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Merken   Drucken   30.08.2012, 15:18 Schriftgröße: AAA

Schuldenkrise: Aus Schuldenstaaten werden Vorbilder

Mexiko und Thailand galten einmal als hoffnungslose Schuldenländer. Heute sind sie Reformstars. Das könnte auch für die derzeitigen Verlierer der Euro-Krise gelten.
© Bild: 2012 Bloomberg/Dario Pignatelli
Kommentar Mexiko und Thailand galten einmal als hoffnungslose Schuldenländer. Heute sind sie Reformstars. Das könnte auch für die derzeitigen Verlierer der Euro-Krise gelten.

In Eckkneipen und Talkshows ist die komplizierte Euro-Krise schnell erklärt: Die schludrigen Südeuropäer haben den Euro mit ihrer Schuldenmachermentalität an den Rand des Zerfalls gebracht. Eine kulturelle Nord-Süd-Kluft zieht sich durch das Europa-Bild der Krisenexperten am Stammtisch und in TV-Talkrunden: im Norden die Anständigen, im Süden die Unsoliden. Alte Vorurteile und Klischees feiern zu Zeiten der Schuldenkrise eine Renaissance.

Martin Kaelble   Martin Kaelble

Es ist keine fünfzehn Jahre her, da galt dasselbe Bild für Lateinamerika. Länder wie Mexiko oder Brasilien waren untrennbar verbunden mit Fiskalchaos, Staatspleiten und reformunfähigen Regierungen. Seit den 70er-Jahren suchten Schuldenkrisen den Kontinent heim und prägten den Ruf der schludrigen Lateinamerikaner.

Doch jenseits des Atlantiks hat sich seither einiges geändert: Ein Blick auf die Schuldenstände der einstigen Sünderländer dürfte manchen Industrieland-Finanzminister neidisch werden lassen. Mexiko hat heute einen Schuldenstand von knapp 40 Prozent der Wirtschaftsleistung, ebenso Venezuela. Brasilien liegt bei etwas über 60 Prozent und würde damit fast die Maastricht-Grenze erfüllen. Chiles Schuldenberg liegt gar bei rund zehn Prozent. Zum Vergleich: Die 60-Prozent-Marke reißen in der industrialisierten Welt viele locker. Deutschlands Schuldenstand liegt bei 80 Prozent vom BIP, die USA haben die 100-Prozent-Marke passiert, Großbritannien steuert darauf zu. Japans Schuldenstand enteilt allen anderen und liegt bei deutlich über 200 Prozent des BIPs.

Was ist geschehen, dass sich die Verhältnisse derart geändert haben und heute nicht mehr Schwellenländer, sondern Industrieländer für Schuldenkrisen sorgen; dass die Vorurteile von einst quasi die Seiten auf dem Globus getauscht haben?

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Es sind nicht allein die Rohstoffverkäufe, die hatten Schwellenländer auch früher schon. Es ist auch nicht allein mehr Wachstum, der wohl wichtigste Faktor beim Schuldenabbau. Manch einer mag es kaum glauben, aber die einst Gescholtenen haben tatsächlich Reformen hinbekommen - auch wenn man ihnen das damals nicht zugetraut hätte.

So sind Weltbank und Währungsfonds voll des Lobes über die Veränderungen, die Länder wie Brasilien und Mexiko in den vergangenen 15 Jahren durchgedrückt haben. Die Inflation wurde erfolgreich bekämpft und eine neue Stabilitätskultur in den Finanzministerien verankert. Die hohe Verschuldung in ausländischer Währung wurde gesenkt. Lokale Anleihemärkte wurden reformiert. So hat Chile zum Beispiel durch die Umstellung der Pensionsfonds einen wichtigen Kapitalgeber für den lokalen Markt geschaffen. Vor allem aber hat eine neue Solidität in der Finanzpolitik, unabhängig der Parteienzugehörigkeit, Einzug in die politische Kultur gefunden. Auch eine Folge des Traumas der Schuldenkrisen der 80er-Jahre - und der Entschlossenheit, sich nicht mehr in Abhängigkeit der Großmacht USA und des Internationalen Währungsfonds begeben zu wollen. Ein solcher fundamentaler Wechsel hat zum Beispiel in Brasilien unter Präsident Lula stattgefunden.

Wer nun sagt, Lateinamerika sei ein Sonderfall, der irrt. Das Gleiche zeigt sich in Asien. Dort wütete 1998 noch die Asien-Krise, hohe Schuldenstände waren die Regel. Doch heute stehen viele Länder solide da. Thailand war im Zentrum der Krise und hat heute Schulden in Höhe von 40 Prozent des BIPs. Indonesien, damals ebenfalls ein Krisenfall, kommt heute auf rund 25 Prozent vom BIP. Noch im Jahr 2000 lag die Quote dort bei knapp 100 Prozent. Ein Schuldenschnitt hat dazwischen nicht stattgefunden. Auch hier lobt die Weltbank die Reformen seit der Krise und den Wandel hin zu solider Finanzpolitik.

