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Merken   Drucken   25.09.2011, 20:27 Schriftgröße: AAA

Schuldenkrise: Indien drängt Euro-Staaten zu harten Beschlüssen

Der Subkontinent leidet unter den Krisen in den USA und Europa. Notenbankchef Subbarao fordert im FTD-Gespräch ein viel entschlosseneres Vorgehen in der Euro-Zone. Griechenland hält er schon jetzt für insolvent.
© Bild: 2011 FTD/Stephen Voss
Exklusiv Der Subkontinent leidet unter den Krisen in den USA und Europa. Notenbankchef Subbarao fordert im FTD-Gespräch ein viel entschlosseneres Vorgehen in der Euro-Zone. Griechenland hält er schon jetzt für insolvent. von Wolfgang Proissl  Washington
Indiens Zentralbankchef fordert von den Ländern der Euro-Zone mehr Entschlossenheit im Kampf gegen die Staatsschuldenkrise. "Die wichtigste Botschaft ist, dass sie die Vertrauenskrise bekämpfen müssen", sagte Duvvuri Subbarao, Governeur der Reserve Bank of India, im Interview der Financial Times Deutschland. "Die Probleme sind bekannt, die Lösungen sind bekannt. Uns läuft die Zeit schnell davon, und die Zahl der verfügbaren Optionen wird deshalb schnell immer geringer." Duvvuri Subbarao sprach am Rande der Washingtoner Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und des Treffens der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20), zu denen Indien gehört.
Die Äußerungen des Notenbankchefs stehen für die wachsende Sorge, mit der die wichtigsten Schwellenländer auf die Kriseneskalation in der Währungsunion blicken. Insbesondere die sogenannte Brics-Gruppe der fünf mächtigsten aufstrebenden Volkswirtschaften (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) fürchtet, unter der Krise der Euro-Länder zu leiden. "Die Angst vor überschwappenden Einflüssen ist sehr groß", so Subbarao. Die Finanzminister und Zentralbankchefs der Brics-Länder appellierten nach einem Treffen in Washington an die Euro-Staaten, offensiv gegen die Krise vorzugehen. Sie boten Hilfe über den IWF oder andere Finanzinstitutionen an.
Indiens Zentralbankgouverneur verlangte, es müsse Klarheit über die Lage der Euro-Krisenländer geschaffen werden. "Die Staaten in der Euro-Zone, die insolvent sind oder als insolvent gelten, müssen eine Restrukturierung ihrer Schulden angehen", sagte der 62-jährige Ökonom. "Und bei den Ländern, bei denen es ein Liquiditätsproblem gibt, muss das angegangen werden."
Der Geldpolitiker betonte, er sei nicht über alle Details in den Euro-Krisenstaaten informiert. "Aber ich habe den Eindruck, dass Griechenland eine Restrukturierung gebrauchen könnte", sagte er. "In Portugal und Irland scheint es dagegen kein Solvenzproblem zu geben."
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Der indische Währungspolitiker greift damit einen Eindruck auf, den viele Finanzminister und Zentralbankgouverneure hinter vorgehaltener Hand bei dem Washingtoner Treffen äußerten. Demzufolge ist Griechenland wegen seiner erdrückenden Schuldenlast, seiner miserablen Wettbewerbsfähigkeit und seinem anhaltenden Wachstumsabsturz nur noch mit einem drastischen Schuldenschnitt zu helfen. Offiziell halten EU und IWF jedoch bislang daran fest, dass Griechenland mit einer Mischung aus milliardenschweren Rettungskrediten, drastischem Sparkurs und tief greifenden Strukturreformen noch geholfen werden kann.
Der Zentralbankchef des zweitbevölkerungsreichsten Landes der Welt betonte, die Europäer müssten endlich dem permanenten Marktmisstrauen gegenüber der Euro-Zone begegnen: "Die Märkte müssen darauf vertrauen, dass angestrebte Lösungen vollständig und nachhaltig sind." Dahinter steht die Sorge, dass selbst der erweiterte Euro-Rettungsfonds EFSF mit einer Ausleihkapazität von 440 Mrd. Euro nicht ausreichen könnte, um die Euro-Krise zu stoppen. Deshalb forderten viele Teilnehmer in Washington, der EFSF sollte sich über die Europäische Zentralbank unbegrenzt mit Geld versorgen können.
Subbarao unterstrich, dass Indien über einen Rückgang der Exporte und anhaltend hohe Rohstoffpreise bereits unter den Folgen der Krisen in der Euro-Zone und den USA leide. "Über die Rohstoffpreise unterliegen wir bei Weitem am stärksten den Folgen der relativ expansiven Politik in den Industriestaaten", sagte der Zentralbankgouverneur. Indien kämpft derzeit mit einer Inflationsrate von mehr als neun Prozent. Die Notenbank muss daher trotz der Unsicherheiten im Zusammenhang mit der Krise die Geldpolitik straffen. "Wir haben in unserer Erklärung zur Geldpolitik klar gesagt, dass sich unsere geldpolitische Ausrichtung von Wachstumsstützung hin zur Inflationsbekämpfung geändert hat und dass das Absenken der Inflation derzeit unsere wichtigste Aufgabe ist", sagte Subbarao.
Der Inder stellte sich gegen Kritik, es sei nicht Aufgabe des IWF, reiche Länder wie die Euro-Krisenstaaten zu retten. Es gehöre zum Mandat des Fonds, für Stabilität zu sorgen und allen Mitgliedsländern mit Finanzproblemen zu helfen. "Deshalb denke ich nicht, dass der IWF wirklich sein Mandat verletzt, wenn er Griechenland, Irland oder Portugal rettet", sagte der Zentralbankchef. Allerdings benötige die Washingtoner Finanzorganisation bei der Rettung reicher Länder mehr Geld als bei armen Ländern. "Dabei ist es eine Tatsache, dass die Ressourcen des IWF begrenzt sind", sagte Subbarao weiter. "Da die gegenwärtigen Problemstaaten viele der Ressourcen des IWF beanspruchen, könnte es sein, dass er zusätzliche Ressourcen braucht."
Der Währungshüter betonte, in diesem Fall müsse über die Lasten- und Machtverteilung im Fonds gesprochen werden. "Dann stellt sich die Frage, wo und unter welchem Quotenarrangement das zusätzliche Geld herkommt", sagte Subbarao. Die IWF-Quotenfrage, die die Kapitalbeteiligung und die Stimmrechte aller Länder bestimmt, liege seit Langem auf dem Tisch. Sie sei bislang nicht vollständig beantwortet worden. "Sollte das Thema weiterer Kapitalzuschüsse aufkommen, bin ich sicher, dass die Frage, unter welchen Bedingungen das geschieht, wieder zurück auf den Tisch kommen wird", so der Zentralbanker.
  • Aus der FTD vom 26.09.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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