es riecht nach Krise", sagte Christian Schulz, Volkswirt der Berenberg Bank in London.
Statistische Effekte dürften die Daten im zweiten Quartal insgesamt etwas verzerrt haben. April und Juni waren die nassesten Monate seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in Großbritannien. Das dürfte Folgen für den Bau und die Einzelhändler gehabt haben. Hinzu kamen zusätzliche Ferientage durch das Thronjubiläum der Queen. Die Bank of England hat geschätzt, dass allein dieser Einmaleffekte bis zu 0,4 Prozent des BIP gekostet haben könnten.
An der negativen Grundtendenz der britischen Konjunktur ändern diese Sondereffekte nach Ansicht der Ökonomen allerdings nichts. "Selbst wenn man diese Effekte herausrechnet, ist die Wirtschaftsleistung immer noch geschrumpft", sagte Simon Kirby, Volkswirt beim britischen Forschungsinstitut Niesr in London.
Für das dritte Quartal wird zwar Besserung erwartet: Die meisten Ökonomen rechnen endlich wieder mit Wachstum - "allein schon wegen eines positiven Rückpralleffekts auf das enorm schlechte Quartal und wegen positiver Effekte durch die olympischen Spiele", sagte Berenberg-Volkswirt Schulz. "Aber selbst etwas Wachstum im dritten Quartal bedeutet noch keinen großen Richtungswechsel in der britischen Konjunktur", befürchtet der Experte: Die Rezession im Vereinigten Königreich geht nicht nur einfach weiter, sie verschärft sich auch stärker als erwartet."
Die Aussichten bleiben insgesamt mau. "Das schlechte zweite Quartal dürfte dafür sorgen, dass beim Wachstum im Gesamtjahr ein Minus herauskommt", sagte Commerzbank-Experte Dixon und sprach von "schrecklichen Daten".
Eine kraftvolle Erholung ist auch in der zweiten Jahreshälfte nicht in Sicht - zumal das Risiko Euro-Krise jederzeit eine deutliche Verschlechterung bewirken kann. Fast die Hälfte der britischen Exporte geht in die Euro-Zone. "Man wird wohl frühestens in einem Jahr wieder kräftigere Wachstumsraten von 0,6 Prozent oder höher sehen", sagte Niesr-Forscher Kirby.
mit Agenturen