Man mag nun streiten, ob es den IWF für diesen Wandel brauchte, auch den Druck der Finanzmärkte, oder ob die Regierungen es aus eigenem Antrieb geschafft haben. Man mag über Timing und Ausgestaltung der Konsolidierungsstrategien in der Krise streiten. Eines scheint jedoch sicher: Diese Länder, die einst abgestempelt waren, haben aus ihren Krisen gelernt. Das gilt übrigens auch für das heute von einigen so gefeierte Deutschland, das noch vor knapp zehn Jahren als der kranke Mann Europas betitelt wurde. Nur den Südeuropäern wird das nicht zugetraut.

Die Beispiele Asien und Lateinamerika zeigen die Vergänglichkeit von Vorurteilen. Ein Schuldentrauma ruft meist eine gesellschaftliche Sensibilisierung hervor. Und so dürfte sich dieses Trauma jetzt auch schon ins kollektive Gedächtnis vieler (Süd-)Europäer eingebrannt haben - und damit möglicherweise zu einem ganz anderen Umgang mit den Maastricht-Kriterien führen als zu Zeiten vor der Krise.

Deshalb würde es nicht wundern, wenn in ein paar Jahren Länder wie Spanien oder Portugal als Reformstars gefeiert werden. Das gilt sogar für das totgesagte Griechenland, das als EU-Außenposten zwischen Balkan und dem Wachstumsstar Türkei enormes Wachstumspotenzial entfalten könnte. Erste Ansätze in den Krisenländern sind erkennbar. Die Anpassung schreitet in Ländern wie Irland, Spanien, Portugal deutlich voran - sichtbar an der Entwicklung der Lohnkosten oder den Exportanteilen. Erkennbar auch an der Besserung der Budgetsalden unter Herausrechnung der Konjunktureinflüsse. Jetzt muss nur noch das Vertrauen zurückkehren.

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  • Aus der FTD vom 31.08.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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Kommentare
  • 30.08.2012 19:25:34 Uhr   Norbert80: aus schuldnerstaaten werden vorbilder

    Die Analyse vom 7.8 bzgl. den Voraussetzungen von Kosolidierung war sehr aufschlussreich und plausibel:

    http://www.ftd.de/politik/konjunktur/:euro-krise-hohe-zinsen-allein-baendigen-schuldensuender-nicht/70073552.html?author=6005841

    "Es ist auch nicht allein mehr Wachstum, der wohl wichtigste Faktor beim Schuldenabbau."
    Wohl wahr, aber ohne Wachstum wird es sehr schwer den gegenwärtigen gordischen Knoten aus steigender Verschuldung, exzessiven Sparpaketen, Rezession und steigenden Zinsen zu durchschneiden. Die Schwellenländer sind im Schnitt um 3-5% p.a. real gewachsen - das ist für Europa utopisch.

    "Die Beispiele Asien und Lateinamerika zeigen die Vergänglichkeit von Vorurteilen."
    Die Tragik liegt imho in der Langlebigkeit von Vorurteilen gerade und v.a. bzgl. Italien.
    Das Land erzielt seit Jahren Primärüberschüsse und leidet demnach nicht an chronischer Verschwendungssucht sondern vielmehr an den "Sünden" der 80er und frühen 90er.
    Die mittelfristigen zu erwartenden "Früchte" der aktuellen Reformen werden von den hohen Zinszahlungen überkompensiert. Eine heute ausgegeben 10Jährige Anleihe zu 6% belastet den Haushalt 10 lange Jahre. Die Marktzinsen der "effizienten und rationalen Märkte" werden aber für sakrosant erklärt, ein Eingriff von konservativen Ökonomen und Notenbankern als eine schwere "ordnungspolitische Sünde" bezeichnet.

    "Erkennbar auch an der Besserung der Budgetsalden unter Herausrechnung der Konjunktureinflüsse."
    Das ist richtig - nützt aber aufgrund des hohen Zinsniveaus, extrem hoher (Langzeit-/Jugend)Arbeitslosigkeit sowie der durch die restriktive Fiskalpolitik induzierten Konjunktureinbruch zunächst wenig.

    "Jetzt muss nur noch das Vertrauen zurückkehren."
    Das ist des Pudels Kern. Die bisherigen Hilfen des EFSF und EZB waren "zu wenig und zu spät" - v.a. der Anstieg des Zinsniveaus birgt eine sehr hohe Hypothek für die Zukunft.

    Die Ansicht von Weidmann und seinem Doktorvater Neumann, Italien (oder auch Spanien) könne im aktuell rezessiven Umfeld ruhig noch höhere Zinsen bezahlen ist geradezu zynisch.

    http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/oekonom-manfred-neumann-fuer-griechenland-gibt-es-keine-hoffnung-mehr-1.1448978

    Höhere Zinszahlungsverpflichtungen reduzieren das Vertrauen der Märkte und induzieren mittelfristig noch höhere Zinsen um für steigende Ausfallrisiken zu kompensieren.

    Angesichts der andauernden Kakophonie in Europa ist das fehlende Vertrauen der Unternehmen und Investoren in das Überleben des Euro verständlich.

    Letzte Hoffnung ist und bleibt die EZB um den Teufelskreis zu durchbrechen.

  • 30.08.2012 18:39:33 Uhr   WILHER: Habe ich etwas überlesen, das Wörtschen Abw...
  • 30.08.2012 18:36:36 Uhr   Maikel: Unterschiede
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